Jenifer Becker - Zeiten der Langeweile

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    Auf Jenifer Beckers Debütroman "Zeiten der Langeweile" bin ich durch einen Beitrag des ZDF-Kulturmagazins Aspekte im vergangenen Jahr aufmerksam geworden, und weil ich die Angaben zum Roman interessant fand, habe ich mir das Buch bestellt. Das hätte ich besser gelassen, denn für mich ist das absolut nicht das richtige Buch.


    Mila ist Mitte 30 und arbeitet als Dozentin an einer Universität. Sie ist sowohl beruflich als auch privat viel im Netz unterwegs und dabei auch auf den unterschiedlichsten Plattformen angemeldet. Weil sie Angst hat, irgendwann gecancelt zu werden, beginnt sie, sich systematisch abzumelden und Einträge über sich selbst zu löschen oder löschen zu lassen. Doch das ist nur der Anfang: Während sie zunächst die Zeit, in der sie sonst auf Facebook, Instagram oder Tiktok gewesen wäre, nutzt, um frei im Internet zu surfen, steigert sie sich schließlich in eine regelrechte Abneigung gegen alles Digitale hinein. Und obwohl sie selbst merkt, dass sie sich mit der neuen Situation nicht wohl fühlt und diese zur Isolation von der Welt (einschließlich sämtlicher sozialer Beziehungen) führt, treibt sie sich selbst immer weiter an, sich radikal von der digitalen Welt abzuwenden, bis schließlich selbst ein Leben zwischen den W-Lan-Routern der Nachbarn nicht mehr möglich zu sein scheint, weil dann Milas Paranoia wieder einsetzt.


    Der Roman ist gut geschrieben, auch wenn die Sprache nicht in allen Situationen zur Protagonistin passt, es ist einfach merkwürdig, wenn jemand nur ansatzweise zur Selbstreflexion fähig ist, dies aber in ausgefeilten Sätzen darstellen kann. Viele Begriffe waren mir nicht geläufig, anfangs habe ich diese noch nachgeschaut, irgendwann war es mir dann aber egal, weil diese weniger zum Verständnis der Geschichte als zur Selbstdarstellung der Figur beitragen, und diese Figur ist es letztendlich, die den Roman deprimierend und anstrengend macht.


    Mila gibt sich abgeklärt und erwachsen, ist es aber trotz ihres Alters im Grunde genommen nicht. Sie lässt ihren Vertrag mit der Uni auslaufen, weil sie keine Lust mehr hat, dort zu arbeiten, und wünscht sich einen langweiligen Bürojob, ohne einmal etwas dafür zu tun, diesen zu erreichen. Stattdessen lässt sie sich treiben, verschläft ihre Tage und vertrödelt die Zeit (phasenweise setzt sie sich selbst das Limit, nicht mehr als einen Film oder drei Serienfolgen pro Tag zu schauen) ohne einen wirklichen Antrieb im Leben zu haben. Obwohl ihr klar ist, dass ihre Arbeitslosigkeit auch wirtschaftliche Folgen hat, bewirbt sie sich nur auf Stellen, die sie garantiert nicht bekommen wird. In diesem Vakuum wird schließlich die De-Digitalisierung zur Sucht, worunter ihre psychische Gesundheit mehr und mehr leidet. Diese Protagonistin ist alles andere als sympathisch und oft extrem nervig (weil sie natürlich auch davon überzeugt ist, Dinge richtig zu machen), das positivste Gefühl, das ich ihr entgegen bringen konnte war Mitleid, weil sich irgendwann der Eindruck verfestigt, dass sie einfach krank sein muss.


    Natürlich sind Bedenken hinsichtlich der Frage, was wir alles im Netz preisgeben, sinnvoll, und gerade jüngere Menschen sind dort oft sorgloser unterwegs als ältere. Dass solche Überlegungen hier aber nur der Aufhänger für eine besorgniserregende Entwicklung sind wird spätestens klar, als Mila auch im "echten" Leben ihre Bücher in verschiedenen Läden unter verschiedenen Namen bestellt, damit ihre Lesevorlieben nicht nachvollzogen werden können. Und so gehen hier eigentlich interessante und wichtige Fragen zu unserem Umgang mit der digitalen Welt unter, auch weil die Autorin zu viele Themen in ihrem Roman unterbringen will (Corona und Impfgegner, Ukraine-Krieg, eine dysfunktionale Familie, Lebensentwürfe gleichaltriger Menschen, Stadt- und Landleben...).


    Ich bin vom dem Roman enttäuscht, weil ich aufgrund der Inhaltsangabe und der Kritiken etwas ganz anderes erwartet hatte, denn eigentlich geht es eben nicht um die Frage, wie wir uns in der/zur digitalen Welt positionieren, sondern es wird der traurige Niedergang eines offensichtlich ernsthaft kranken Menschen erzählt. Ich habe zwischenzeitlich immer wieder überlegt, ob jemand, der Social Media intensiver nutzt als ich, einen besseren Zugang zu dieser Thematik hat, das kann ich nicht gut einschätzen. Deshalb bleibe ich bei der schon zu Anfang getroffenen Feststellung: für mich ist das definitiv nicht das richtige Buch, vielleicht geht es aber anderen LeserInnen anders.


    1ratten