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Mehr Platz der Lyrik

  • b.a.t.
  • 29. September 2022 um 20:38
  • Zum letzten Beitrag

Es gibt 762 Antworten in diesem Thema, welches 89.021 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (2. Mai 2026 um 09:36) ist von Kritty.

  • thomas_b
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    • 15. Dezember 2025 um 16:11
    • #721

    Waren Zigaretten nicht das Symbol für den Wohlstand des Westens während billiger Riesling durchaus im Osten einfach zu kaufen war?

  • thomas_b
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    • 15. Dezember 2025 um 17:50
    • #722

    Den Titel "das große nichts" zeigt mE, dass man in dieser Welt keinen Sinn finden kann. Die erste Strophe thematisiert dann unsere Konsumwelt mit ihrem Überfluss (anderthalb Kilo Pralinen). Die zweite Strophe verweist mit "bruder stalin" auf Ideologien wie sie auch in der DDR umgesetzt werden sollen. Auch diese sind sinnlos und stellen sich als Lüge heraus. In der dritten Strophe setzt man auf die Liebe, aber auch diese erweist sich als instabil, sie ist nur auf Knochen gebaut, die am morgigen Tag eben nichts mehr wert sein kann. Somit gibt es nichts, woran das lyrische Ich noch glauben kann. Einzig die Kippen sind ihr noch wichtig, aber diese lösen sich dann letztlich auch in Rauch auf, es bleibt also nichts übrig.

    Und so könnte man das Gedicht als große Sinnsuche lesen. Mir gefällt das Bild von sandhofer mit der Musikerin ebenfalls ganz gut, zumindest hat das Gedicht ja einen traurigen musikalischen Klang. Die Autorin selber schrieb auch Musikkritiken in der Süddeutschen und die Melancholie mancher Band ist auch in diesen Gedichtzeilen zu spüren.

  • sandhofer
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    • 15. Dezember 2025 um 18:03
    • #723

    Der Bruder Stalin irritiert mich auch. Aber an die DDR glaube ich nicht. Die Autorin hat die DDR nie bewusst erlebt. Wenn, dann ist das hier Hören-Sagen. Sie ist ja Musikjournalistin, und ich vermute, dass das hier eher Schnipsel sind aus einem Gespräch mit einer Musikerin. Die erste Zeile könnte sehr wohl sein, was man nach einem Konzert in der Erschöpfungseuphorie und weil man wirklich Hunger hat, so in sich hineinstopft, weil es gerade herumsteht.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • b.a.t.
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    • 17. Dezember 2025 um 17:24
    • #724

    Danke thomas_b für das neue Gedicht.

    ich bin noch bis Ende der Woche hier im Paradies :)

    Die Autorin hat im Gedicht ihr Paradies verloren. Alles was vorgegaukelt wurde im (A)sozialismus ist gekippt. Die Welt hat sich verkehrt. Sie kann wenigem noch Sinn entlocke, , mit billigem Wein und Naschzeug versucht sie sich zu trösten. Zigaretten wären ihr aber lieber, aber auch das ist heut zu Tage nicht mehr konform.

    Die Liebe an das alte System zählt nicht mehr, die Liebe wird auf Kosten oder Knochen anderer gebaut.

  • sandhofer
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    • 17. Dezember 2025 um 17:43
    • #725

    b.a.t. : An was für ein "altes System" denkst Du?

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • b.a.t.
    ...
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    • 17. Dezember 2025 um 17:56
    • #726

    Den Sozialismus, sie spricht ja Stalin somit ist klar über welches System sie spricht. Sie muss ja nicht dort aufgewachsen sein, um darüber zu schreiben. In ihrem Umfeld gibt es ja genug Menschen, die ihr sicher immer wieder darüber berichtet haben. Ich kann ja auch etwas über das Mittelalter schreiben, muss ja nicht immer autofiktional sein..

  • sandhofer
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    • 17. Dezember 2025 um 20:06
    • #727
    Zitat von b.a.t.

    Den Sozialismus, sie spricht ja Stalin somit ist klar über welches System sie spricht.

    Ja, dieser Stalin irritiert auch mich. Der ganze Rest passt bestens auf die Stimmung hinter der Bühne vor oder nach einem Konzert. Und die Autorin scheint, nach dem, was ich über sie gelesen habe, stark mit der aktuellen Musikszene verbandelt zu sein. Aber dieser Stalin? Vielleicht ein roter Hering? Ironie? Purste Publikumsverarsche?

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • b.a.t.
    ...
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    • 17. Dezember 2025 um 21:14
    • #728

    oder eine Wodkasorte )

  • thomas_b
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    du / er
    • 18. Dezember 2025 um 02:08
    • #729

    Stalin ist doch der Inbegriff für jegliche Ideologie. Das kann sich dann sogar auf den Kapitalismus beziehen.

  • sandhofer
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    • 18. Dezember 2025 um 08:17
    • #730
    Zitat von b.a.t.

    oder eine Wodkasorte

    Vodka Stalinskaya ... hm ... das könnte es sein. Wenn Bruder Stalin lügt = wenn Schwesterchen Wodka dich nicht mehr vor der Verzweiflung retten und in den Morgen tragen kann ... könnte sein. Der ironische Haken dabei: Bei einem Menschen aus dem Osten der Republik denkt man automatisch an den Diktator und geht in die Irre ... Gefällt mir.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • thomas_b
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    • 19. Dezember 2025 um 09:12
    • #731

    Für die Weihnachtswoche schlage ich vor, dass jeder ab Sonntag sein Weihnachtsgedicht hier posten darf und wir dies weitgehend uninterpretiert stehen lassen. Spontane Gefühlsregungen sind natürlich erlaubt.

  • thomas_b
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    • 21. Dezember 2025 um 23:18
    • #732

    Großstadt-Weihnachten
    von Kurt Tucholsky

    Nun senkt sich wieder auf die heim'schen Fluren
    die Weihenacht! die Weihenacht!
    Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
    wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

    Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
    Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
    Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
    den Aschenbecher aus Emalch glasé.

    Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
    auf einen stillen heiligen Grammophon.
    Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
    den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

    Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
    voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
    dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
    "Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!"

    Und frohgelaunt spricht er vom 'Weihnachtswetter',
    mag es nun regnen oder mag es schnein,
    Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
    die trächtig sind von süßen Plauderein.

    So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
    in dieser Residenz Christkindleins Flug?
    Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden ...
    "Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug."

  • Alice
    liest
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    • 22. Dezember 2025 um 08:00
    • #733

    Tucholsky <3 - so trügerisch leicht.

    Die Reime - teilweise so ironisch falsch wie der beschriebene Frieden.

    (Hoffe, das war ok als "spontane Gefühlsregung"...)

  • thomas_b
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    • 31. Dezember 2025 um 14:50
    • #734

    Ich hoffe, wir kehren am folgenden Sonntag in den normalen Rhythmus zurück.

    Da diese Woche bisher noch niemand was gepostet hat, hier noch was von mir zu Silvester. Darf gern durch eigene Gedichte ergänzt werden.

    Silvester
    von Kurt Tucholsky

    Was fange ich Silvester an?
    Geh ich in Frack und meinen kessen
    Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
    Das Herrn Generaldirektor gibt?
    Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
    Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -
    Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
    Das junge Volk verdrückt sich bald.
    Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -
    Prost Neujahr!
    Ach, ich armer Mann!
    Was fange ich Silvester an?

    Wälz ich mich im Familienschoße?
    Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
    Dann gibt′ s Gelee. Dann gibt es Krach.
    Der greise Männe selbst wird schwach.
    Aufsteigen üble Knatschgerüche.
    Der Hans knutscht Minna in der Küche.
    Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
    Die Bowle -? („Leichter Mosel“ nur - )
    Prost Neujahr!
    Ach, ich armer Mann!
    Was fange ich Silvester an?

    Mach ich ins Amüsiervergnügen?
    Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
    Schrei ich in einer schwulen Bar:
    "Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!"
    Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -
    Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
    Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
    Prost Neujahr!
    Helft mir armem Mann!
    Was fang ich blos Silvester an _ ?

  • thomas_b
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    du / er
    • 31. Dezember 2025 um 14:55
    • #735

    Hier noch der andere Jahresausklang von der Droste:

    Am letzten Tag des Jahres
    von Annette von Droste-Hülshoff

    Das Jahr geht um,
    der Faden rollt sich sausend ab.
    Ein Stündchen noch,
    das letzte heut,
    Und stäubend rieselt
    in sein Grab,
    was einstens war
    lebendge Zeit.
    Ich harre stumm.

    ′ s ist tiefe Nacht!
    Ob wohl ein Auge
    offen noch?
    In diesen Mauern
    rüttelt dein
    Verrinnen, Zeit!
    Mir schaudert, doch
    Es will die letzte
    Stunde sein
    Einsam durchwacht,

    Gesehen all,
    Was ich begangen und gedacht.
    Was mir aus Haupt und Herzen stieg,
    Das steht nun eine
    ernste Wacht
    Am Himmelstor,
    O halber Sieg!
    O schwerer Fall!

    Wie reißt der Wind
    Am Fensterkreuze!
    Ja, es will
    Auf Sturmesfittichen das Jahr
    Zerstäuben, nicht ein Schatten still
    Verhauchen unterm
    Sternenklar.
    Du Sündenkind,

    War nicht ein hohl
    Und heimlich Sausen
    jeder Tag
    In deiner wüsten Brust Verlies,
    Wo langsam Stein an Stein zerbrach,
    wenn es den kalten Odem stieß
    Vom starren Pol?

    Mein Lämpchen will
    Verlöschen,
    und begierig saugt
    Der Docht den letzten Tropfen Öl.
    Ist so mein Leben auch verraucht?
    Eröffnet
    sich des Grabes Höhl
    Mir schwarz und still?

    Wohl in dem Kreis,
    Den dieses Jahres Lauf umzieht,
    Mein Leben bricht.
    Ich wußt es lang!
    Und dennoch hat
    dies Herz geglüht In eitler
    Leidenschaften Drang!
    Mir brüht der Schweiß

    Der tiefsten Angst
    auf Stirn und Hand.
    Wie? dämmert feucht
    Ein Stern dort durch die Wolken
    nicht? Wär es der Liebe Stern
    vielleicht, Dir zürnend mit dem
    trüben Licht, Daß du so bangst?

    Horch,
    welch Gesumm ?
    Und wieder? Sterbemelodie!
    Die Glocke regt
    den ehrnen Mund.
    O Herr, ich falle auf das Knie :
    Sei gnädig meiner
    letzten Stund!
    Das Jahr ist um!

  • thomas_b
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    du / er
    • 5. Januar 2026 um 18:47
    • #736

    Macht hier irgendjemand weiter? Das wäre schön.

  • b.a.t.
    ...
    Beiträge
    2.143
    • 5. Januar 2026 um 19:27
    • #737

    Ja kann ich machen, aber morgen, hab heute nicht mehr die Muße, Gedichtbände zu durchforsten

  • Juva
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    • 5. Januar 2026 um 19:38
    • #738

    Ich habe gerade schon mal gesucht und hätte was jahreszeitlich Passendes von Mascha Kaléko, wenn Ihr möchtet.

  • b.a.t.
    ...
    Beiträge
    2.143
    • 5. Januar 2026 um 19:54
    • #739

    sehr gerne Juva dann such ich für nächste Woche eines.

  • Juva
    Patronus
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    • 5. Januar 2026 um 20:25
    • #740

    Lied im Schnee (Mascha Kaléko)

    Nachts fiel ein Schnee auf die alternde Welt
    Und machte sie schimmernd und neu.
    Oh, wie freu ich mich an dem Schnee, der fällt
    Auf die nagelneue, die glitzernde Welt,
    Und der Park blüht so weiß wie im Mai.

    Jetzt sollte man eigentlich sieben sein
    Mit den tanzenden Flocken im Haar
    Und den Kinderaugen wie Schnee so rein
    Und so frisch wie das kommende Jahr.
    - Verschollen das Lied und der Ringelreihn,
    Zerstoben die Kinderschar.

    Zerronnen ist der Wintertraum,
    Versunken ist der Märchenbaum.
    Den Zauberspruch habe ich vergessen.
    Rotkäppchen ward vom Wolf gefressen.
    - Nur ich allein am Fenster steh
    Und starre in den Winterschnee.

    [Das Gedicht wurde 1980 aus dem Nachlass der Autorin veröffentlicht.]


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