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Christoph Ransmayr - Cox oder Der Lauf der Zeit

  • finsbury
  • 1. Juli 2026 um 15:52
  • Zum letzten Beitrag

Es gibt 2 Antworten in diesem Thema, welches 206 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (2. Juli 2026 um 20:01) ist von finsbury.

  • finsbury
    Bibliothekar*in
    Beiträge
    2.537
    • 1. Juli 2026 um 15:52
    • #1

    Christoph Ransmayr (*1954) ist ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Schriftsteller, der besonders mit seinen ersten Romanen „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, „Die letzte Welt“ und „Morbus Kithahara“ aus den Achtziger und Neunziger Jahren für öffentliches Interesse und die Bewunderung zahlreicher Rezensenten sorgte.

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    Im vorliegenden Roman von 2016 reist der erfolgreiche englische Uhrmacher, Juwelier und Unternehmer Alister Cox mit drei seiner Angestellten im 18. Jahrhundert nach China, um nach Anforderung des Kaisers Qiánlóng, der neben vielen anderen die Titel „Herr der Welt“ und „Herr der zehntausend Jahre“ trägt, verschiedene Uhren zu bauen und zu verzieren. Die vier Männer werden in aller Pracht in Bejing aufgenommen, und Cox selbst darf sogar einen Pavillon in der Verbotenen Stadt bewohnen, was äußerst ungewöhnlich ist für einen ausländischen Handwerker. Auch beehrt ihn der Kaiser mit Audienzen und Besuchen in Begleitung seiner Konkubinen, besonders der schönen An. Diese erinnert Cox an seine kürzlich verstorbene fünfjährige Tochter Abigail und seine junge Frau, die sich nach dem Tod der Tochter völlig in sich selbst zurückgezogen hat. Den Auftrag des Kaisers, Uhren für besondere Lebenssituationen zu entwickeln, nimmt er zum Anlass, ein Uhrengehäuse in Form eines Silberschiffes zu bauen, das die unterschiedliche Zeitwahrnehmung von Kindern mit verschieden gehenden Uhrwerken simuliert und das er heimlich seiner Tochter widmet. Bevor er dieses vollenden kann, wünscht sich der Kaiser anlässlich der grausamen Hinrichtung von zwei Untergebenen, die falsche Gerüchte über die Kränklichkeit des Herrn der Welt in Umlauf gebracht hatten, eine andere Uhr. Hier interessiert sich der Herrscher besonders dafür, wie die Zeit für jemanden vergeht, der unwiderruflich weiß, wann genau er unter schrecklichen Qualen stirbt. Obwohl Cox bei den vorbereitenden Gesprächen mit den Verurteilten sich deren Gedanken wegen der damit verbundenen Qualen gar nicht anhören mag und stattdessen über sich selbst erzählt, baut er nachher doch viel weniger persönlich als bei dem Silberschiff diese Uhr, für deren Gestaltung er die chinesische Mauer zum Vorbild nimmt. Inzwischen ist der Hof aus Bejing in die mongolische Sommerresidenz umgezogen, und dort verlangt nun der Kaiser das Größte von ihm: Eine Uhr, die ewig geht, nie gestellt werden muss und alle Zeit der Welt übersteht. Auch dies gelingt dem genialen Uhrmacher, aber er muss damit rechnen, nach deren Fertigstellung getötet zu werden, weil er damit zugleich den Herrn über die Zeit, den Kaiser, demütigt … .

    Der Roman brilliert durch wunderschöne Schilderungen von Landschaften, Kunstwerken und Menschen, die wohl von chinesischen Tuschezeichnungen inspiriert sind. Ransmayr will auch ein philosophisches Thema aufbereiten, nämlich eben die Hinfälligkeit des Menschen gegenüber der scheinbaren Unvergänglichkeit der Zeit. Aber hier kommt er an die Grenzen seines Unterfangens: Mit technischen Spielereien, und seien sie noch so genial, kommt man dem Geheimnis der Zeit nicht näher. Als Leser fühle ich mich zwar hingezogen von der Schönheit der Schilderungen, aber die tiefere Dimension des Erzählten kann ich nicht recht erfühlen. Da habe ich schon viel Berührenderes von Ransmayr gelesen, insbesondere „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ und „Der fliegende Berg“. Im Klappentext des Romans heißt es, das Buch thematisiere, dass nichts über die Zeit siege als das Erzählen, aber da hat man sich etwas einfallen lassen, was man als Phrase allem möglichen Erzählten beigeben könnte.

  • Bluebell
    Bibliothekar*in
    Beiträge
    2.149
    • 1. Juli 2026 um 21:22
    • #2

    Danke für die Rezi, finsbury. Mein erster Ransmayr war voriges Jahr "Morbus Kitahara", und das hat mich wirklich aus den Socken gehaut. Ganz klar mein Lesehighlight des Jahres. "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" fand ich ähnlich faszinierend, aber seither habe ich Hemmungen, noch etwas von ihm zu lesen, eben weil ich Angst habe, dass dieses Level nicht durchgängig gehalten werden kann. 😅

    Um "Cox oder Der Lauf der Zeit" schleiche ich auch immer wieder mal herum, aber habe es mir bisher noch nicht zugelegt. "Die letzte Welt" subbt hier, aber ich weiß nicht, wie vertraut man dafür mit der Odyssee sein sollte...?

    Mit deiner Meinung zu Cox stehst du jedenfalls nicht alleine da, da habe ich schon Ähnliches bzgl. Tiefgang gelesen.

  • finsbury
    Bibliothekar*in
    Beiträge
    2.537
    • 2. Juli 2026 um 20:01
    • #3

    Das höre ich gerne, Bluebell. Bevor ich Besprechungen schreibe, schaue ich fast nie, was andere geschrieben haben, um mir mein unabhängiges Urteil zu erhalten. Ich habe aber nachher bei Perlentaucher die Zusammenfassung gelesen, und da gab es fast nur hymnische Begeisterung, nur ein Rezensent bemängelte Ähnliches wie ich. Schön, dass andere das auch so sehen.

    Wobei ich Ransmayr nichts Böses will, ich würde mich statt dessen sehr darüber freuen, wenn er uns noch einmal mit einem Werk erfreuen sollte.


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