Guy de Maupassant - Clair de Lune

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  • Eine gelungene Auswahl düsterer, unheimlicher Novellen


    Das in der Reihe "Steidl Nocturnes" erschienene Büchlein mit einer gelungenen Auswahl von 9 Novellen von Guy de Maupassant, dessen erste Novelle - Clair de Lune - dem Buch auch den Titel gibt, wurde im Verlag Steidl, Göttingen (HC, gebunden, 122 Seiten, 2023) verlegt.

    Ich habe vor wenigen Jahren einen Roman dieses klassischen Autors gelesen, der mir sehr gefallen hat (Ein Leben) und war sehr neugierig auf diese teils unheimlichen Novellen.


    Zum Autor:

    Guy de Maupassant (1850 -1893) wurde in der Normandie geboren und starb im Alter von nur 43 Jahren an Syphilis. De Maupassant war ein französischer Schriftsteller und Journalist. Er gilt neben Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts und war sowohl Novellist als auch Romancier (wobei er zu letzterer Literaturgattung tendierte, die ihm als eine seriöse Gattung erschien). In Frankreich zu Lebzeiten wenig oder kritisch beachtet, wurden seine Werke im Ausland ganz anders, positiv wahrgenommen.

    Im informativen Nachwort setzt Andreas Nohl die Novellen Guy de Maupassants in die französischen Strömungen der damaligen Zeit, wobei Flaubert ab 1873 der Mentor des Autors war. Seine schriftstellerische Karriere währte durch seinen frühen Tod (und die mit der Krankheit düster werdendere Stimmung seiner Werke) nur zehn Jahre, jedoch schrieb er oft wie besessen (insgesamt 300 Novellen, 6 Romane, Reiseberichte und Essays).


    Die Auswahl des vorliegenden Bandes gehört überwiegend in die 2. Hälfte seiner Schaffensperiode (1885-1890) und die Düsterkeit spiegelt sich in den letzten Jahren seiner Schaffenskraft wider.


    Die Novellen:


    Clair de Lune

    Hier begegnen wir einer jungen Frau, die mit ihrem gleichmütigen Ehemann auf Reisen ist und sich zu einem anderen Mann stark hingezogen fühlt und deren Schwester sie sich schließlich anvertraut.


    Totenwache

    Hier lernen wir einen schwindsüchtigen Mann auf einer Bank vor einem Hotel kennen, der stundenlang lesend dort sitzt, bis es zu kalt wird, bis sich jemand zu ihm gesellt...


    Der Tick

    Hier werden wir in die Auvergne entführt und verweilen in einem Bade- und Kurort, in deren Hotels schnell Freundschaften geschlossen und Sympathien verschenkt werden: Doch wer sind die beiden Neuankömmlinge, bei denen es sich um Vater und Tochter zu handeln scheint und im Erzähler etwas Reizvolles, aber auch Trauriges auslösen?


    Der Horla

    Hier handelt es sich um eine bekannte Novelle de Maupassant's, die tagebuchartig das Seelenleiden eines Mannes beschreibt, der Unglaubliches erlebt und Reißaus nimmt, verreist auf der Flucht vor etwas, das er nicht greifen kann....


    Die Herberge

    Hier bewohnen wir ein Gasthaus in den Bergen, gemeinsam mit Gaspard und Ulrich, einem älteren und einem jungen Menschen, die zurückbleiben, wenn der Winter naht und die Familie vor dem Schneefall ins sichere Tal zieht. Die Atmosphäre der Alpenlandschaft und das Zusammenleben auf engstem Raum der beiden sehr unterschiedlichen Menschen, die nun gemeinsam mit einem Hund aufeinander angewiesen sind, um den Winter zu überstehen, fand ich großartig. Beide müssen ab und zu Wild erlegen, um zu überleben und frisches Fleisch essen zu können: Eines Tages geht Gaspard alleine in die menschenleere Schneelandschaft....


    Der Wolf

    Hier findet sich eine Jagdgesellschaft bei einem alten Marquis, der als einziger nicht bei der Jagd teilnahm. Weshalb er so handelt, davon zeugt eine unglaubliche Geschichte, die er dann erzählt.


    Wer weiß?

    Ein Mann, der aus Klugheit und Angst zugleich in einer Klinik ist, schreibt seine Geschichte auf: Wir haben es mit einem notorischen Einzelgänger zu tun, der die Anwesenheit anderer Menschen, vor allem für längere Zeit, schwer ertragen kann und daher sehr abgelegen wohnt. Seine Bediensteten wohnen hinter dem Gemüsegarten und er fühlt sich sehr wohl in seinem Haus und seiner Abgeschiedenheit. Bis etwas Unglaubliches passiert - mit ihm und auch mit den ihn umgebenden Dingen....


    Das Kind

    Hier geht es um einen Schwerenöter, Jaques Bourdillère, einem eingefleischten Junggesellen, der doch eines Tages beschließt, zu heiraten und den seine Vergangenheit einholt...


    Fazit:

    Sehr lesenswerte, zeitlose Novellen de Maupassant's, die allesamt eine tiefere Botschaft in sich tragen, die der Leser sich selbst erschließen sollte. Einige sind düster, unheimlich, andere (Das Kind) sehr emotional und berührend sowie menschlich. Meine Lieblingsnovelle ist "Die Herberge", da ich sie als sehr atmosphärisch und voller Kraft wie auch dramatisch empfand. Ein Autor, der viele literarische Facetten hatte und dessen Geschichten nichts an Glanz verloren haben, zeitlos sind. 5* und eine Leseempfehlung meinerseits!


    5ratten

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

    2 Mal editiert, zuletzt von Sagota ()

  • 5* und eine Leseempfehlung meinerseits!


    4ratten

    5 Sterne + eine Leseempfehlung = 4 Ratten.

    Was um Himmels Willen sind dann 5 Ratten + 1 Mäuschen?


    Aber Du hast Recht: Den "Horla" wollte ich schon lange mal lesen ...

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • yepp, den Steidl-Verlag finde ich auch großartig: Und mit der "Geisterhand" hast Du schon recht.... - ich hab's zuweilen umgedreht beim Lesen, das Buch ^^

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

  • Ich habe es natürlich bestellt und heute war es da, das ist ja echt mal wieder so ein schönes Liebhaberbüchlein. Vielleicht das Richtige, um meine derzeitige Leseflaute zu beenden, aber andererseits hat es eine Fadenheftung, die für Stufe 8 der Lesetreppe zu gebrauchen wäre. :/

  • So ein wunderbares Buch! Nochmals vielen Dank, Sagota , dass Du mich darauf aufmerksam gemacht hast. Schon die Aufmachung ist wirklich schön, aber der Inhalt kann da auch locker mithalten.


    Die auf den ersten Blick recht sachliche Erzählweise hat insbesondere bei denjenigen Novellen, die einen eher unheimlichen Kontext haben, eine besondere Wirkung auf die LeserInnen, da man sich ständig selbst fragen muss, was man nun von dem Erzählten hält. Darüber hinaus haben die sprachlich schönen Novellen auch eine ganz besondere Atmosphäre, bei der ich mich angesichts des Nachworts auch gefragt habe, ob das in allen von Maupassants kürzeren Erzähltexten der Fall ist oder das eventuell ein Auswahlkriterium für diese Anthologie gewesen ist.


    Dass die Novelle "Der Horla" gewisse Paralleln zu Bram Stokers "Dracula" aufweist hat mich als bekennenden Dracula-Fan natürlich besonders gefreut, aber auch die anderen Texte sind interessant, "Die Herberge" finde ich besonders gruselig.


    Diese Anthologie ist für Liebhaber gruseliger Geschichten und schöner Bücher unbedingt zu empfehlen.


    5ratten

  • Das freut mich sehr, Juva , dass Dir die Novellen ebenso sehr gefallen haben wie mir. Falls Du weiterhin neugierig auf de Maupassant bist und es noch nicht bereits gelesen hast (was mich nicht wundern würde ;) ) kann ich "Ein Leben" von ihm noch sehr empfehlen: Ich habe es vor einigen Jahren sehr begeistert gelesen; es war diese Ausgabe hier (im Schuber, aus dem mare Verlag, gibt es aber auch günstiger....)


    https://www.mare.de/buecher/ein-leben-194

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)