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Inhalt:
Ohne Pomp und großes Gefolge durch Europa: Die faszinierende Geschichte des Habsburger Kaisers Joseph II. – Ausgezeichnet mit dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis 2023
Ende des 18. Jahrhunderts geraten die europäischen Monarchien ins Wanken. Der Sohn Maria Theresias, Kaiser Joseph II., erkennt den Reformbedarf und greift begierig die Ideen der Aufklärung auf. Ohne Pomp und großes Gefolge – inkognito – bereist er sein riesiges Reich. Mit eigenen Augen sieht er, wie seine Untertanen leben, unter Frondiensten leiden, hungern. Er trifft einfache Menschen ebenso wie Fürsten und Könige, besucht Krankenhäuser und Fabriken, immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen für den Aufbau seines modernen Staates. Bei seiner Schwester in Versailles sieht er die Französische Revolution heraufziehen. Am Ende hat Joseph II. ein Viertel seiner Regierungszeit unterwegs verbracht. Monika Czernin schildert einen außergewöhnlichen Herrscher, der seiner Zeit in vielem voraus war.
Meine Meinung:
Eigentlich sind die Habsburger nicht unbedingt mein Steckenpferd, aber Joseph II. mit seiner modernen Lebenseinstellung und seinen zum Teil radikalen Reformen hat tatsächlich schon vor längerer Zeit mein Interesse geweckt. Dieses Buch fügt meinem Bild von diesem spannenden Menschen nun eine weitere Perspektive hinzu.
Aus taktischen Gründen machte Kaiserin Maria Theresia ihren Sohn Joseph bereits zu ihren Lebzeiten zu ihrem Mitregenten, wodurch Mutter und Sohn das Reich 15 Jahre lang – bis zu ihrem Tod 1780 – in einer Doppelregentschaft führten. Joseph lebte und regierte danach noch 12 Jahre lang alleine weiter.
Trotz ihrer sprichwörtlichen Mildtätigkeit war Maria Theresia im Grunde eine Herrscherin der alten Schule – sie stellte die „natürliche“ oder „gottgewollte“ Ordnung, dass der Adelsstand über das einfache Volk herrscht und dieses ihm zu Diensten zu sein hat, nie wirklich in Frage, auch wenn sie durchaus Verbesserungen für die Menschen in ihrem Reich erwirkte (Stichwort Schulpflicht).
Joseph hingegen scheint die Charta der Menschenrechte bereits verinnerlicht zu haben, Jahrhunderte bevor diese überhaupt existierte. Für ihn waren tatsächlich alle Menschen gleich an Würde geboren und er war ein entschiedener Gegner der Leibeigenschaft. Die Pflicht – ja, im Grunde sogar die Daseinsberechtigung – eines Herrschers bestand für ihn nicht darin, sein Territorium zu vergrößern (eine geradezu frevelhafte Einstellung in der Epoche des „size matters“!), sondern dafür zu sorgen, dass es den in seinem „Zuständigkeitsbereich“ lebenden Menschen gut ging: dass Krankheiten und Hungersnöte abgewendet wurden, dass sie Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung hatten, dass sie mit ihrer Arbeit ein gutes Auskommen finden konnten und vieles mehr.
Um das zu erreichen, war es aus seiner Sicht unabdingbar, sich mit eigenen Augen ein Bild von den Gegebenheiten vor Ort zu machen – und die konnten sich je nach Winkel des riesigen Habsburgerreiches deutlich voneinander unterscheiden. Jahrelang reiste er nach wohldurchdachten Routen quer durch Europa und regierte parallel dank eines ausgeklügelten Kuriersystems quasi von der Kutsche aus. Für umständliche Zeremonien hatte er nicht das Geringste übrig, daher legte er sich das Alter Ego eines einfachen Grafen zu und konnte so mit minimalem Gefolge und unter spartanischen Bedingungen seine Reisen absolvieren.
Ganz so inkognito, wie der Titel verspricht, war er dabei zwar nicht – denn wo auch immer er hinkam, sprach es sich schnell herum, wer denn der volksnahe „Graf Falkenstein“ tatsächlich war. Dennoch ermöglichte ihm diese Art des Reisens eine Freiheit und ein Eintauchen in die Lebensrealität seiner Untertanen, die er bei einem offiziellen Erscheinen als Kaiser schlicht nie erfahren hätte. Zahlreiche verbürgte Anekdoten berichten davon, wie er buchstäblich jedem auf Augenhöhe begegnete und jedes der zehntausenden Anliegen ernst nahm, die an ihn herangetragen wurden.
Was ich hier über Joseph II. gelernt habe, nötigt mir den größten Respekt ab. Ganz vereinzelt gab es vielleicht Passagen, wo ich mich gefragt habe, ob man hier nicht vielleicht ein wenig kürzen hätte können – aber spätestens beim Nachwort und dem Kapitel über die Quellen wird einem klar, dass das Buch nicht nur lediglich einen Aspekt von Josephs Leben, sondern sogar nur einen Teil seiner Reisen behandelt, und welche Herausforderung es ist, dem auf nicht einmal 400 Seiten gerecht zu werden.
Fazit: lebhaft, lehrreich, horizonterweiternd - Empfehlung!
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