4. König der Vagabunden - "Der Ort" bis Ende

Es gibt 26 Antworten in diesem Thema, welches 8.806 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Saltanah.

  • Ich schliesse mich ink-heart und Doris an:



    Ich schließe mich ink-heart an - es ist schade, dass Du das stephensonsche Weltbild nicht mehr zurechtrücken wirst, aber ich kann gut verstehen, dass Dir die Lust vergangen ist.



    Und daß er die Besatzung eines solchen Schiffes bei der Annäherung an die Beute einen chassidischen Niggum anstimmen läßt, dessen hebräischer Text noch dazu erst um 1900 verfaßt wurde, schlägt dem Faß den Boden aus.


    Das fand ich auch ohne besondere Vorkenntnisse seltsam. Sowas dürfte auch dem "unbedarften" Leser auffallen - wenn er den Kopf bei der Sache hat.


    Ich frage mich, ob so manche Unkorrektheit vielleicht auch eingeflossen ist, um die Geschichte so hinzubiegen, wie Stephenson sie gerne hätte. Oder wie er glaubt, dass sie die Leute gerne lesen würden. Sowas sollte sich allerdings kein Autor (ohne entsprechende Hinweise) erlauben und ich will die schlampige Recherche damit auch nicht entschuldigen. Ich verstehe, dass man sich über solche Dinge aufregt - würde mir bei entsprechendem Hintergrundwissen auch nicht anders gehen.


    Er hat übrigens auch an anderen Stellen "geschusselt", wie man diesem englischsprachigen Link unter dem Titel "Deviations from Real History" entnehmen kann. Und das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein.


    Da ich die ganze Geschichte aber so grossartig finde, geniesse ich sie einfach, ohne nachher zu glauben, es sei alles wahr und richtig, was da drin stand (einiges ist sicher korrekt). Aber so verfahre ich eigentlich mit allen historischen Romanen...


    :winken:


    Alfa Romea

    Wer anderen folgt, wird nie zuerst ankommen.

  • Ich gehöre nicht zur Leserunde, verfolge sie aber sehr interessiert, da ich momentan auf das deutsche "System of the World" warte. Die ersten beiden Teile habe ich jeweils zwei Mal gelesen. Vorweg: ich kann verstehen, dass Aldawen aufgehört hat. Ich selbst habe aber einen anderen Anspruch. Keinen höheren, geringeren. Einen anderen.


    Stephenson ist meiner Ansicht nach historisch im anglo-amerikanischen Bereich sehr viel sicherer, als es den Rest der im Barock-Zyklus beschrieben Welt betrifft. Mich selbst hat das aber nicht die Bohne gestört. Ich komme noch dazu, weshalb das so ist. Bei einem Buch erwarte ich natürlich, dass die Fakten stimmen. Aber all die von Aldawen angesprochenen Punkte, auf die sicherlich hingewiesen werden sollte, betreffen nicht den Kern der Story, das Ziel des Barock-Zyklus. Die historischen Details werden auch noch in Teil 2 strapaziert. Aber so ist es doch im Dienste der "Geschichte".


    Natürlich hätte Stephenson seinen Zyklus auf den europäischen Kontinent und New England beschränken können. Aber gleichzeitig hätte den Kosmos der Story und die Verknüpfungen von Geschehnissen über Kontinente hinweg eingrenzen müssen. Aber gerade die Zusammenhänge bestimmen die Auswirkungen auf die Welt in der ich heute lebe. Darauf kommt es mir an. Es ist Stephenson's großartiger Makrokosmos unter dem die Akademik manches Mikrokosmus zu leiden hat.


    Ein Tausch den ich immer eingehe.


    Eliza gefällt mir übrigens sehr. Eine starke Frau, die für das Große, im Kleinen kompromissbereit ist.

    Einmal editiert, zuletzt von kent_bro ()


  • Aber all die von Aldawen angesprochenen Punkte, auf die sicherlich hingewiesen werden sollte, betreffen nicht den Kern der Story, das Ziel des Barock-Zyklus.


    Ja, sicher, sie betreffen – vielleicht mit Ausnahme des Sklavenhandels – nicht die superzentralen Punkte, ich kann nur leider nicht einfach darüber hinweglesen, wenn ich nun einmal weiß, daß sie falsch sind. Das mag unter anderem eine Folge eines anderen Anspruchs sein. Mein hoffentlich nächstes Jahr erreichtes Ziel eines Abschlusses als Historiker kann ich dabei auch nicht verleugnen ...


    Mit den sachlichen Fehlern hätte ich – gerade weil sie eigentlich nur bedingt handlungstragend sind – vielleicht sogar noch leben können, wenn Stephenson nicht zwei Dinge getan hätte, die ein Autor mit mir nie machen darf, wenn ich sein Buch (zu Ende) lesen soll: Er hat mich erstens mit diesem Kursivsetzungsbetonungswahn für zu dämlich erklärt, der Geschichte ohne dieses Hilfsmittel zu folgen (und für dämlich lasse ich mich nicht gerne erklären :grmpf: ) und zweitens hat er mich bis zum Einschlafen gelangweilt. Ich habe nichts gegen dicke Bücher, ich habe auch nichts dagegen, wenn sich ein Autor „zweckfreie“ Umwege erlaubt, aber hier geht die Weitschweifigkeit für meinen Geschmack entschieden zu weit. Die ersten zwei Drittel, die ich ja nun gelesen habe, könnten ohne weiteres um 200 bis 300 Seiten zusammengestrichen werden, dann wäre immer noch genug Platz für Detailfreude und Seitenwege. Nehme ich dann noch die schwache Charakterdarstellung dazu, dann bleibt nach meinem Empfinden nichts mehr übrig, was ich hier mit dem Adjektiv „großartig“ belegen würde. Und in dieser Kombination führt es dann bei mir unweigerlich zum Abbruch. Ich respektiere aber selbstverständlich, daß man diesem Buch bzw. dem gesamten Zyklus auch ganz anders gegenübertreten kann und dann auch zu einer völlig anderen Einschätzung kommt.


    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Soweit ich mich recht erinnere (gerade habe ich das Buch nicht zur Hand) wurde nicht aus der Sicht des Autors Wichtiges kursiv geschrieben, sondern es wurde bei der Metaphorik im barocken Ränkespiel die Betonung des Sprechers hervorgehoben.


    Mag sein, dass es auch in anderen Fällen vorkam, aber mir ist es nur während der persönlichen Rede aufgefallen und wirkte auf mich eher als Stilmittel um die doch wichtige Art und Weise des Dialogs unter Personen von Stand "bildlicher" darzustellen.


    Die Weitschweifigkeit ist für mich übrigens nur purer Genuss :) Es bleibt so viel verborgen, was erst bei der zweiten oder evtl. dritten Lektüre von mir erkannt/verstanden worden ist. Und genau dann hätten mir die Seiten gefehlt. Beim ersten Mal Lesen wollte ich teilweise auch schneller zur Auflösung eines Handlungsstranges und fühlte mich oft ausgebremst. Bei der zweiten Lektüre von Quicksilver (Confusion hat mehr Tempo) war mir das Buch sogar zu kurz.

  • Ist ja schon ein paar Wochen her, dass ich diesen Abschnitt gelesen habe und ich habe auch keine Lust, meine Aufzeichnungen hervorzukramen, also nur kurz:


    Jacks Erlebnisse hier - vor allem seine Halluzinationen - hätte man wirklich gut kürzen bis ganz streichen können, und seine "Tarzan"-Einlage bei der Enterung des Schiffes ließ mich nur mit den Augen rollen. Ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Über "Hava nagila" habe ich mich auch gewundert.


    Da gefällt mir die Geschäfte machende Eliza viel besser, wenn ich auch nicht verstanden habe, was es mit dem "selling short" auf sich hat.
    Ihre Vergewaltigung fand ich übrigens ganz und gar nicht distanziert beschrieben. Ich fand die Stelle furchtbar, also von ihrer Perspektive aus gesehen.

    Wir sind irre, also lesen wir!


  • Ihre Vergewaltigung fand ich übrigens ganz und gar nicht distanziert beschrieben. Ich fand die Stelle furchtbar, also von ihrer Perspektive aus gesehen.


    Hmpf, ich hab mir die Stelle nochmal angesehen und zitiere mal eben: It was neither the longest nor the shortest such blade she had ever seen. She was pleased to note that it was clean - a Dutch virtue - and well-maintained. [...] What was about to happen wasn't so very bad, in and of itself; but she couldn't stand that other man watching.
    Schön also, dass er sich gewaschen hat, und bis auf den blöden Zuschauer ist auch alles gar nicht so schlimm??? :rollen: Ehrlich gesagt, das finde ich mehr als distanziert ... Darüber hinaus fehlen mir wirklich die Worte für so eine Darstellungsweise. :sauer:

  • Nun ja, mir wurde jedenfalls übel beim Lesen der Stelle. Ich habe mich anscheinend sehr stark in Eliza hineinversetzt; so stark, dass eine genauere Beschreibung nicht notwendig war. Ich empfand die Stelle nicht verharmlosend.


    Eine Distanz sehe ich auch. Aber die ist ein psychischer Schutzmechanismus in Eliza. Sie versucht, die Geschehnisse zu verharmlosen (immerhin hat er einen sauberen Schwanz! - nur der Zuschauer stört), um sie leichter ertragen zu können. Gerade das macht es für mich schlimmer. Ihre völlige Ausgeliefertheit und Machtlosigkeit wird damit noch deutlicher. Sie kann absolut nichts dagegen machen, was ihr angetan wird, also sucht sie nach verschönernden Details.

    Wir sind irre, also lesen wir!