Elisabeth Herrmann - Stimme der Toten (Judith Kepler 2)

Es gibt 6 Antworten in diesem Thema, welches 917 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Juva.

  • Hab in Sachen Suchfunktion den Krimi nicht gefunden hier im Forum, auf der HS ist er freigeschaltet inzwischen. Drum hier meine Rezension zum Buch:


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    "Stimme der Toten" von Elisabeth Herrmann ist der Nachfolger von "Zeugin der Toten" um die Tatortreinigerin Judith Kepler, die hier über eine kleine Blutspur stolpert und im Herzen einer weltweiten Verschwörung landet" (so das Buchmagazin 'Stories').
    Erschienen ist der Kriminalroman (HC) 2017 im Goldmann-Verlag und das Cover, das regnerische Zeiten in Berlin symbolisiert, ist haptisch durch den herunterrieselnden Dauerregen sehr gut gelungen.


    Ist der Mitarbeiter der CHL-Bank von der Galerie gestürzt - oder hat vielleicht jemand nachgeholfen? Mit ihrem Hinweis an die Polizei gerät Judith ins Fadenkreuz des BKA, das eine firewall um ihre Person installierte, um sie zu schützen - und dem Netz der Geheimdienste in der Person von Bastide Larcan, der ihr eine lukrative Zusammenarbeit anbietet: Ein Hackerangriff wird von Russland aus geplant, dessen Ziel es ist, Europa zu destabilisieren, indem Daten der mächtigen CHL-Bank manipuliert werden...


    Die Themen in "Stimme der Toten" sind: Agenten, Stasi, Heimerziehung in der DDR, die deutsche Geschichte und Vergangenheit, Identitätswechsel, Verfassungsschutz, KGB und 'freelancer', die in Waffengeschäften und Geheimdiensten tätig sind und das digitale Zeitalter.


    Der Krimi, der eher im Genre Agententhriller anzusiedeln ist, hat sozialkritische, politisch hochbrisante Inhalte, die gerade Ende September zur Bundestagswahl relevant sind: Zum einen Alkoholismus, Kindeswohl und Jugendämter (Sozialkritik); zum anderen schwärender Nationalsozialismus und Rechtspopulismus, der nach dem Ergebnis der Wahlen besonders in den neuen Bundesländern um sich greift (siehe AfD-Ergebnisse!) und im Roman einen Bezug zu Schenken haben, einem kleinen Dorf und "national befreiter Zone", das wirtschaftliche Autarkie erstrebt und Zulauf hat, ebenso wie die sog. "Reichsbürger".


    Der Stil Herrmanns ist packend, fesselnd und spannend sowie flüssig zu lesen; die Charaktere sind facettenreich, deren "Gedanken-Kalkül" erscheint nachvollziehbar, besonders bewegend hier die Hauptprotagonistin Judith Kepler und Bastide Larcan: Die Vergangenheit um die Ereignisse von Sassnitz spielen hierbei eine große Rolle und bestimmen weiterhin das Leben von Judith, die unauffällig als Cleanerin arbeitet und eine schwierige Vergangenheit durchlebte. Die Autorin weiß mit atmosphärischer Dichte und gekonnten Dialogen zu überzeugen. Spannung entsteht auch über den Perspektivwechsel der Akteure, besonders Judith und Bastide, aber auch Nebencharaktern, die sehr authentisch agieren. Die 64 Kapitel werden von einem Prolog wie einem Epilog stilvoll und meisterlich 'umrahmt'. Zuweilen muss man miträtseln bei der Frage "who's who' und nicht ohne Grund mutmaßt eine eingeschleuste Agentin zum geplanten Hackerangriff auf die CHL


    "dass der kalte Krieg nie aufgehört hat. Es hat allenfalls eine Atempause gegeben. Sie hacken keine Bank. Sie hacken Europa." (Zitat S. 480)


    (gemeint ist der russische Geheimdienst SWR, der Nachfolger des KGB). Der äußerst spannende showdown in der Bank lässt einen der Auflösung entgegenfiebern; der Plot ist (soweit) stimmig und auch im Epilog gibt es interessante Wendungen zu entdecken.


    Fazit:


    Ein spannender, flüssig zu lesender Krimi - oder vielmehr Agententhriller, dem es an gut recherchierten Inhalten zu den eigentlichen "Strippenziehern" an den Machtgebilden dieser Welt nicht eben fehlt und das flaue, aber untrügliche und nachdenklich stimmende Gefühl beim Leser hinterlässt, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt oder auch eine "Spitze des Eisbergs" all dessen sein könnte, was wir nicht wissen (sollten). Es geht um Machtinteressen, die hinter den bekannten politischen "Kulissen" längst im Verborgenen laufen und die politischen Konstellationen des Weltgeschehens im eigentlichen Sinne bestimmen.
    Einem Interview mit der Autorin war zu entnehmen: "Wir müssen wieder mehr analog werden. Die digitale Welt soll uns dienen - und sich nicht schamlos an uns bedienen."
    Dem ist nichts mehr von meiner Seite hinzuzufügen - ausser, dass ich "Stimme der Toten" als hochaktuellen, politisch brisanten und auch sozialkritischen Agententhriller einstufe, der mir sehr gut gefallen hat und daher eine Leseempfehlung sowie 5 */95° auf der "Krimi-Couch" erhält!


    5ratten

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

    Einmal editiert, zuletzt von Sagota ()

  • Hach, das hab ich mir mit einer sehr lieben Widmung der Autorin (die Arme, ich hab sie etwas fangirl-mäßig überfallen) aus Frankfurt mitgebracht und freu mich schon drauf!

    LG, Dani


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  • @Dani: Dann wünsch ich Dir spannende Krimilesestunden :winken:

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

    Einmal editiert, zuletzt von Sagota ()

  • Es sind einige Jahre vergangen, seit Judith Kepler in die Geheimdienstaffäre aus dem Vorgängerband verwickelt war. Sie arbeitet nun meist ganz normal als Putzfrau, doch un wird sie mal wieder zu einem „Tatortreinigereinsatz“ gerufen und bemerkt dort, dass es noch ungesicherte Spuren gibt. Dadurch wird man auf sie aufmerksam und prompt interessieren sich verschiedene Gruppierungen für sie und den aus diesem Einsatz entstandenen Zutritt zu einem Bankhaus.


    Ich empfand die Darstellung Judith Keplers als extrem kühl und hatte dadurch lange Zeit Probleme, mich in den Roman hineinzufinden. Zwischendurch landet sie unter Neonazis und wie sie dort landet und auftritt, erscheint mir reichlich naiv für diese eigentlich sehr patent wirkende Person. Gegen Ende nahm das Tempo zu, die Geschichte wurde für mich runder und das Buch gefiel mir dadurch dann doch noch recht gut, zumal ich das Ende als angenehm versöhnlich empfand. Loben möchte ich die Autorin jedenfalls dafür, wie sie politische Strömungen und Einflussnahmen sehr schön untergebracht hat. Meine Lieblingsreihe der Autorin wird es aber wohl nicht werden, vielleicht liegt es aber auch zu einem guten Teil einfach nur daran, dass ich Agententhriller selten mag.


    3ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

  • Meine Meinung

    Ich lese mich quer durch die Reihe und habe mit den Nachfolgebänden angefangen. Vielleicht war das gerade das Glück, denn ich weiß nicht, ob ich nach diesem Band noch weitergelesen hätte.


    Im Prinzip kann ich mich @illys Kritik anschließen. die Darstellung von Judith war für mich dieses Mal das größte Problem. So, wie sie sich am Anfang des Buchs verhalten hat, hat es nicht zu ihrem Verhalten am Ende gepasst. Oder vielleicht doch, weil sie mir manchmal vorgekommen ist, als ob sie ferngesteuert wäre. Dazwischen hat sie sich aber auch wirklich dumm verhalten und ist offenen Auges in die Gefahr gelaufen. So kenne ich sie nicht aus ihren anderen Fällen.


    Auch die Handlung war nicht immer stimmig für mich, aber ich schiebe das auch auf Judiths Verhalten. Trotzdem hat dieser Krimi auch sein Gutes: ich sollte Serien nach einem schlechte(ren) teil immer noch eine Chance geben ;)

    3ratten

    Into the water I go to lose my mind and find my soul.

  • Nachdem mir der erste Band der Krimireihe um Judith Kepler richtig gut gefallen hat, hatte ich mit dem zweiten Band "Stimme der Toten" so meine Probleme. Ich mag Judith als Protagonistin gern und finde sie auch glaubwürdig gezeichnet, aber rundherum war einiges doch sehr konstruiert (etwa ihre Beziehung zu Larcan), beispielsweise auch die Geschichten rund um Kaiserley und Kellermann (die man noch aus dem ersten Band kennt), bei denen zufällig in beiden Fällen auch noch der mehr oder weniger kompetente Nachwuchs ins Spiel kommt.

    Ziemlich überflüssig finde ich die Nebenhandlung um das Dorf Schenken, zumal relativ schnell absehbar ist, was dort auf Judith wartet (warum merkt sie das selbst nicht, sie ist doch sonst ziemlich fix im Kopf), und man sich gleichzeitig auch denken kann, welche Funktion Frederik dort hat. Der Handel rund um Tabea erscheint mir jedenfalls an den Haaren herbeigezogen, so als wollte die Autorin irgendwie rechtfertigen, dass sich Judith in ganz offenbar höchst kriminelle Aktionen hineinziehen lässt.

    Diese vielen Nebenhandlungen blähen den Roman aus meiner Sicht unnötig auf, etwas mehr Stringenz hätte der Handlung durchaus gut getan. Dass ich trotzdem bis zum Ende gelesen habe hängt neben der Protagonistin damit zusammen, dass die Autorin einfach gut schreiben kann, das ist einer der ganz großen Pluspunkte dieser Krimireihe.


    Insgesamt finde ich diesen zweiten Teil der Reihe um Judith Kepler durchwachsen, hoffe aber auf eine Steigerung im dritten Teil.


    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus: