[kaufen=' 978-3406652912'][/kaufen]
Mit dem Sachbuch "Rudolf Hess: Der Stellvertreter" legt Manfred Görtemaker eine extrem gute recherchierte und sehr detaillierte Biographie von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess vor, die sprachlich gut formuliert und daher grundsätzlich angenehm lesbar ist. Allerdings ist die Detailtreue des Autors teilweise anstrengend, da man als LeserIn immer mal wieder das Gefühl haben kann, sich in zu vielen Nebensächlichkeiten zu verlieren - hier entsteht zuweilen der Eindruck, dass Manfred Görtemaker wirklich jedes Rechercheergebnis im Text unterbringen wollte.
Ich habe mich wiederholt gefragt, warum der Autor seinen Anmerkungsapparat nicht funktionaler nutzt, dieser besteht - obwohl sehr umfangreich - fast ausschließlich aus Literaturverweisen, meines Erachtens hätte der eigentliche Text an vielen Stellen entlastet werden können, wenn Details im Anmerkungsapparat gelandet wären, die eher Beiwerk zu den eigentlichen Geschehnissen sind.
Die Biographie umfasst drei Teile: "Suche nach Orientierung", "An Hitlers Seite" und "Häftling der Alliierten", von denen der zweite Teil der umfangreichste, der dritte aus meiner Sicht aber der interessanteste ist. Görtemaker räumt insgesamt mit vielen Mythen rund um Hess auf, wobei der Englandflug und Hess´Haftzeit in Spandau, die beide im dritten Teil der Biographie behandelt werden, besonders im Fokus stehen, da sich darum sicher auch die meisten Vermutungen ranken. In diesem Kontext ist Görtemakers akribische Recherche und Detailverliebheit ganz sicher vorteilhaft, weil damit viele bisher bestehende Grauzonen beseitigt werden.
In seinen Schlussbetrachtungen fasst Görtemaker seine Sicht auf die Person Hess folgendermaßen zusammen:
ZitatTatsächlich war Hess weder ein bloßes Werkzeug in der Hand des "Führers" noch eine willenlose Persönlichkeit. Die Bedeutung, die er bis 1941 für Hitler, die NSDAP und den Nationalsozialismus besaß, ist kaum hoch genug zu veranschlagen. (S. 588)
Diese Sichtweise, die durchaus den Perspektiven anderer Historiker auf die Person Hess widerspricht, wird durch Görtemakers Argumentation und sein Quellenstudium nachvollziehbar belegt. Dazu trägt auch bei, dass sich der Autor gleichzeitig durchaus in den Kontext aktueller Studien zum Nationalsozialismus einreiht, auch wenn er auffällig wenig Sekundärliteratur im Anhang seines Werkes nachweist.
Insgesamt handelt es sich um eine wissenschaftlich fundierte Biographie, die für geschichtsinteressierte LeserInnen einige neue Denkansätze zur Person Rudolf Hess und zur Geschichte des Nationalsozialismus bietet. Historisches Vorwissen ist für das Verständnis sicher hilfreich.
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