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Mehr Platz der Lyrik

  • b.a.t.
  • 29. September 2022 um 20:38
  • Zum letzten Beitrag

Es gibt 762 Antworten in diesem Thema, welches 89.041 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (2. Mai 2026 um 09:36) ist von Kritty.

  • sandhofer
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    • 12. Juli 2025 um 15:53
    • #541
    Zitat von Alice

    Ich muss zugeben, dass sich mein erster Impuls beim Gedicht von Glück auf

    ...die Ausaat einjähriger Blumen bezog. :/

    Hm ... "I’m tired of you, chaos // of the living world—" klingt für mich nach ein bisschen mehr als einjährigen Blumen. Im Wort "Chaos" steckt für mich ein Zustand vor oder während einer Schöpfung einer Welt. Dann wäre das lebende Ding der folgenden Zeilen mehr als nur eine oder ein paar Blumen - nämlich die ganze soeben geschöpfte Welt.

    Mein erster Impuls war eher: zu animistisch, diese ganze lebende Welt. Selbst für Dichtung.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Alice
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    • 12. Juli 2025 um 15:56
    • #542

    sandhofer : Das war tatsächlich auch nur ein allererster Impuls, den ich mich gar nicht getraut habe, hier schriftlich niederzulegen. Ich bin Deiner Version dann gerne innerlich gefolgt. ^^

  • b.a.t.
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    • 12. Juli 2025 um 16:29
    • #543

    Alice Sonntag 20: Juli )

  • sandhofer
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    • 13. Juli 2025 um 16:33
    • #544
    Zitat von Alice

    Das war tatsächlich auch nur ein allererster Impuls, den ich mich gar nicht getraut habe, hier schriftlich niederzulegen.

    Erste Impulse sind immer gut; vor allem bei Gedichten wie diesem hier von Glück, die doch sehr hermetisch, in sich abgeschlossen, schreibt und uns Lesende vor einem Rätsel stehen lässt.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Alice
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    • 13. Juli 2025 um 17:36
    • #545

    Ich hol das Gedicht für's Weiterdiskutieren in einer zweiten Woche durch Zitieren noch mal runter, damit man nicht so nervig rumscrollen muss:

    Zitat von b.a.t.

    Ich hab noch eine Dichterin im Regal gefunden, die wir erstaunlicherweise noch gar nicht hatten, auch nicht bei den ersten Gedichten im Thread.

    Louise Glück - September Twilight

    I gathered you together,

    I can dispense with you—

    I’m tired of you, chaos

    of the living world—

    I can only extend myself

    for so long to a living thing.

    I summoned you into existence

    by opening my mouth, by lifting

    my little finger, shimmering

    blues of the wild

    aster, blossom

    of the lily, immense,

    gold-veined—

    you come and go; eventually

    I forget your names.

    You come and go, every one of you

    flawed in some way,

    in some way compromised: you are worth

    one life, no more than that.

    I gathered you together;

    I can erase you

    as though you were a draft to be thrown away,

    an exercise

    because I’ve finished you, vision

    of deepest mourning.

    aus

    Glück, Louise Wilde Iris .5.Aufl., München: Luchterhand Literaturverlag, 2020, S. 126. u. 128

    Alles anzeigen
  • sandhofer
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    • 13. Juli 2025 um 18:08
    • #546

    Woher kommt die Trauer in der Schlusszeile? :/

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • sandhofer
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    • 14. Juli 2025 um 17:18
    • #547

    Ich meine: Eigentlich besteht die ganze hier angesprochene Schöpfung aus Blumen. Ist die Iris eine Trauerblume?

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Sagota
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    • 15. Juli 2025 um 00:21
    • #548

    Das hätte ich noch nie gehört, sandhofer - und da es um eine meiner Lieblingspflanzen geht (iris sibirica z.B. :D) hier die Deutung, wofür die Iris steht:

    Iris – im Griechischen = Regenbogen – ist in der griechischen Mythologie die Frau des Zephyr, des lüsternen Westwinds, der den Regen bringt. Sie war Botin der Göttin Hera, vermittelte zwischen den Göttern und den Menschen, deshalb wurde der Blume zugeschrieben, sie verweise auf die (gute) Botschaft. Daran knüpfte dann auch die christliche Symbolik an - auf manchen Bilder hält der Verkündigungsengel, der Maria die göttliche Botschaft überbringt, eine Schwertlilie in der Hand. Die Blume verweist aber auch auf das Leid der Gottesmutter, zugleich auf ihre Tugenden der Reinheit und Beständigkeit.

    Seit früher Zeit diente die Schwertlilie auch als Herrschaftssymbol – in einer ganzen Reihe von Königs- und Fürstenwappen erscheint sie, signalisiert Mut, Tapferkeit, Ritterlichkeit und königliche Würde.

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

  • b.a.t.
    ...
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    • 15. Juli 2025 um 07:18
    • #549

    Die Vergänglichkeit der Blumen sehe ich auch. Was hat es schon für einen Sinn Schnittblumen zu haben? Sobald man sie in eine Vase stellt, sind sie bereits tot.

    as though you were a draft to be thrown away,

    Sie hat die Blume zum Leben gebracht, damit sie ihr selbiges wieder nimmt. Der ewige Kreislauf.

    Der zwielichtige Herbst des Lebens ist angebrochen. Für die Blumen auch für vieles andere Lebendige. Die Schönheit vergeht schneller, die Erinnerung beginnt zu bröckeln. Viele kommen und gehen ohne viel Eindruck zu hinterlassen.

    Für mich is das Gedicht eine Metapher auf das eigene Leben.

  • thomas_b
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    • 21. Juli 2025 um 13:35
    • #550

    Geht es mit neuen Gedichten weiter oder machen wir eine Sommerpause?

  • b.a.t.
    ...
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    • 21. Juli 2025 um 14:02
    • #551

    Ich dachte Alice wollte ein Gedicht posten

  • Alice
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    • 21. Juli 2025 um 14:43
    • #552

    Ok - kommt gleich! :)

  • Alice
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    • 21. Juli 2025 um 15:21
    • #553

    Here (Philip Larkin 1964)

    Swerving east, from rich industrial shadows

    And traffic all night north; swerving through fields

    Too thin and thistled to be called meadows,

    And now and then a harsh-named halt, that shields

    Workmen at dawn; swerving to solitude

    Of skies and scarecrows, haystacks, hares and pheasants,

    And the widening river's slow presence,

    The piled gold clouds, the shining gull-marked muds,

    Gathered to the surprise of a large town:

    Here domes and statues, spires and cranes cluster

    Beside grain-scattered streets, barge-crowded water,

    And residents from raw estates, brought down

    The dead straight miles by stealing flat-faced trolleys,

    Push through plate-glass swing doors to their desires -

    Cheap suits, red kitchen-ware, sharp shoes, iced lollies,

    Electric mixers, toasters, washers, driers -

    A cut-price crowd, urban yet simple, dwelling

    Where only salesmen and relations come

    Within a terminate and fishy-smelling

    Pastoral of ships up streets, the slave museum,

    Tattoo-shops, consulates, grim head-scarfed wives;

    And out beyond its mortgaged half-built edges

    Fast-shadowed wheat fields, running high as hedges,

    Isolate villages, where removed lives

    Loneliness clarifies. Here silence stands

    Like heat. Here leaves unnoticed thicken,

    Hidden weeds flower, neglected waters quicken,

    Luminously-peopled air ascends,

    And past the poppies bluish neutral distance

    Ends the land suddenly beyond a beach

    Of shapes and shingle. Here is unfenced existence:

    Facing the sun, untalkative, out of reach.

    Aktuelle Quelle:

    Melissa Harrison - Summer (An anthology for the changing seasons)

  • b.a.t.
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    • 21. Juli 2025 um 21:14
    • #554

    Die Flucht von Süd nach Nord, ich stell mir gerade Elizabeth Gaskells North and South vor.

    Da ist es umgekehrt, da geht es Richtung Norden zur Industrie und weg vom idyllischen Land, hier vom industriebelasteten Süden Richtung Norden, wo es hauptsächlich Landschaft und hin und wieder eine Stadt gibt.

    Das war der erste Kurzeindruck :)

  • thomas_b
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    • 21. Juli 2025 um 21:53
    • #555

    Viele Vokabeln, viele Stimmungen, ein Gedicht ein wenig wie ein Wimmelbild mit ganz vielen Stimmungen und viel Leben. Die von ChatGPT erzeugte Übersetzung gefällt mir übrigens überraschend gut.

  • Alice
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    • 21. Juli 2025 um 22:04
    • #556

    Mir fiel das unregelmäßig wechselnde Reimschema (mal ABAB, mal ABBA) auf - und wenn sich kein echter Reim sinnharmonisch ergibt, erzwingt er's nicht. (Oder hat das ieinen "tieferen" Sinn??)

  • thomas_b
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    • 22. Juli 2025 um 10:40
    • #557

    Der Autor Philip Larkin ist nicht ganz unumstritten. Zitat: "Seinen Ruf als rechtslastigen Griesgram festigten Briefe aus dem Nachlass, in ihnen finden sich rassistische Äußerungen. Gegenüber seiner Freundin Monica Jones benahm sich Larkin erwiesenermaßen als Ekel."

    Darin ist wohl die Ursache zu suchen, warum er von britischen Lehrplänen gestrichen wurde. Dem Gedicht oben kann all das nichts anhaben.

    Link:

    Der britische Lyriker Philip Larkin wird von Lehrplänen gestrichen – zu Recht?
    Der britische Lyriker erfand den Sound der Desillusionierung – und rührte selbst Aufgeklärte mit seinen Litaneien zu Tränen
    www.derstandard.de
  • sandhofer
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    • 17. August 2025 um 19:55
    • #558

    Na, wie schaut's aus? Urläube vorbei?

    Dann hätte ich was für Euch.

    Der Knabe im Moor

    O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
    Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
    Sich wie Phantome die Dünste drehn
    Und die Ranke häkelt am Strauche,
    Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
    Wenn aus der Spalte es zischt und singt! –
    O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
    Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

    Fest hält die Fibel das zitternde Kind
    Und rennt, als ob man es jage;
    Hohl über die Fläche sauset der Wind –
    Was raschelt drüben am Hage?
    Das ist der gespenstische Gräberknecht,
    Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
    Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
    Hinducket das Knäblein zage.

    Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
    Unheimlich nicket die Föhre,
    Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
    Durch Riesenhalme wie Speere;
    Und wie es rieselt und knittert darin!
    Das ist die unselige Spinnerin,
    Das ist die gebannte Spinnenlenor’,
    Die den Haspel dreht im Geröhre!

    Voran, voran! Nur immer im Lauf,
    Voran, als woll es ihn holen!
    Vor seinem Fuße brodelt es auf,
    Es pfeift ihm unter den Sohlen,
    Wie eine gespenstige Melodei;
    Das ist der Geigemann ungetreu,
    Das ist der diebische Fiedler Knauf,
    Der den Hochzeitheller gestohlen!

    Da birst das Moor, ein Seufzer geht
    Hervor aus der klaffenden Höhle;
    Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
    „Ho, ho, meine arme Seele!“
    Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
    Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
    Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
    Ein Gräber im Moorgeschwele.

    Da mählich gründet der Boden sich,
    Und drüben, neben der Weide,
    Die Lampe flimmert so heimatlich,
    Der Knabe steht an der Scheide.
    Tief atmet er auf, zum Moor zurück
    Noch immer wirft er den scheuen Blick:
    Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
    O schaurig war’s in der Heide.


    (Annette von Droste-Hülshoff)

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Sagota
    Booktraveler
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    • 17. August 2025 um 23:38
    • #559

    Mein erster Impuls: Das Gedicht erinnert mich stark an die Geschichte des Erlkönigs.... vermutlich wegen des Knaben ;)

    Im Gegensatz zum Knaben im Erlkönig (der verstarb) hatte dieser Knabe wohl mehr Glück, nicht sein Leben zu lassen.

    Zudem muss ich sagen, dass ich (nach meiner ersten Schauergeschichte, die im Moor verortet war) seither großen Respekt vor diesen Landstrichen habe - die wirklich viele Opfer forderten und die man kennen muss, um unbeschadet hindurchzukommen.

    Ähnlich wie die Gefahren von Ebbe und Flut - und die Wattläufer, die sich in Lebensgefahr begeben, wenn sie nicht die Gezeiten kennen.... Auch hier sind viele ums Leben gekommen.

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

  • Valentine
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    35
    • 18. August 2025 um 09:06
    • #560

    Zuallererst muss ich bei dem Gedicht an meine Schwester denken, die das in der Schule lesen musste und es gehasst hat. An die am Strauche häkelnde Ranke kann ich mich noch gut erinnern :lachen:

    Mir ist es insgesamt ein wenig zu schwülstig und aus heutiger Sicht wirken manche Formulierungen auf mich schon fast ein bisschen unfreiwillig komisch wie das irre Rind, aber insgesamt ist es auch sehr stimmungsvoll und ein wenig gruselig. Eine eindrucksvolle Warnung vor den Gefahren des Moores, und man fürchtet sich regelrecht mit dem Knaben mit und atmet auf, wenn die Gefahr vorbei ist. Das Rennen erinnert mich daran, wie ich als Kind immer aus dem Keller geflohen bin, wenn die Heizungsanlage ansprang, weil ich das so gruselig fand :breitgrins:

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.
    Leonard Cohen


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