Dirk Oschmann - Der Osten: eine westdeutsche Erfindung

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    Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Hardcover; 15. Edition (23. Februar 2023)

    Sprache ‏ : ‎ Deutsch

    Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten

    ISBN-10 ‏ : ‎ 3550202342

    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3550202346



    Inhaltsangabe:



    Was bedeutet es, eine Ost-Identität auferlegt zu bekommen? Eine Identität, die für die wachsende gesellschaftliche Spaltung verantwortlich gemacht wird? Der Attribute wie Populismus, mangelndes Demokratieverständnis, Rassismus, Verschwörungsmythen und Armut zugeschrieben werden? Dirk Oschmann zeigt in seinem augenöffnenden Buch, dass der Westen sich über dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch immer als Norm definiert und den Osten als Abweichung. Unsere Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden von westdeutschen Perspektiven dominiert. Pointiert durchleuchtet Oschmann, wie dieses Othering unserer Gesellschaft schadet, und initiiert damit eine überfällige Debatte.



    Autoreninfo:



    Dirk Oschmann, geboren 1967 in Gotha, ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Leipzig. Sein FAZ-Artikel zum Thema dieses Buches stieß auf große bundesweite Resonanz.



    Meine Meinung:



    Titel: Längst überfällige Betrachtung der Wiedervereinigung...



    Dieses Buch hat eher zufällig den Weg zu mir gefunden, lag es schlichtweg in der örtlichen Bücherei aus und hat mein Interesse geweckt.



    Ich zähle sonst eher nicht zu den extrem politisch Interessierten, allerdings wenn es um Chancengleichheit, Fairness und ähnliches geht, dann bin ich an vorderster Fronst dabei. Dies jedoch meist im Kontext zu Feminismus und Rassismus. Mit meiner Ostidentität habe ich mich bisher als Jahrgang 1985 nicht beschäftigt, jedoch habe ich mich schon sehr oft gefragt warum meine westdeutschen Kollegen so viel selbstbewusster, redegewandter und ähnliches sind, obwohl sie keinen besseren Bildungsgrad haben. Erst durch dieses Buch wurde mir klar, dass es nicht nur an meiner ostdeutschen Erziehung liegt.



    Ich kann nicht gerade behaupten als ostdeutsche Frau benachteiligt zu sein, als Frau ja, aber nicht aufgrund meiner Herkunft. Natürlich wird man mitunter für den eigenen Dialekt belächelt und einmalig hatte ich eine diskriminierende Erfahrung während meiner Ausbildung in Niedersachsen, aber das hatte irgendwie etwas Normales und ich habe es nie in Frage gestellt, genauso wie ich lange nicht die Wiedervereinigung in Frage gestellt habe. Warum auch? Zählte meine Familie ganz und gar nicht zu den Wendeverlierern, genießt das Reisen und andere Goodies, die der Anschluss an die BRD gebracht haben und dennoch ist da so ein kleines Grummeln im Bauch, was ich nie benennen konnte.



    Prof. Dr. Dirk Oschmann findet wahre Worte zu dem was die letzten 30 Jahre passiert ist und wie die Zurückhaltung und Bescheidenheit des Ostdeutschen nicht als etwas Positives gewertet wird, sondern als Makel, denn mit Durchsetzungsstärke hat dies nichts zu tun, wenn man nicht immer an erster Stelle ist und sich nimmt was man glaubt, dass einem zusteht. Dann gilt man schnell als schwach und obendrein dumm dazu. Und wie soll man mithalten können, wenn die finanzielle Situation für viele sehr unterschiedlich ist. Natürlich studiert es sich leichter und man entscheidet sich für einen Master, wenn die Eltern das alles finanzieren können anstatt dass man 3 Jobs neben dem Studium wuppen muss. Bessere Leistungen durch mehr Fokus auf das Wesentliche, das liegt in der Natur der Sache.



    Textlich hat sich das Geschriebene nicht ganz so leicht lesen lassen, weil Oschmann natürlich in erster Linie Professor ist und seine betroffenen Bereiche schildert und dennoch kann man dies gut auf sein eigenes Leben projizieren.



    Erst mit den Jahren und durch Lesen solcher Titel wird mir bewusst, dass im Alltag und in den Medien die Präsens ostdeutschen Denkens nicht auftaucht und einfach keine Rolle spielt. Und wird doch mal etwas erwähnt, so ist dies immer negativ. In meinem Umfeld habe ich zwar nahezu ausschließlich ostdeutsche Freunde, aber davon ist niemand fremdenfeindlich, dumm oder lebt an der Gesellschaft vorbei, so dass Aussprüche "Ossis sind alles Nazis und AFD Wähler" einfach traurig machen.



    Und trotz aller Diffamierung ist bei mir in manchen Bereichen die Faszination für das Ostdeutsche enorm, obwohl ich mich immer als Deutsche, nie als Ossi bezeichnen würde. Wenn ich in Berlin unterwegs bin und noch Reste sozialistischer Kunst sehe wie am "Haus des Lehrers" oder so, dann macht das etwas mit mir. Oder wenn ich alte Ostrezepte wiederverwende, auch dann spüre ich manches Mal mehr als bei weiten Reisen, nämlich eine gewisse Identität und auch Stolz, egal wie groß die Häme andernorts ist.



    Komplett unbekannt war mir jedoch, dass vor allem der ostdeutsche Mann teils mit enormen Problemen zu kämpfen hat, da er mitunter im Vergleich abgewertet wird. Das war mir nie bewusst und dennoch hätte es das sein können, schließlich sind alle wichtigen, bedeutenden Posten in der Firma, in der ich arbeite, nicht nur durch Männer besetzt, sondern durch westdeutsche Männer mit all ihrem Denken und ihren Erfahrungen.



    Fazit: Offen, schonungslos, das musste mal raus. Darf jeder mal als Denkanstoß lesen. Gelungen.



    Bewertung: 4ratten

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Danke schön für Deinen Text, nicigirl85 . Ich bin Jahrgang 1964 - in Rostock geboren. Im Großen und Ganzen ist mir das alles schon sehr lange bewusst und macht mich einfach nur wütend.

    Ich habe darüber schon viele Diskussionen geführt und bin damit immer gescheitert. Deshalb möchte ich hier auch keine Diskussion starten. Nur in einem Punkt stimme ich Prof. Oschmann nicht ganz zu: Es sind nicht "vor allem" die deutschen Männer, die darunter zu leiden haben. Auch vielen ostdeutschen Frauen geht das so. Auch ich fühle mich total abgewertet. Arbeite mit meiner ach so wichtigen Arbeit (Korrekturlesen des Lokalteils unserer Zeitung) hart am Mindestlohn. Was passiert, wenn sich eine Kollegin gegen zu viel Arbeit und zu wenig Geld wehrt, habe ich kürzlich erlebt. Sie wird gefeuert.


    Ja, auch wenn es in Ostdeutschland einige Erfolgsgeschichten gibt, im Großen und Ganzen wird sich daran nichts mehr ändern. Wozu ja auch schon beiträgt, dass die Geschichtsschreibung jetzt schon anfängt, sich auf Gesamtdeutschland zu beziehen. Wenn es um Deutschland geht, wird oft schon kein Unterschied zwischen Ost und West mehr gemacht.

    Denn ich, ohne Bücher, bin nicht ich. - Christa Wolf

  • Valentine

    Hat den Titel des Themas von „Prof. Dr. Dirk Oschmann - Der Osten: eine westdeutsche Erfindung: Wie die Konstruktion des Ostens unsere Gesellschaft spaltet“ zu „Dirk Oschmann - Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ geändert.