Matthias Nawrat - Die vielen Tode unseres Opas Jurek

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    Erzählt wird eine Familiengeschichte im Polen des 20. Jahrhunderts aus der Sicht der Enkel. Hauptfigur ist der Opa Jurek, wenngleich auch die Geschichten anderer Familienmitglieder eine Rolle spielen. Die Perspektive ist die der Enkel, die zur Beerdigung des Opas aus Deutschland, wo sie mit ihren Eltern jetzt leben, nach Schlesien zurückkommen. Sie verbringen ein Paar Tage in Opole (Oppeln) und lassen die Stationen des Lebens noch einmal an sich vorbeiziehen. Und dieses Leben hatte es wahrhaft in sich: Aus Warschau wurde der Opa deportiert und nach Auschwitz gebracht, er überlebte das Lager, ging nach dem Krieg nach Opole, stritt mit den neuen kommunistischen Machthabern, trieb Handel und wurde Leiter eines Kaufhauses, wurde dann aber von der Staatssicherheit inhaftiert, verlor seinen Beruf und endete in Arbeitslosigkeit, die es natürlich offiziell in Polen gar nicht gab.


    Dies alles ist der Stoff für eine traurige Lebensgeschichte, das Buch ist aber alles andere als das. Erzählt wird all dies nämlich in einem Ton, der sich aus zwei Quellen speist: Einmal ist es die (vermeintlich) naive Sicht der Enkel, denen man die Geschichten als Kinder erzählt und dabei natürlich so verpackt, dass sie möglichst harmlos klingen. Zum anderen sind es die sprachlichen Euphemismen des Sozialismus, die der Autor nutzt, um die Erzählung noch einmal zu brechen. Natürlich weiß jeder Pole, dass die 'Freundschaft mit der Sowjetunion' ein Witz war und ein Euphemismus für die russische Unterjochung Polens. Die Erzählung nimmt die Euphemismen beim Wort und versucht, die Wirklichkeit dem Ideal anzupassen, was für zahllose witzige Momente sorgt. Und Jurek selbst will natürlich seine Geschichte so erzählen, dass er jeweils als Held und Gewinner dasteht.


    Der so entstehende Text ist ein Schelmenroman, der auf jeder Seite Spaß macht. Oft habe ich beim Lesen laut gelacht, und der Kontrast zwischen dem lockeren und humorigen Ton und der Handlung führt dazu, dass die wirklich tragischen Momente der Geschichte (der Todeshunger in Auschwitz, die Todesdunkelheit in den Stasi-Verliesen) besonders intensiv werden. Man lacht viel, aber an diesen Stellen mischen sich die Tränen unter das Lachen.


    Matthias Nawrat gelingt es dabei nicht nur, die vielen kleinen Anekdoten aus dem Leben Jureks und seiner Familie großartig zu erzählen. Er hält den Ton auch so konsequent über die gesamte Länge des Buches durch, er trifft den polnischen Ton so genau, dass man meint, eine brillante Übersetzung eines polnischen Romans zu lesen und sich vergewissert, dass der Autor ja auf Deutsch schreibt (wobei er sich der eigenen polnischen Familiengeschichte bedient).


    Im Ergebnis: Das Buch ist hinreißend komisch, dabei wunderbar tief und ernst, stilistisch äußerst gelungen. Unbedingt lesen!


    5ratten :tipp:

  • Tomkes Eindruck kann ich im Prinzip nur entsprechen. Allerdings hat es bei mir nicht funktioniert. Der Stil ist auf der einen Seite zwar äußerst gelungen und es ist beeindruckend, wie er konsequent durchgehalten wird und ich kann mir vorstellen, wie nicht wenige Leser:innen ihre wahre Freude daran haben werden. Aber auf der anderen Seite war mir dieser naive, humorvolle Ton bei den ernsten Themen zu banal. Mit so einem Schelm über Erlebnisse in KZ zu berichten, ... ich bin nicht betroffen, ich kann mir vorstellen, dass das für Betroffene auch gut so sein kann, aber ich konnte es nicht gut lesen. Es war nicht meine Art von Humor oder Verarbeitung eines solchen Themas. Ich will damit auch gar nicht sagen, dass der Autor nicht den richtigen Ton getroffen hat, Nazi-Verbrechen verharmlost oder sonst was - ich kann mir vorstellen, dass das bei vielen Leser:innen funktioniert - aber bei mir funktionierte es nicht. Schade eigentlich, ich hatte Gutes über das Buch gehört und mich wirklich aufs Lesen gefreut.

  • Valentine

    Hat den Titel des Themas von „Matthias Nawrat, Die vielen Tode unsere Opas Jurek“ zu „Matthias Nawrat - Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ geändert.