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Matthias Gruber - Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art

  • Bluebell
  • 6. August 2026 um 22:09
  • Zum letzten Beitrag
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Es gibt 1 Antwort in diesem Thema, welches 159 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (6. August 2026 um 22:35) ist von yanni.

  • Bluebell
    Bibliothekar*in
    Beiträge
    2.191
    • 6. August 2026 um 22:09
    • #1

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    Inhalt:

    Sie ist vierzehn und wäre gerne wie andere Mädchen, vor allem schön. Doch Arielle hat kaum Haare am Kopf, mit ihren Zähnen stimmt was nicht, und obwohl Sommer ist, kann sie nicht schwitzen. Die Nachmittage verbringt sie mit ihrem Vater in den Wohnungen von Verstorbenen, um diese auszuräumen und das Brauchbare vom Müll zu trennen. Während er am Abend weggeworfene Festplatten nach Kryptogeld durchsucht, wühlt sie sich auf alten Handys durch fremde Existenzen – bis sie eines Tages auf Pauline stößt und die Fotos, die sie auf dem Telefon des unbekannten Mädchens findet, ins Internet hochlädt. Die Herzen fliegen ihr zu, auch das von Erich.
    Aber während ihr bald alles zu viel wird, findet ihre psychisch labile Mutter Gefallen an der ungewohnten Aufmerksamkeit und will den Kanal nutzen, um ihre ganz eigenen Träume zu verwirklichen.

    Dieses Buch erzählt von Ferien ohne Urlaub in einem sehr heißen Sommer, von einem Mädchen, das nicht schwitzen kann, vom Erwachsenwerden am Rand der Stadt und von dem, was Schönheit ist und Menschsein bedeutet.

    Meine Meinung:

    Nun ist es schon ein paar Wochen her, dass ich die Lektüre beendet habe, und obwohl ich schon beim übernächsten Buch bin, spukt mir dieses noch immer im Kopf herum. Vielleicht sind es auch die Parallelen zur Realität – wir erleben hier in Ostösterreich gerade eine nicht enden wollende Dürre und den heißesten Sommer der Messgeschichte, und auch im Buch stehen die Wälder am Rand „der Stadt“ in Flammen. Arielle, die aufgrund eines genetischen Defekts keine Schweißdrüsen hat, muss sich im Keller auf den Fliesenboden legen, um die Wärme aus ihrem Körper abzuleiten, und hat das Gefühl, nur im Wasser wirklich leben zu können.

    Auch in anderer Hinsicht scheint sie nicht in unsere Welt zu passen. Abgesehen von der Sache mit dem Schwitzen entstellt sie ihre Krankheit auch optisch, ihr fehlen sowohl Zähne als auch Haare – und das in einer Zeit, in der Selbstdarstellung auf Social Media für viele Jugendliche ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist.

    Sie wirkt auf den ersten Blick nicht wirklich einsam – sie hat eine beste Freundin, mit der sie sich recht gut versteht (auch wenn die sie auf Fotos vorm Posten dann doch abschneidet), und einen ganz wunderbaren besten Freund, der selbst ein Paradiesvogel ist und seine eigenen Probleme herumschleppt. Auch innerhalb der Klasse bzw. in ihrem gewohnten Umfeld scheint sie trotz ihrer Andersartigkeit, wenn auch nicht unbedingt beliebt, so doch weitgehend akzeptiert zu sein. Und dennoch bleibt da meistens eine Art gläserner Decke zwischen ihr und den anderen.
    Es herrscht eine melancholische, fast dystopische Grundstimmung, und obwohl auch immer wieder Humor und Herzenswärme aufblitzen, hängt etwas Apokalyptisches über der Geschichte.

    Zunächst wirkt alles etwas skurril überzeichnet, mit der Zeit jedoch schon geradezu hyperrealistisch.
    An einigen Stellen fühlte ich mich an die Filme von Ulrich Seidl erinnert, der ja die Kamera gerne gnadenlos auf unangenehme, peinliche, teils eklige Szenen hält, von denen man normalerweise die Augen abwenden würde. Das passiert manchmal auch hier, allerdings ohne Seidls beißenden Spott und das Fremdschämen, sondern um einiges wertfreier, respektvoller. Die Würde des Menschen bleibt bei Matthias Gruber grundsätzlich unantastbar, Verlegenheit hin oder her.

    Vieles wird beschrieben, ohne es explizit zu benennen – „die Stadt“ könnte theoretisch jede x-beliebige sein, ebenso „der Fluss“. Der Einheimische wird Wien und die Donau erkennen, aber grundsätzlich würde auch jede andere Kulisse als Hintergrund funktionieren, es gibt kein Lokalkolorit in dem Sinne. Die Symptome von Arielle’s genetischem Defekt wirken fast wie erfunden, sie könnten genauso gut aus einem alten Märchen stammen – und wer davon noch nie etwas gehört hat, erfährt erst bei der Danksagung, dass es sich dabei um eine echte Krankheit mit einem wissenschaftlichen Namen handelt. Vieles, auch Erschütterndes, erzählt der Autor gerade durch das, was er eben nicht sagt.

    Eine weitere seiner Stärken ist, wie er mit Kontrasten arbeitet. Gekonnt stellt er Gegensätze einander gegenüber: Hitze und Feuer als Bedrohung von außen, Kühle und Wasser als rettender Sehnsuchtsort. Die geschönte, gefilterte Instagram-Welt im Smartphone und der ganz reale Müllplatz, auf dem sich Arielle und ihr bester Freund die Zeit vertreiben. Die Träume ihrer Eltern von einem besseren Leben und das, was sie tatsächlich damit anstellen. Archaische, sogar urzeitliche Motive einerseits und höchst zeitgenössische Themen andererseits (mich als Skeptikerin des Network-Marketings hat auch die kritische Beleuchtung desselben abgeholt).

    Die meisten Charaktere (zumindest die wichtigen) sind vielschichtig und lebensecht beschrieben, auch wenn sich kaum einer – am wenigsten Arielle – wirklich vollständig offenbart. Gerade dieser kleine Rest an Geheimnis, an Nichtverstandensein, den sich jeder bis zum Ende bewahrt, macht für mich aber einen besonderen Reiz aus. Denn auch im echten Leben kann man doch in niemanden wirklich hineinschauen, sondern muss seine Schlussfolgerungen über den anderen gewissermaßen aus dem interpolieren, was man eben über ihn erfährt.

    Während des Lesens hätte ich zu einer Bewertung von vier bis viereinhalb Ratten tendiert, aber da nun schon so viel Zeit vergangen ist, seit ich die letzte Seite umgeblättert habe, und das Buch noch immer so in mir arbeitet, vergebe ich die volle Punktezahl.

    5ratten

    Einmal editiert, zuletzt von Bluebell (7. August 2026 um 07:29)

  • yanni
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    1
    • 6. August 2026 um 22:35
    • #2

    Danke für die interessante Rezi, Bluebell.


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