Emilia Roig - Das Ende der Ehe: Für eine Revolution der Liebe

Es gibt 4 Antworten in diesem Thema, welches 290 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Sagota.

  • Kaufen* bei

    Amazon
    Bücher.de
    Buch24.de

    * Werbe/Affiliate-Links



    Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Hardcover; 5. Edition (30. März 2023)

    Sprache ‏ : ‎ Deutsch

    Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten

    ISBN-10 ‏ : ‎ 3550202288

    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3550202285



    Inhaltsangabe:



    Die Ehe normiert Beziehungen und Familie, kontrolliert Sexualität, den Besitz und die Arbeitskraft. Sie ist eine wichtige Stütze des Kapitalismus und lässt uns in binären Geschlechterrollen verharren. In ihrem mutigen und provokanten Buch ruft Emilia Roig daher das Ende einer patriarchalischen Institution aus. Sie hinterfragt die Übermacht der Paare und untersucht, ob man Männer lieben und zugleich das Patriarchat stürzen kann. Letztlich wäre eine Abschaffung der Ehe nicht nur für Frauen befreiend, sondern für alle. Denn nur dann können wir Liebe in Freiheit und auf Augenhöhe miteinander neu denken und leben.



    Autoreninfo:



    Emilia Zenzile Roig ist promovierte Politikwissenschaftlerin, Gründerin des Center for Intersectional Justice (CIJ) und Autorin des vielbesprochenen Buches Why We Matter, das 2021 erschien. Sie lehrt regelmäßig in Deutschland, Frankreich und den USA Intersektionalität, Critical Race Theory, Gender Studies und Postkoloniale Studien sowie Völkerrecht und Europarecht. Sie hält europaweit Keynotes und Vorträge zu den Themen Feminismus, Rassismus, Diskriminierung, Vielfalt und Inklusion und ist Autorin zahlreicher Publikationen auf Deutsch, Englisch und Französisch, und wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.



    Meine Meinung:



    Titel: Sehr gute Ansätze für ein besseres Zusammenleben...



    Für meinen Geschmack passt der Untertitel "Für eine Revolution der Liebe" deutlich besser und klingt weniger radikal und provozierend, aber da das Thema dringend mal auf den Tisch gehört, sind der Bildschlagzeilentitel und die Neonfarben wahrscheinlich Pflicht.



    In diesem Sachbuch zeigt Emilia Roig anhand von eigenen Erfahrungen, Studien und Expertenmeinungen dem Leser auf, was die Ehe wirklich ist und welchen Einfluss das Patriarchat darauf hat. Der große Traum eines jeden kleinen Jungen und Mädchens, so scheint es, ist die eine, richtige Person zu finden, die uns ein Leben lang treu ergeben ist, all unsere Bedürfnisse erfüllt und mit der wir natürlich den Bund der Ehe schließen wollen. Aber ist das überhaupt realistisch? Wo kommt dieses enorme Bedürfnis überhaupt her? Warum sieht die Realität außerhalb von Hollywoodfilmen komplett anders aus, nämlich lieber unglücklich verheiratet als glücklich ohne Trauschein oder vielleicht als Single zu sein?



    Das Buch ist so umfassend und detailreich, dass es alles andere als leichte Kost ist. Teils ist man beim Lesen mit Feuer und Flamme dabei, teils fühlte ich mich etwas überfahren von den vielen weiteren Themen wie non binär, gleichgeschlechtlicher Ehe und Co, die ja auch alle irgendwo mit dem Thema zu tun haben, die einem aber gar nicht als erstes in den Sinn kommen und dennoch so wichtig sind, damit eben auch einfach alle und nicht nur manche gemeint sind.



    Bedrückt haben mich vor allem die persönlichen Erfahrungen der Autorin, schlichtweg weil ich genau eins zu eins dieselben Erlebnisse durchmachen musste während meiner eigenen Scheidung. Da lernt man sich dann erst richtig kennen. Und wahrscheinlich sind die finanziellen Hürden extra so scharf eingestellt, dass man sich das Trennen fünf Mal überlegt, ob dies wirklich zwingend notwendig ist oder man sich nicht anderweitig arrangieren kann.



    Natürlich ist der Wunsch nach einer festen Bindung etwas, dass sich jeder erträumt, aber vielleicht sollte dies auf Augenhöhe passieren. Dabei geht es nicht nur um die Unterschiede zwischen Mann und Frau und deren Stellung in der Gesellschaft, sondern auch um wieviel mehr die Benachteiligung aussieht bei queeren Menschen, all jenen aus der PoC Community und und und. Die Autorin gibt hier enorm viele Denkanstöße, wie es laufen könnte, was den interessierten Leser doch sehr ins Grübeln bringt.



    Und die wichtigste Botschaft, die ich aus dem Buch für mich mitgenommen habe: Vielleicht sollten nicht wirtschaftliche Vorteile und Finanzen im Fokus stehen, was die Ehe betrifft, sondern die Liebe, das Miteinander, das Füreinanderdasein. Irgendwie scheint das in der heutigen Gesellschaft bei all dem Stress verloren gegangen zu sein. Und vielleicht geht jeder mal wertfreier mit seinen Mitmenschen um und kehrt vor der eigenen Haustür und hinterfragt seine Entscheidungen anstatt andere zu verurteilen warum jene sich trennen oder andere allein leben. Niemand kann so ohne weiteres hinter die Fassade eines anderen schauen. Es wird Gründe geben, die jedoch ausschließlich das Paar betreffen und nicht als willkommene Unterhaltung für andere dienen sollen.



    Zudem wünsche ich mir, dass dieser Titel nicht als Schmährede auf die Männer verstanden wird, sondern als eine mögliche Sichtweise wie die Ehe ist, wem sie dient und wem sie wohlmöglich eher schadet.



    Fazit: Ein wichtiges Thema spannend und mit lauter Stimme fesselnd erzählt. Dürfte gern Pflichtlektüre vor jeder Eheschließung werden, damit sich jeder bewusst wird wofür er es macht und nicht nur dem Traum aus dem Disneymärchen hinterher jagt, sondern alle Pflichten, Licht- und Schattenseiten kennt.


    Bewertung: 4ratten

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Passend zu dem Thema gab es kürzlich eine sehenswerte Sendung vom ZDF Magazin Royale, die in eine ähnliche Richtung geht wie das Buch, wenn ich deine Rezension so lese:

    ZDF Magazin Royale vom 1. Dezember 2023
    Am liebsten sieht Vater Staat immer noch folgendes Szenario: Mann verdient mehr als Frau, Frau bleibt zu Hause. Für diese Form der Ehe gibt es üppige Anreize.
    www.zdf.de


    Und die wichtigste Botschaft, die ich aus dem Buch für mich mitgenommen habe: Vielleicht sollten nicht wirtschaftliche Vorteile und Finanzen im Fokus stehen, was die Ehe betrifft, sondern die Liebe, das Miteinander, das Füreinanderdasein. Irgendwie scheint das in der heutigen Gesellschaft bei all dem Stress verloren gegangen zu sein.

    Ist das wirklich dein Eindruck von heutigen Ehepaaren? War das nicht früher viel stärker der Fall, als Frauen noch viel abhängiger von ihren Männern als "Versorger" waren?


    Vielleicht bin ich da in einer anderen Bubble, aber die meisten Paare in meinem Umfeld sind finanziell auf einem ähnlichen Level und bei der Hochzeit stehen genau die von dir letztgenannten Punkte im Vordergrund: Liebe (gut, deshalb muss man nicht zwangsläufig heiraten), ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das man auch nach außen zeigen möchte und auch praktische Gründe, um füreinander da sein zu können (zB im medizinischen Notfall). Und wahrscheinlich oft auch Tradition.

    Man kann das System natürlich durchaus hinterfragen und sollte es auch evtl in einigen Punkten reformieren, also vor allem Hürden für unverheiratete Paare oder solche mit mehr als zwei Beteiligten abbauen. Aber so schwarz wie du es beschreibst, sehe ich dir Situation nicht - wenn die Leute heutzutage nur als wirtschaftlichen Gründen vernunftheiraten würden, gäbe es wahrscheinlich nicht so viele Scheidungen...

  • Der gleiche Passus, den auch Zank bereits zitierte, fiel mir auch gleich ins Auge:

    "Drum prüfe, wer sich ewig bindet" 8o fällt mir auch noch dazu ein.


    WENN wirtschaftliche Vorteile und Finanzen im Vordergrund stehen, was die Ehe betrifft - würde ich dringend von einer Heirat abraten =O

    Beides ist sehr variabel in der heutigen Zeit. Tiefe Gefühle - Liebe als Fundament - hingegen scheint mir da doch sehr viel beständiger. Es soll sogar Paare geben, die sich irgendwann "noch mehr" lieben als am Hochzeitstag.


    Ich sehe die "Institution" Ehe, in der ich auch (bereits lange) lebe, nicht als Patriarchat an in diesen Zeiten; wie bereits erwähnt, ist es heute nicht mehr zeitgemäß, einzig dem Mann die Rolle aufzubürden, "für die Familie zu sorgen". Beide Geschlechter stehen da auf dem Plan. Oder sollten es.

    Ich sehe - wenn ich mich umschaue - dass das Alter, in dem man eine "Bindung fürs Leben" eingeht, nicht unerheblich ist; ich hätte mir z.B. niemals vorstellen können, mit 20 oder 25 Jahren zu heiraten: Meine beiden Schwestern heirateten früh, beide Ehen wurden irgendwann geschieden. Eine Garantie, dass ein Partner/eine Partnerin sich nicht zum Negativen hin verändert, hat man einfach nicht. Menschen verändern sich im Laufe des Lebens. Manchmal hält "das Band" - auch ohne Trauschein übrigens ;) - und zuweilen nicht.

    Die Erwartungshaltung u.v.m. spielt auch eine Rolle, finde ich: Ich war schon immer der Meinung, dass ein Mensch alleine (und wenn man ihn noch so liebt) einfach überfordert ist, einem alles zu geben, was man sich wünscht - und im Leben braucht.

    Freiraum - Toleranz - Vertrauen - und Zueinanderstehen sind für mich z.B. unabdingbar.

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

  • Die Erwartungshaltung u.v.m. spielt auch eine Rolle, finde ich: Ich war schon immer der Meinung, dass ein Mensch alleine (und wenn man ihn noch so liebt) einfach überfordert ist, einem alles zu geben, was man sich wünscht - und im Leben braucht.

    Da gibt es ein schönes Zitat aus dem Buch "Alle sieben Wellen" von Daniel Glattauer zu, das ich mir herausgeschrieben habe und das mir bei deinen Worten sofort wieder in den Kopf gekommen ist:

    Zitat von S.150-151

    Wir wissen, was wir einander bedeuten. Wir wissen, was wir aneinander haben. Wir wissen, dass es nicht alles ist. Wir wissen aber auch, dass es nicht alles zu sein braucht. Alles kann einem ein einziger Mensch offenbar nicht geben. Man kann natürlich sein Leben danach ausrichten, darauf zu warten, dass so ein Mensch kommt, der einem alles gibt. Da hat man dann diese wunderbare, betörende, aufwühlende, Herzklopfen verursachende Alles-Illusion, die es einem erträglich macht, in chronischen Mangelerscheinungen dahinzuleben, bis man sie aufgebraucht hat, die Illusion. Dann spürt man nur noch den Mangel. Dieses Gefühl kenne ich nun zur Genüge. Das ist nichts mehr für mich. Ich strebe nicht mehr nach dem Idealen. Ich will aus etwas Gutem das Beste machen, das genügt mir für mein Glück.