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  1. Literaturschock - Bücherforum
  2. Kirsten

Beiträge von Kirsten

  • Kerri Andrews - Pathfinding

    • Kirsten
    • 15. Juni 2026 um 16:12

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    Kerri Andrews ist immer gewandert, aber als sie Mutter wurde, hatte sie das Gefühl, dass sie ihre geliebten Berge für sie unerreichbar waren. Während sie in ihrer Schwangerschaft noch wanderte, schien es als Mutter ein unerreichbarer Traum zu sein. Ihr Leben wurde nicht nur von ihr bestimmt, sondern von den Bedürfnissen ihres Kindes.

    "Der einzige Teil von mir, der wirklich noch mir gehörte, war mein Verstand." Dieser Satz klingt hart, aber wahrscheinlich kann ihn jede Mutter verstehen. Schwangerschaft und Geburt verändern einen. Wenn dann noch das nicht mehr geht, was für einen Ausgleich sorgen könnte, wird es schwer. Für Kerri war es das besonders und lange Zeit hat sie sich nicht wie eine echte Mutter gefühlt, sondern wie eine Person, die eine Mutter spielte.

    Die Rückkehr zu der Frau, die durch die Natur gewandert ist, kam langsam. Der erste Schritt waren Berichte von Schriftstellerinnen, die Mütter waren und gewandert sind. Dann kamen die ersten Spaziergänge: alleine, aber auch mit anderen Müttern. Die Unterhaltungen mit diesen Frauen haben ihr genauso geholfen wie die Tatsache, dass sie endlich wieder in Wanderschuhen unterwegs war. Manchmal müssen es nicht die langen oder spektakulären Touren sein, sondern es sind die Menschen, mit denen man unterwegs ist.

    Kerri Andrews hat ein sehr ehrliches Buch geschrieben. Aber diese Ehrlichkeit ist nötig, um zu zeigen, wie schwer der Weg manchmal sein kann, um die Frau wiederzufinden, die hinter der Mutter zurückgetreten ist.
    5ratten

  • Kate Morton - Das Seehaus

    • Kirsten
    • 14. Juni 2026 um 11:09

    In Cornwall 1933 freut sich die sechzehnjährige Alice Edevane auf das Sommernachtfest ihrer Familie. Siebzig Jahre später findet die Polizistin Sadie an einem See ein Haus mit einer besonderen Geschichte. Es gehört zum Anwesen der Edevanes, auf dem in der Nacht des Fests das jüngste Kind der Familie spurlos verschwunden ist.

    Sadie weiß nicht, ob sie jemals wieder in den Polizeidienst zurückkehren kann. Sie ist nicht in Urlaub bei ihrem Großvater, sondern hat Urlaub genommen, um einer Suspendierung zu entgehen. Aber ihre Gedanken drehen sich nur um diesen einen Fall und deshalb kommt ihr das Geheimnis um das Haus am See gerade recht, um sich abzulenken.

    Kate Morton erzählt die Geschichte in zwei verschiedenen Zeitebenen. Die Ereignisse der 1930er Jahre beantworten nach und nach die Fragen, die Sadie sich stellt, seitdem sie das Haus am See das erste Mal gesehen hat.

    Die Geschichte der Familie Edevane ist nicht immer so, wie man auf den ersten Blick vermutet. Gerade das hat mir gut gefallen, weil für mich die Geschichte sonst etwas zu durchsichtig gewesen wäre. Aber es hat auch zu Längen geführt, weil Sadie das nicht gesehen hat, was für mich offensichtlich war.

    Damit will ich aber nicht sagen, dass mir der Roman nicht gefallen hat, im Gegenteil. Er hat mir sogar besser gefallen als erwartet.
    4ratten

  • Sophia Lorenzoni - Auf der Pirsch

    • Kirsten
    • 14. Juni 2026 um 09:00

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    Die meisten Menschen verbinden mit der Jagd nur die Pirsch und das Erlegen von Tieren. Auch in den sozialen Medien sind es dise Bilder, die gezeigt werden. Aber JägerIn zu sein ist viel mehr als nur das. Sophia Lorenzoni erzählt, wie das Leben als Jägüen Welt.

    In den Büchern, die ich zum Thema Wald und Naturschutz gelesen habe, ist oft auch das Thema Jagd und deren Notwendigkeit aufgekommen. Deshalb habe ich mich gefreut, als ich auf Sophias Buch gestoßen bin, das diese mir bis jetzt weniger bekannte Seite zeigt.

    Sophia Lorenzoni war schon lange von der Jagd fasziniert. Ihre erste Begegnung hatte sie ausgerechnet in einem Skiurlaub und seitdem hat sie das Thema nicht mehr losgelassen. Trotzdem hat es noch Jahre bis zu ihrem ersten Schuss gedauert. Auch wenn sie darauf hingefiebert hat, hinterfragt sie sich davor. Wer gibt ihre das Recht, ein anderes Lebewesen zu töten?

    Trotz der anfänglichen Zweifel liebt Sophia das, was sie tut. Sie erzählt mit Begeisterung von ihrem Leben, den Jägerin zu sein ist für sie mehr als nur ein Beruf. Vielmehr ist es eine Berufung und sie lässt mich an jedem Schritt teilhaben. Ich muss gestehen, dass ich nicht mit allem, was ich gelesen habe, etwas anfangen konnte. Gerade die besondere Sprache war mir fremd und die Schilderung der Drückjagd fand ich schwer zu lesen, auch wenn die Autorin den Hintergrund erklärt.

    Gleichzeitig fand ich spannend, wie sich Sophia als Frau in einer sogenannten Männerdomäne behauptet, auch wenn sie nur von wenigen Situationen schreibt, in denen sie sich wirklich durchsetzen musste. Ich glaube, die Vorurteile kommen oft von außen, wenn man nur das Bild sieht und nicht die Arbeit, die dahintersteckt.
    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Douglas Stuart - John of John

    • Kirsten
    • 13. Juni 2026 um 20:39

    Cals Rückkehr auf die äußeren Hebriden war nicht das, was er sich für sich nach seinem Studium vorgestellt hat. Aber die Nachricht seines Vaters, dass es seiner Großmutter schlecht geht, ist für ihn ein Weg aus dem Leben, das er in Edinburgh führt. Ohne Geld, Job oder eigene Bleibe ist es für ihn besser, wieder zurückzukehren zu dem, vor dem er damals geflohen ist.

    Man kann sich vorstellen, wie schwer Cal die Rückkehr ins Haus seines Vaters gefallen ist. Bei den wöchentlichen Telefonaten haben sich Vater und Sohn so wenig zu sagen, dass der Vater irgendwann gälische Psalmen zu singen. Die Kirche spielt eine große Rolle in der kleinen Gemeinde, aber nicht für Cal. Das macht ihn noch mehr zu einem Außenseiter, als er ohnehin schon ist. Auch dass er Männer liebt, eine Tatsache, die er auch in seinem Elternhaus geheim halten muss, lässt ihn am Rand stehen.

    Es ist ein freudloses Haus, in das Cal zurückkehrt. Die Mutter hat die Familie verlassen, als Cal noch ein Kind war und lebt mit ihrer neuen Familie auf einem anderen Teil der Insel. Die Stimmung im Haus ist angespannt, der Vater erwartet von seinem Sohn, dass er sich seinen Regeln fügt, dabei hält er sich selbst nicht daran.

    Ich fand Cals Geschichte über lange Strecken stimmig erzählt: seine Schwierigkeiten, sich wieder in ein Leben einzufügen, das so anders ist als das von Edinburgh. der Versuch, mit seinen alten Freunden dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört haben, und dabei feststellen zu müssen, dass ihr Leben auf unterschiedliche Arten weitergegangen ist. Mir hat auch gefallen, wie sich die Geschichte des Vaters entwickelt hat und sein Kampf, das Richtige zu tun. Aber gegen Ende hatte ich das Gefühl, dass sich die losen Enden ein bisschen zu gefällig verknüpfen würden. Für mich hat das nicht ganz zu den Schwierigkeiten gepasst, die Cal so lange gehabt hat. Das ist mein einziger und auch kleiner Kritikpunkt.
    4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Alan Hollinghurst - Our Evenings / Unsere Abende

    • Kirsten
    • 9. Juni 2026 um 19:45

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    Dave Win erzählt die Geschichte seines Lebens. Er ist dreizehn, als er dank eines Stipendiums ein Internat besuchen kann, das dem unehelichen Sohn einer Schneiderin ein besseres Leben verspricht. Die Wochenenden darf er bei der Familie Hadlow verbringen. Für ihn sind die Besuche gleichzeitig Freude und Angst, denn er muss sich ständig gegen Giles, den Sohn der Familie, zur Wehr setzen. Als sie erwachsen werden, gehen die beiden unterschiedliche Wege, aber durch Giles' Eltern bleiben verlieren sie sich nie gan aus den Augen.

    Giles kann seinen Traum verwirklichen und macht sich als Schauspieler einen Namen. Aber er sieht sich auch wegen seiner Herkunft und auch seiner Orientierung versteckter und offener Diskriminierung gegenüber. In einer Zeit, in der es noch illegal ist, die falsche Person zu lieben, muss er seine wahren Gefühle oft verstecken.

    Der Roman umfasst ein mehr als ein halbes Jahrhundert und fast Giles' ganzes Leben. Alan Hollinghurst erzählt nicht nur seine Geschichte, sondern auch die seiner Mutter. Giles spielt nur noch dadurch eine Rolle, dass Dave einen liebevollen Kontakt zu seinen Eltern hat, die ihn seit dem Stipendium unter ihre Fittiche genommen haben.

    Die Geschichte ist wunderschön erzählt, aber ich habe mich immer wieder gefragt, wohin sie eigentlich führen wird. Mir hat nicht der rote Faden, sondern das Ziel gefehlt. Es gab immer wieder Momente, an dem ich das Gefühl hatte, dass jetzt alles erzählt war und das hat immer wieder zu Längen geführt. Aber wirklich abgeschlossen war der Roman erst mit dem letzten Kapitel und dieses Kapitel hat mich mit diesen Längen versöhnt.
    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Lenz Koppelstätter - Wenn der Sturm ruht

    • Kirsten
    • 9. Juni 2026 um 07:24
    Zitat von Ele95

    Und so geht es mir wie in jedem Band, gerne würde ich mehr um den Fall und die Zusammenhänge wissen, da kämpfe ich mich regelrecht durch.

    Mir geht es ähnlich. Manchmal fehlt mir der Hintergrund, aber das wird durch die Charaktere wieder wett gemacht.

  • Marsali Taylor - Death in Shetland Waters / Shetlands dunkle Flut(Lynch & Macrae 6)

    • Kirsten
    • 8. Juni 2026 um 15:02

    Dazu gibt es unter dem englischen Titel schon diesen Thread: Marsali Taylor - Death in Shetland Waters (Lynch & Macrae 6)

    Anett H. dank bitte daran, die Suchfunktion zu nutzen. Gerade bei deutschen Übersetzungen gibt es oft schon den Thread zum englischsprachigen Original.

  • Kat Kenklies - Erzählungen aus Aotearoa: Maori Geschichten

    • Kirsten
    • 7. Juni 2026 um 20:58

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    Wie ist die Welt entstanden? Woher kommt das Wetter? Und warum ist der Kiwi der beliebteste Vogel Neuseelands? Die Maori erinnern sich an ihre Vorfahren in ihren Geschichten, die sie dadurch weiterleben lassen, dass sie sie immer wieder erzählen.

    Für mich war es nicht nur eine Reise in ein unbekanntes Land, sondern auch in eine unbekannte Kultur, denn bis Neuseeland bin ich weder auf einer Reise noch in einem Buch gekommen.

    Sagen habe ich dagegen schon einige gelesen und dabei gemerkt, dass sie sich oft um die gleichen Dinge drehen. Auch in den 16 Geschichten hier habe ich bekannte Motive gefunden, aber mit einem großen Unterschied: es gibt keinen strahlenden Helden, der alle anderen überragt. Es ist meistens ein Mitglied der Gemeinschaft, das nicht den Ruhm sucht, sondern die Antwort auf eine Frage oder die Wiedergutmachung eines Unrechts. Manche Geschichten haben einen erhobenen Zeigefinger, aber nie von oben herab.

    Eine schöne Sammlung, die für mich nur einen kleinen Fehler hat: sie war viel zu kurz ;)
    5ratten

  • Peter Stamm - Auf ganz dünnem Eis

    • Kirsten
    • 6. Juni 2026 um 07:04

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    Peter Stamm erzählt in seinen Geschichten von Menschen, deren Leben sich anders entwickelt hat, als sie erwartet haben. Sie müssen sich in diesem neuen Leben zurechtfinden, aber sich manchmal auch neu erfinden.

    Ich musste mich daran gewöhnen, dass Peter Stamm seine Geschichten alle anfängt, als das Wichtige oft schon passiert ist. Etwas in im Leben der Charaktere hat zu einer Veränderung geführt und nicht immer habe ich erfahren, was dieses Etwas gewesen ist. Das hat mich manchmal ungeduldig werden lassen, weil es für mich eine leere Stelle im jeweiligen Bild gegeben hat. Aber es hat auch gepasst, weil das Ereignis zu einschneidend war, um sich wirklich damit auseinander zu setzen.

    Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen, aber es war keine dabei, die mir nicht gefallen hat. Der Erzählstil ist ruhig. Dieser Stil hat mir die Lektüre von dem anderen Roman, den ich von Peter Stamm gelesen habe, schwerer gemacht. Aber zu den kurzen Geschichten, die der Autor hier erzählt, hat er gut gepasst.
    4ratten

  • Uwe Timm - Die Entdeckung der Currywurst

    • Kirsten
    • 6. Juni 2026 um 06:20

    Ich habe den Roman von meiner Tochter in die Hand gedrückt bekommen, weil sie ihn als Schullektüre lesen musste. Sie hat sich von dem ungewöhnlichen Titel irritieren lassen und die Geschichte nicht sehr gemocht.

    Mich dagegen hat die Geschichte gleich von Anfang an gepackt. Die Erinnerungen des Erzählers an die heile Welt seiner Kindheit, die er mit der perfekten Currywurst verbindet, führt ihn in das Altenheim, in dem Frau Brücker jetzt lebt. sie verspricht, ihm das Rezept zu verraten, wenn sie ihm dafür ihre Geschichte erzählen darf.

    Frau Brücker erzählt von ihrem Leben in Hamburg während der letzten Tage des zweiten Weltkriegs. Von Verdunklungen, strenger Beobachtung und von einer unerwarteten Liebe, die ihr diese Tage versüßt.

    Ihre Worte lassen den Krieg fast leicht erscheinen, aber wenn man genau hinsieht, kann man zwischen den Zeilen die Gefahr erkennen, die immer da war.

    Frau Brücker nutzt die Zeit mit unserem Erzähler aus. Für sie sind es nicht nur die Erinnerungen, die er wieder aufweckt, es ist auch seine Besuche. Er bringt Abwechslung in ihr Leben, in dem nicht mehr viel passiert außer Stricken und gelegentlichen Besuchen.

    Von daher ist es tatsächlich eine gute Schullektüre, aber offensichtlich hat sie mir besser gefallen als den SchülerInnen, die sie gelesen haben.
    4ratten

  • Nell Frizzell - Brave and Bold

    • Kirsten
    • 5. Juni 2026 um 06:49

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    Der Ladies' Pond im Hampstead Heath ist seit über hundert Jahren ein Treffpunkt für Frauen. Hier können sie nicht nur ungestört schwimmen. Der Ladies' Pond ist auch eine Zuflucht, vor dem Alltag. Hier hat sich eine besondere Gemeinschaft gebildet, in der sie über alles reden oder einfach auch schweigen können.

    "The Pond is waiting, as it always is"

    Nell Frizell führt ihre (schwimmenden) LeserInnen durch das Jahr am und im Ladies' Pond. Im Januar im kalten Wasser zu schwimmen, ist etwas Besonderes, aber auch eine Herausforderung, nicht nur für unerfahrene Schwimmerinnen. Man muss sich Zeit lassen und auf eine besondere Art atmen, um eine mögliche Panik zu vermeiden und das Schwimmen genießen zu können. Für mich ein schönes Bild, um sich auch auf das neue Jahr einzustellen. Das Jahr ist durch Jahreszeiten und Feste bestimmt, die auch im Wasser gefeiert werden. Während die kühlen Monate mit kurzen Tagen ruhig sind, ist es in den Sommermonaten oft so voll, dass der Zugang geregelt werden muss.

    Die Autorin begleitet den Ladies' Pond länger als nur ein Jahr. Sie erzählt, wie sie sie ihn für sich entdeckt hat, vom Schwimmen und von ihrer Zeit als Rettungsschwimmerin. Von schönen, aber auch schweren Momenten und wie sie dann aufgefangen wurde. Am Pond machen sich die Frauen keine Sorgen, wie sie aussehen, sie bewerten sich nicht wegen ihrer Körper oder Badebekleidung.

    Trotzdem erzählt sie die Geschichte nicht nur durch eine rosarote Brille. Natürlich gibt es Streitgespräche und nicht immer ist die Stimmung harmonisch. Aber die werden geklärt bevor sie wieder nach Hause gehen.

    Ich fand nicht nur die Geschichten um den Pond spannend, sondern auch seine eigene Geschichte. Dabei hat mich überrascht, wie viele der bekannten Namen, die sich in den letzten hundert Jahren im Wasser getummelt haben, ich kenne. Für sie alle ist Schwimmen ein Weg, um sich wieder mit sich selbst zu verbinden. Nell Frizzell hat eine Liebeserklärung geschrieben: ans Schwimmen, aber auch an einen besonderen Platz.
    5ratten

  • Graeme Macrae Burnet - Benbecula

    • Kirsten
    • 4. Juni 2026 um 06:53

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    Am 9. Juli 1857 brachte der Hilfsarbeiter Angus MacPhee seine Eltern und die Tante um. Das Gericht befand ihn aufgrund seines Geisteszustands für nicht schuldfähig. Er wurde in die Abteilung für geisteskranke Verbrecher des Gefängnis in Perth eingewiesen, wo er bis zu seinem Tod blieb.

    Die Geschichte wird von Malcolm, dem älteren Bruder erzählt. Er lebt noch in Liniclate auf Benbecula, einer der Uistinseln. Aber er ist ein Einsiedler geworden. Nach dem Tod der Eltern haben ihn seine Geschwister verlassen und die Menschen meiden ihn. Nur eine Nachbarin versorgt ihn mit Essen und kümmert sich um den Haushalt und der Pastor besucht ihn regelmäßig.

    Malcolm McPhee ist kein netter Mensch. Er ist verbittert über sein Schicksal und sieht gleichzeitig auf die Menschen herab, auch oder vielleicht gerade auf die wenigen, die ihn noch besuchen. Er sieht die Verantwortung für die Tat nicht bei seiner Familie, sondern bei den anderen, weil sie nicht geholfen haben.

    Angus war ein schwieriges Kind und ein schwieriger Bruder. Von Anfang an machte er, was er wollte. Je älter und stärker er wurde, desto schwieriger war es, ihn im Zaum zu halten. Er drangsalierte seine Geschwister, half nicht auf dem Hof. und terrorisierte die Menschen und Tiere in der Nachbarschaft. Die Eltern unternahmen nichts. Sie waren der Meinung, dass Gott Angus so gemacht hatte und man ihn deshalb ertragen musste. Selbst wenn Nachbarn kamen, um sich zu beschweren, schoben sie die Verantwortung von sich.

    In einer Gesellschaft, die harter Arbeit und von der Kirche bestimmt wurde, ist das auf der einen Seite verständlich. Auf der anderen Seite hat die gesamte Familie auch weggesehen, wenn "ihr Angus" wieder über die Stränge geschlagen hat. Warum das so war, hat Malcolm nicht erzählt. Er erzählt nur, wie die Situation in der Familie war, hinterfragt aber nichts.

    Je älter Angus wurde, desto schwieriger wurde es, mit ihm umzugehen. Nach einem nicht weiter erklärten Vorfall auf einer Farm, wo er einige Zeit arbeitete, verschlimmerte sich sein Zustand. Danach kamen mehrmals der Pastor, aber auch der Verwalter auf die Familie zu und schlugen vor, Angus untersuchen zu lassen, ob er keine Gefahr darstellen würde. Auch von Einweisen in eine Klinik war die Rede, die Gemeinde würde bezahlen. Aber die Eltern weigerten sich, Angus sei die Angelegenheit seiner Familie.

    Manchmal kam mir Malcolm nicht viel anders vor als sein Bruder. Er wirkt verschlagen, aber er hat sich besser im Griff. Sein Verhältnis zu den jüngeren Geschwistern fand ich eher seltsam als einen normalen Umgang.

    Trotz der vielen Vorfälle mit Angus hat der Mord an Eltern und Tante die Gemeinde verstört, besonders die banale Erklärung, die Angus dafür gegeben hat. Tatsächlich ist das die einzige Erklärung, die in dem Buch gegeben werden. Malcolm erzählt nur seine verstörende Geschichte, bei der es mehr als einmal eine Möglichkeit gegeben hätte, die Geschehnisse abzuwenden. Dadurch entwickelt sie einen unheimlichen Sog, trotzdem hat mir ein wenig die Spannung gefehlt.
    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Vera Zischke - Pina fällt aus

    • Kirsten
    • 31. Mai 2026 um 18:53

    Pinas Leben wird durch die Sorge um ihren Sohn Leo bestimmt. Der 20jährige braucht die Routinen und die Stabilität, die ihm seine Mutter gibt. Außer bei der Arbeit ist Pina immer für ihn da. Die einzige Abwechslung ist der wöchentliche Einkauf, den sie für ihre alte Nachbarin Inge tätigt. In dieser Zeit passt die auf Leo auf. Ausgerechnet während eines Einkaufs bricht Pina zusammen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Als sie nach der verabredeten Zeit nicht zurückkommt, muss sich Inga um den jungen Mann kümmern. Die Aufgabe überfordert sie am Anfang, aber dann bekommt sie Hilfe von unerwarteter Seite.

    Vera Zischke erzählt nicht nur die Geschichte von Pina und Leo, sondern die aller Bewohner des Mietshauses. Außer der 86jährigen Inga, deren Welt sich seit Jahren nur noch auf ihre kleine Wohnung beschränkt, leben noch Woitek und Zola in dem Haus. Zola ist die Tochter des Vermieters, die den Anforderungen des Vaters nicht gerecht wird, aber auch nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Woitek ist ähnlich wie Inga ein Einsiedler in der eigenen Wohnung und ist in eine junge Frau verliebt, die er nur durchs Internet kennt.

    Keiner der drei weiß, wie sie mit Leo umgehen sollen. Aber vielleicht ist gerade ihre Stärke. Sie lernen jeden Tag ein bisschen mehr über und auch von Leo. Sie wachsen als Team zusammen und Leo ist einer von ihnen.

    Durch ihre Protagonisten erzählt Vera Zischke in ihrem Roman viele Geschichten. Sie erzählt von Einsamkeit im Alter, von selbstgewählter Isolation und von jungen Menschen, die nicht wissen, wohin ihr Weg gehen soll. Pina ist mit der Sorge um Leo an die Grenze ihrer Belastbarkeit gekommen. Sie könnte den leichten Weg gehen und Leo in eine Einrichtung bringen. Aber sie will, dass er sichtbar ist, auch wenn das für manchen unangenehm sein mag. Die Botschaft ist deutlich: Leo gehört dazu.

    Wie schon mit dem ersten Roman, den ich von Vera Zischke gelesen habe, hat mich die Autorin abholen können. Für mich ist die eine der Entdeckungen des Jahres.
    5ratten

  • Janice Galloway - Die Überlebenskünstlerin

    • Kirsten
    • 31. Mai 2026 um 07:10

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    Joys Leben ist außer Kontrolle geraten. Nachdem ihr Partner Michael im Urlaub ertrunken ist, hat sie den Halt verloren. Nach außen hin versucht sie den Schein zu wahren, aber in ihrem Inneren sieht es ganz anders aus.

    Es ist schwer, Joy zuzusehen, wie ihr Weg nur abwärts geht. Ihre Gedanken drehen sich immer wieder um den Moment, an dem sie erfahren hat, dass Michael ertrunken ist. Hätte sie etwas tun können? Hätte sie sich anders verhalten müssen?

    Mit seinem Tod verliert Joy nicht nur den Mann, den sie liebt, sondern auch ihr Zuhause. Die Exfrau fordert das Haus zurück. Die neue Wohnung birgt keine Erinnerungen, sondern ist nur ein kalter Ort. Joy verliert sich in Routinen: sie kauft Magazine und versucht mit Hilfe der Artikel darin, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Aber sie lebt nicht wirklich, sie spielt nur noch die Rolle der Frau, die sie einmal gewesen ist, während ihre Freunde nur hilflos zusehen können.

    Der Stoff ist schwierig und die abgehackte Art, wie Joy ihre Geschichte erzählt, macht die Lektüre zusätzlich schwierig. Der Stil passt zu dem Leben, das sie jetzt führt und macht den Eindruck noch beklemmender.
    3ratten

  • Percival Everett - Ausradiert

    • Kirsten
    • 31. Mai 2026 um 06:29

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    Monk Ellison ist Schriftsteller. Seine Romane werden von den Kritikern gelobt, aber sie sind zu anspruchsvoll. Während seine Romane in den Regalen verstauben, füllen platte Romane, die vor Klischees nur so strotzen, die Bestsellerlisten. Monk will es allen zeigen und schreibt unter einem Pseudonym genauso einen Roman, der alles enthält, was er eigentlich verachtet, und gibt ihm einen provokanten Namen. Vom Erfolg seines Machwerks ist er selbst überrascht. Aber mit dem Ruhm kommen auch die Probleme, weil er plötzlich jemand sein muss.

    Puh, schwierig... die Rezensionen sind alle begeistert und an mir ist der Roman fast komplett vorbei gegangen. Ich fand Monks als Schriftsteller und auch sein Alter Ego als Bestsellerautor unerträglich. Die Darstellung der literarischen Welt war mir zu überzogen.

    Aber es gab noch einen anderen Monk. Im Haus seiner Mutter ist der der Sohn und Bruder und seine Probleme als Schriftsteller stehen hinter denen der Geschwister zurück. Auch hier bekommt er nicht die Anerkennung und vor allem die Liebe, nach der er sich sehnt.

    Dieser Teil aus Monks Leben hat mir zumindest zu einem Teil gefallen. Aber für mich war es zu wenig, als dass mir der Roman in guter Erinnerung bleibt.
    1ratten

  • A. F. Th. van der Heijden - Tonio. Ein Requiemroman

    • Kirsten
    • 30. Mai 2026 um 06:23

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    Es beginnt wie ein normaler Tag im Leben des Schriftstellers. Er will endlich beginnen, sein neues Werk noch einmal zu überarbeiten. Auch seine Frau genießt den Morgen. Dann klingelt es an der Tür und ihre Welt bricht zusammen.

    Am Anfang verliert sich van der Heijden in Kleinigkeiten: seinem Atem, der nach dem Essen vom Vortag immer noch nach Knoblauch stinkt oder der Türklingel, die sie seit Jahren schon austauschen wollen, weil sie die Katzen erschreckt. Es sind noch mehr, aber das sind die beiden, die in der Erzählung immer wieder zurückkommen. Fast scheint es so, als ob er sich in den schlimmsten Momenten auf diese banalen Gedanken zurückbesinnen muss, die er hatte, als seine Welt noch in Ordnung war.

    Es ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann: das Kind hat einen Unfall. Mal eilt ins Krankenhaus und kommt zu spät. Die Ärzte haben alles Menschenmögliche versucht, aber sie konnten den Sohn nicht retten. Später werden die Eltern sich ganz genau erklären lassen, was in den Stunden im OP passiert ist, aber jetzt ist dafür noch nicht der richtige Moment.

    Mir ist aufgefallen, dass Mutter und Vater für sich und auch sehr unterschiedlich trauern. Die Mutter lässt ihren Schmerz heraus, sie weint und schreit und hadert mit diesem ungerechten Schicksal. Mehr als einmal habe ich das Gefühl, als ob ihr Schmerz zu viel für van der Heijden ist. Seine Mutter trauert um ihr Kind, während seine Erinnerungen sich anfangs um den Mann drehen, zu dem Tonio geworden ist. Sie will wissen, warum und wie, während ihn diese Fragen eher lähmen. Sie trauern so unterschiedlich, dass sie nicht gemeinsam trauern können.

    Es war nicht so, dass van der Heijden keine Gefühle gezeigt hat. Aber seine Gefühle haben mich nicht immer berühren können, er hat mich nicht an sich herangelassen. Auch im Roman hält er die Menschen auf Abstand. Er spricht von und mit seiner Frau oft mit dem Spitznamen, einer Verniedlichung ihres Namens. Damit ist zwischen den beiden immer ein gewisser Abstand.

    Die Lektüre war schwer. Natürlich vom Thema, aber der Erzähler hat es mir nicht einfach gemacht.
    4ratten

  • Millay Hyatt - Wie viele Tage muss ich gehen

    • Kirsten
    • 27. Mai 2026 um 18:49

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    Wenn man Reiseberichte im Netz sieht, führen sie einen meistens an weit entfernte Orte. Aber unsere direkte Umgebung scheint für einen längeren Urlaub nicht interessant genug zu sein. Millay Hyatt zieht es genau in diese Nähe und gerade deswegen entfernt sie sich weiter aus ihrer Komfortzone, als sie sich vor Beginn ihrer Reise vorstellen konnte.

    Die Idee ist einfach: von Berlin aus geht es los, immer nach Osten. Zu Fuß und mit kleinem Gepäck. Ohne die Unterstützung ihres Smartphones, sondern mit Karten, sie mitgenommen hat oder sich anhand von den Wegbeschreibungen ihrer Gastgeber selbst macht. Sie weiß nur, wo sie am selben Abend sein wird. Um die nächste Übernachtung kümmern sich die Menschen, bei denen sie schläft. So ist jeder Tag ein neuer Aufbruch ins Ungewisse, bei dem der Weg die einzige Konstante ist.

    Wie viele Tage muss man gehen, um außerhalb der Reichweite der S-Bahn zu sein oder außerhalb der Kontakte der eigenen Blase zu sein? Es gibt auf der Wanderung viele erste Male. Manche fühlen sich wie ein kleines Abenteuer an, bei anderen ist die Herausforderung fast zu groß, besonders, als es keine gemeinsame Sprache mehr mit ihren Gastgebern gibt. Plötzlich ist sie unsicherer, als sie es am Anfang ihrer Wanderung war.

    Ihre Wanderung öffnet Millay die Augen und sie lernt gerade die scheinbar bekannte Umgebung in und um Berlin noch einmal kennen. Allein zu wandern, macht zu einem gewissen Grad abhängig von den Menschen, denen man begegnet, wenn man nicht allein bleiben will. Es gibt jeden Abend Gespräche über Gott und die Welt, selbst als es keine gemeinsame Sprache mehr gibt. Millay muss und will sich auf die Menschen einlassen, denen sie begegnet, auch wenn sie nicht immer deren Ansichten teilt.

    Das Sprichwort sagt es: man muss nicht immer in die Ferne schweifen. Auch wenn es nicht immer nur das Gute ist, das nahe liegt, ist es wert, es zu erkunden.
    4ratten

  • Marsali Taylor - Ghosts of the Vikings / Tödlicher Beifall (Lynch & Macrae 5)

    • Kirsten
    • 27. Mai 2026 um 11:05

    Dazu gibt es schon einen Thread, zwar nur mit dem englischen Buchtitel, aber auch mit einer Rezension der deutschen Übersetzung: Marsali Taylor - Ghosts of the Vikings 

  • Monatsrunde Mai 2026: Pride-Flagge

    • Kirsten
    • 27. Mai 2026 um 07:49

    Ich habe Douglas Stuart - John of John gelesen, muss mir aber noch Gedanken über eine Rezension machen.

  • Patrick Radden Keefe - Say nothing

    • Kirsten
    • 24. Mai 2026 um 18:44

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    Im Dezember 1972 wurde eine Mutter von zehn Kindern aus ihrer Wohnung entführt. Ihre Kinder sahen sie nie wieder. Nicht zu wissen, was wirklich mit ihrer Mutter passiert war, verfolgte ihre Kinder seit diesem Tag. Erst 2003 wurde ihre Leiche gefunden. Jean McConville gehört zu den Verschwundenen, den Menschen, die während der Unruhen in Nordirland von der IRA entführt, ermordet und oft an einem geheimen Ort begraben wurden.

    Patrick Radden Keefe stellt in seinem Buch zwei Frauen einander gegenüber, die nicht unterschiedlicher sein können. Auf der einen Seite die Witwe Jean McConville, die mit ihren Kindern in den Divis Flats lebte, in der Misstrauen und Gewalt an der Tagesordnung waren. Auf der anderen Seite Dolours Price, einer Ikone der IRA, die mit Jeans Verschwinden und ihrem Mord in Verbindung gebracht wurde, auch wenn sie nicht diejenige war, die den Abzug drückte.

    Das Buch erzählt er die Geschichte des Konflikts in Nordirland. Es geht nicht nur um die beiden Frauen, aber sie sind immer präsent. Jean durch ihre Kinder, die die Suche nach ihr nie aufgegeben haben. Dolours' Kampf wird immer fanatischer. Sie war die Drahtzieherin hinter dem Bombenattentat am Old Bailey, wofür sie vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Später wurde die Strafe auf zwanzig Jahre reduziert, aber auch im Gefängnis gab sie den Kampf nicht auf. Um in ein Gefängnis in Nordirland verlegt zu werden, trat sie in den Hungerstreik und auch wenn ihre Verurteilung gerechtfertigt war, fand ich es schwer zu lesen, wie mit ihr in dieser Zeit umgegangen wurde.

    Genauso schwer fand ich es aber auch zu lesen, dass sie zur Märtyrerin für die Sache gemacht wurde. Während ihrer Zeit im Gefängnis wurden für sie und die anderen Gefangenen Lieder geschrieben. Die Entlassung nach nur sieben Jahren hat ihre Sache in ihren Augen gerechtfertigt. Während ihr Leben weiterging, gab es für ihre Opfer keine Gerechtigkeit.

    Der Autor schreibt auch über andere bekannte Personen während und nach den Unruhen. Ein paar Namen kannte ich und habe teilweise auch die Diskussionen über sie besser verstanden. Ich fand den Bericht sehr kompakt, aber er hat mich trotz der vielen Informationen nicht erschlagen. Und ich kann auch verstehen, warum der Konflikt für manche Menschen immer noch nicht vorbei ist.
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