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  1. Literaturschock - Bücherforum
  2. Vandam

Beiträge von Vandam

  • Patricia Koelle - Der Klang des Windes

    • Vandam
    • 17. Juni 2026 um 12:43

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    Patricia Koelle: Der Klang des Windes. (Sehnsuchtswald-Reihe, Band 4), Frankfurt 2024, S. Fischer Verlag GmbH, ISBN 978-3-596-70848-2, Klappenbroschur, 478 Seiten, Format: 12,4 x 3,48 x 19 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Aber wenn ich mir den Fluss so ansehe […], dann denke ich, es kommt, wie es eben kommt, und dass das auf jeden Fall spannend wird. […] In den Strömungen geht nichts verloren, alles gelangt irgendwohin, nur manchmal anders, als man erwartet hat. (Seite 335)

    Eine Freundin von mir ist zufällig in den Besitz dieses Buchs gelangt, und weil ihr die Naturverbundenheit und die gelassene Lebenseinstellung der Personen so gut gefallen hat, hat sie es mir zum Lesen gegeben.

    4. Band einer Reihe: viele Personen – aber man kommt klar

    Was uns anfangs nicht bewusst war: Dass wir den Abschlussband einer vierbändigen Reihe erwischt haben und dass auch andere Buchreihen der Autorin „Personal“ zu der Geschichte beisteuern. Kein Wunder, dass hier rund 50 Leute durchs Geschehen wuseln!

    Spoiler anzeigen

    Großnichte, Ex-Freunde und -Freundinnen, Stiefschwestern, Opa und Oma, Halbbrüder … muss man sich die alle merken oder tauchen die nur in einer Szene auf und werden danach nie wieder erwähnt?

    Für Kennerinnen der Reihe(n) sind sicher alle Personen wichtig, weil man hier etwas über deren weiteren Werdegang erfährt.

    Der Quereinsteiger muss sich darüber keinen Kopf machen. Wenn er das unmittelbare Umfeld der Heldin im Blick behält, reicht das. Sollte eine Nebenfigur bedeutsam werden, wird alles Wissenswerte kurz erklärt.

    Seit 15 Jahren war Anna-Lisa nicht mehr daheim

    Wiefelstede bei Oldenburg, 2021: Gleich nach dem Abitur hatte die Halbwaise Anna-Lisa (inzwischen Mitte 30) ihr Elternhaus auf dem Darß verlassen, um Kunst zu studieren – und sich geschworen, erst wieder zurückzukehren, wenn sie so gut und erfolgreich wäre wie ihre frühere Nachbarin und Ersatz(groß)mutter Hedy Badonin.

    Die Lebensgefährtin ihres Vaters, die Gärtnerin Ylvi und deren Tochter Remy kennt Anna-Lisa nur vom Hörensagen. Es verschlägt sie in die USA, aber auch dort will sich der Erfolg als Malerin nicht einstellen. Zwar hat sie stets eine Vision, doch es gelingt ihr nie, diese adäquat umzusetzen. Der Fotograf Fergus Phelan, eine Zufallsbekanntschaft aus San Francisco, sagt ihr ganz unverblümt, dass sie mit dem falschen Medium arbeite. Leinwand, Pinsel und Farbe seien nicht ihr Ding. Er bringt ihr die technischen Aspekte des Fotografierens bei. Den richtigen Blick fürs Motiv hat sie schon.

    Zeit für die Rückkehr

    Anna-Lisa erkennt, dass sie jetzt endlich das richtige Instrumentarium an der Hand hat. Zeit, nach Hause zurückzukehren!

    Spoiler anzeigen

    Nun ja: Sie kommt zumindest bis Oldenburg, wo sie für eine Werbeagentur Fotoaufnahmen macht. Aber das ist noch nicht das, was sie wollte. Als sie bei einem Shooting ein geschnitztes Relief geschenkt bekommt mit einem Naturmotiv, das sie zutiefst berührt, weiß sie was sie mit ihrer Kamera als nächstes einfangen will: den Wind! Und das geht am besten daheim auf dem Darß!

    Darß, 2021: Anna-Lisa bricht ihre Zelte ab und zieht nach 15 Jahren Abwesenheit vorübergehend in ihr altes Kinderzimmer. Vater und Stiefmutter sind zwar verblüfft über die plötzliche Rückkehr, aber heißen sie willkommen.

    Spoiler anzeigen

    Und weil hier jeder jeden kennt, funktioniert auch das Netzwerken: Anna-Lisa arbeitet für ihre Stiefschwester Remy, die eine Zeitschrift herausgibt, und hat beim Fotografieren weitgehend freie Hand.

    Ein verschollener Freund, mysteriöse Klänge – und seltsame Reaktionen

    Ihre Arbeiten kommen gut an, sogar Fergus, dem sie Arbeitsproben mailt, ist begeistert. Zu gerne würde Anna-Lisa sich für den letzten Funken Inspiration bei dem Schöpfer des geschnitzten Weiden-Reliefs bedanken. Sie kennt aber nur seine Initialen.

    Doch weil das Relief mal im Besitz der Familie einer befreundeten Journalistin war, müsste die doch imstande sein, etwas über den Künstler herauszufinden!

    Wann immer Anna-Lisa das Relief und seinen Schöpfer ihren alten und neuen Freunden gegenüber erwähnt, reagieren diese ziemlich seltsam. Was ist denn da los? Das bildet sie sich doch nicht nur ein! Ebenso wenig wie die seltsamen Klänge, die im Wald zu hören sind! Auch wenn die anderen so tun, als sei da nichts:

    Spoiler anzeigen

    Diese Töne gibt es! Marley, die kleine Tochter der Gastwirtin Franzi, hört sie auch. Vielleicht sind die erwachsenen Einwohner schon so daran gewöhnt, dass sie sie gar nicht mehr wahrnehmen.

    Die Spur führt in die Nachkriegszeit …

    All die rätselhaften Ereignisse scheinen ihren Ursprung in der Nachkriegszeit zu haben, als vier junge Männer hier in der Gegend „hängengeblieben“ sind und ein Jahr lang in einer Hütte im Darßwald gehaust haben,

    Spoiler anzeigen

    bevor sie sich buchstäblich in alle vier Winde zerstreut und den Kontakt zueinander verloren haben.

    Was aus dreien der vier Männer geworden ist, ist trotzdem bekannt: Zwei wurden Künstler, einer war im sozialen Bereich tätig. Was aus dem Vierten geworden ist, weiß niemand.

    Der ehemaligen Försterin Hella, die die vier jungen Männer als Kind gekannt hat, ist es wichtig, dass der fehlende Freund nun gefunden wird. Nicht nur, weil sie ihn gerne wiedersehen würde, sondern auch, weil es um ein altes Versprechen geht. 86 wäre der Mann jetzt, er könnte also noch leben. Und Hella hält es für sehr wahrscheinlich, dass er der Urheber von Anna-Lisas Weiden-Relief ist.

    … und nach Ostfriesland

    Es gibt eine Spur zu einem alten Herrn in Ostfriesland, und Anna-Lisa soll jetzt hinfahren und der Sache nachgehen …

    Hier geht es nicht um das große Abenteuer. Oder, anders gesagt: Für die Menschen in diesem Buch ist das ganze Leben ein großes Abenteuer, vor dem man sich nicht ängstlich verstecken sollte, sondern auf das man sich einlassen muss. Sicherheiten und Garantien gibt es keine. Man weiß nie, wohin einen der Wind trägt und was am Schluss einer Unternehmung herauskommt. Aber es geht immer irgendwie weiter. Und manchmal erweist es sich im Nachhinein sogar als Segen, wenn etwas anders gekommen ist als geplant.

    Gelassenheit, Resilienz und geradezu magische Bilder

    Diese Gelassenheit ist sympathisch und bewundernswert. Natürlich machen die Leute hier auch Pläne und verfolgen ehrgeizige Ziele, doch sie erweisen sich als recht resilient, flexibel und erfinderisch, wenn sie mal einen Plan B brauchen. Die Natur, das Leben … alles ist im Fluss, und der Mensch muss da eben irgendwie mit.

    Zu den „Hauptattraktionen“ in diesem Buch zählt etwas, das man sonst in Romanen gern überfliegt: die lebendigen und stimmungsvollen Naturbeschreibungen. Ob Flora, Fauna, Himmel, Wasser oder Licht: Wir sehen alles mit den Augen der engagierten Naturfotografin Anna-Lisa. Da wirken selbst alltägliche Bildmotive magisch.

    Spoiler anzeigen

    Wenn man als Leser neugierig wird und manche Handlungsorte im Internet sucht, kann es sein, dass man von der Realität enttäuscht ist. Ja, wenn Anna-Lisa die Fotos gemacht hätte, dann hätte das anders ausgesehen!

    Wenn es die Fotografin wirklich gäbe und sie eine Ausstellung hätte oder einen Bildband herausbrächte: Ich wäre dabei! Was der im Roman beschriebenen Bild-Magie vermutlich recht nahe kommt, sind die Arbeiten des Fotografen Frank Liebke, des Lebensgefährten der Autorin: https://www.liebke-fotos.de

    DER KLANG DES WINDES ist ein Wohlfühlroman für naturverbundene Menschen. Ob das für die ganze Reihe gilt oder gar für alle Bücher der Autorin vermag ich nicht zu sagen – ich kenne ja nur diesen Band.

    Die Autorin

    Patricia Koelle (auch Patricia Koelle-Wolken und Paula Carlin) ist eine Bestseller-Autorin mit Leidenschaft für das Meer, die Natur und für das Gärtnern – und für das Schreiben, in dem sie ihr immerwährendes Staunen über das Leben, die Menschen und unseren sagenhaften, unwahrscheinlichen Planeten zum Ausdruck bringt. Sie wohnt mit ihrem Lebensfreudegefährten, dem Fotografen Frank Liebke (Märkisches Licht) am Rande von Berlin. Ihr kostenloser und werbefreier Blog heißt meerschreibfrau.

  • Melanie Metzenthin - Wer sich der Wahrheit stellt

    • Vandam
    • 11. Juni 2026 um 14:34

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    Melanie Metzenthin: Wer sich der Wahrheit stellt (Eine starke Liebe, Band 3 von 3). L-Luxembourg 2026, Tinte & Feder, ISBN 978-2-49671-977-2, Softcover, 298 Seiten, Format: 12,6 x 2,54 x 18,59 cm, Buch: EUR 11,99, Kindle: EUR 4,49, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Renate konnte sich ein feines Lächeln nicht verkneifen. Alte Schule, das klang vornehm, vor allem für einen alten N*zi, dem die notwendige Empathie im Umgang mit seinen Patienten fehlte.“ (Seite 223)

    Hamburg 1960: Frau Dr. Renate Studt, 28, Psychiaterin, arbeitet als Medizinalassistentin im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll in der Frauenabteilung der Psychiatrie. Seit 10 Monaten ist sie mit dem ehemaligen Fußballprofi und angehenden Juristen Matthias Studt verheiratet, aber erst jetzt schaffen es die beiden, ihre Hochzeitsreise anzutreten. Matthias‘ Onkel Rudi, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, und seine Frau, die Schauspielerin Leonore Gold („Goldie“) haben sie schon vor Monaten zu sich nach New York eingeladen.

    Hochzeitsreise nach New York

    Jetzt sind sie dort. Und das ist das Amerika, von dem man uns (Boomern) in unserer Kindheit erzählt hat! Wer Frau Dr. Studt aus den vorigen Bänden der Reihe kennt, dem ist klar: Die Hektik und das ständige Oberklassen-Getue der US-Verwandtschaft kann ihr unmöglich gefallen! Dazu ist sie viel zu bodenständig. Ihrem Mann geht es ähnlich.

    Spoiler anzeigen

    Das Luxusleben von Onkel und Tante nehmen sie staunend zur Kenntnis. Die Aktivitäten von Cousine Margot und deren Mann Jonathan entsprechen ihnen eher: Die beiden engagieren sich als Lehrerin beziehungsweise Rechtsanwalt für die People of Color in Harlem. Für „die Unterschicht“, wie Tante Goldie naserümpfend sagt.

    Bei Goldies Vorgeschichte ist es erstaunlich, dass sie so rassistisch ist. Ist das nur Show, weil „man“ in ihren Kreisen eben so denkt? Keine Ahnung! Die Frau hat so viele Gesichter, dass es Renate noch immer nicht gelungen ist, die wahre Goldie kennenzulernen.

    Manchmal hat die Tante aber gute Ideen, zum Beispiel die, Renate mit ihrem Psychiater bekannt zu machen. Der lädt die junge deutsche Kollegin spontan zu einem seiner Seminare ein.

    Spoiler anzeigen

    Während Renates Mann seinen Onkel zu Gerichtsverhandlungen begleitet, lernt sie, dass Symptome Botschaften sind, die man wie einen Code entschlüsseln oder wie eine Fremdsprache übersetzen kann, wenn man nur richtig zuhört. Das mag aus heutiger Sicht selbstverständlich klingen, damals war es das nicht,

    und Renate nimmt sich fest vor, diese Methode künftig bei ihren Patientinnen anzuwenden und nicht schon mit einer vorgefertigten Diagnose-Vermutung ins Gespräch zu gehen.

    Ein verlockendes Angebot

    Dass sie nach Deutschland zurückkehren werden, ist für Renate und Matthias sonnenklar. Das Angebot des Onkels erwischt sie unvorbereitet: Sie könnten doch in New York bleiben. Für eine fähige Psychiaterin gäbe es auf jeden Fall Arbeit, und Matthias könnte sein Jurastudium hier fortsetzen und später in Rudis Kanzlei eintreten. (Schwiegersohn Jonathan hat andere Pläne.)

    Das junge Paar lehnt spontan ab, bekommt das Angebot aber nicht mehr aus dem Kopf. Immer, wenn es daheim in Deutschland nicht gut läuft, fragen sie sich jetzt, ob es nicht doch sinnvoll wäre, in den USA von vorn anzufangen. Und Probleme gibt’s: Matthias muss sich unter anderem dafür mobben lassen, dass er älter ist als seine Kommilitonen, dass er verheiratet ist und schon eine Karriere hatte. Und Renate kämpft an ihrem Arbeitsplatz ihren täglichen Kampf mit Oberarzt Dr. Kleinschmidt. Der hat was gegen Neuerungen aller Art und vor allem gegen Ärztinnen. Und machen wir uns nichts vor: Er ist ein alter N*zi. Die sind ja nach dem Krieg nicht einfach verschwunden.

    Wieder daheim: Neue Probleme mit alten Gegnern

    Es passt Kleinschmidt nicht, dass Renate jetzt mit neumodischen US-amerikanischen Methoden daherkommt und seine Diagnose(n) anzweifelt.

    Spoiler anzeigen

    Im Gegensatz zu ihm hält sie die 19jährige Patientin Gisela Meyer nicht für schizophren und rollt deren ganze Familiengeschichte auf. Das hält der Oberarzt für Mumpitz und verpasst der jungen Patientin ein Medikament, auf das sie mit starken Nebenwirkungen reagiert. Darin

    sieht Dr. Kleinschmidt die Chance, Frau Dr. Studt ein für allemal loszuwerden und lässt es so aussehen, als sei die Medikation/Überdosis ihre Idee gewesen.

    Bis dato sind jedoch all seine Versuche gescheitert, Renate Studt aus ihrem Job zu mobben. Sie ist eben kein unerfahrenes Dummchen, sondern eine scharfsinnige, zielstrebige Frau, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Außerdem ist sie bis in höchste Kreise gut vernetzt. Sie hat Ärzte, Juristen und jede Menge Polizeibeamte in der Familie und kennt durch ihre Mitgliedschaft in einem Frauenverein einflussreiche Akademikerinnen jeglicher Couleur, die jederzeit bereit sind, für eine Vereinskameradin ihre eigenen Kontakte spielen zu lassen.

    Gut vernetzt, doch müde vom Kämpfen

    Spoiler anzeigen

    Ja, Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat. Und man sollte sich immer gut anschauen, mit wem man sich anlegt. Das muss auch Oberkommissar Wismar feststellen, der besessen davon ist, Renates Onkel etwas anzuhängen. Das hat eine Vorgeschichte – und ein Nachspiel.

    Auch wenn man viel Unterstützung erfährt: Dauernd kämpfen zu müssen macht müde. Immer wieder fragen sich Renate und Matthias, ob es nicht doch sinnvoll wäre, nach New York zu gehen und unbelastet von alten Geschichten neu zu beginnen. Oder würden sie sich in Amerika nur andere Schwierigkeiten einhandeln ohne auf ihr bewährtes Netzwerk zurückgreifen zu können? Gehen oder bleiben? Wie werden sie sich entscheiden?

    Geschichte aus der Perspektive der Frauen

    Ich mag diese Reihe, unter anderem weil hier kluge Menschen bemerkenswerte Gedanken äußern – und weil sie die jüngere deutsche Geschichte anhand konkreter Personen lebendig macht, vor allem aus der Perspektive der Frauen. Für die ändert sich zu der Zeit einiges, langsam zwar, aber immerhin.

    Gut, man könnte einwenden, dass es hier hauptsächlich um Akademiker:innen geht. Stimmt - aber die stammen nicht aus dem Geld- und Bildungsadel. Matthias Studts Familie kommt aus einfachen Verhältnissen und die höchst (einfluss)reiche Familie Kellermann, die hier eine wichtige Rolle spielt, hat recht dubiose Wurzeln. Es sind im Grunde Aufsteigergeschichten.

    Spannende Fälle

    Spannend wie die von mir sehr geschätzte TV-Reihe „Abenteuer Diagnose“ sind die Fälle, mit denen es Renate Studt im Krankenhaus zu tun bekommt.

    Spoiler anzeigen

    Niemand lacht über das bizarre Verhalten der Patientinnen, auch wenn’s schon lustig ist, dass eine schizophrene ältere Dame ausgerechnet den Oberarzt mit dem F ü h r e r verwechselt. Ihre Gedankengänge mögen bizarr anmuten, aber sie folgen einer inneren Logik, wie Renate bald feststellt.

    Bei anderen Patienten liegt die Ursache für ihrer Erkrankung in den äußeren Lebensumständen. Doch dafür ist leider niemand zuständig, weder die Psychiatrie noch sonst einer. Und Renate stellt sich die Frage, ob man manchen Patienten ihre Illusionen nicht lieber lassen sollte, weil sie damit besser dran wären als mit der brutalen Realität. - Gute Frage!

    Unterschätze niemals deinen Gegner!

    Last not least habe ich einen etwas kindischen Grund, diese Reihe zu mögen: Ich habe ein Herz für unterschätzte Held:innen! Jeder sieht in Renate Studt nur eine Frau, die sich in einem „Männerberuf“ behaupten will, aber keiner sieht das Netzwerk, in das sie eingebunden ist. Wer alles bereit ist, für sie in die Bresche zu springen, bekommt erst der zu spüren, der ihr was Böses will. Und ich liebe es, wenn Antagonisten an die Falsche geraten …!

    Die Autorin

    Melanie Metzenthin lebt in Hamburg, wo sie als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen psychische Erkrankungen oft eine wichtige Rolle spielen. Für »Mehr als die Erinnerung«, den Auftakt zu ihrer »Gut Mohlenberg«-Reihe, wurde Melanie Metzenthin mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Beim Schreiben greift die Autorin gern auf ihre berufliche Erfahrung zurück, um aus ihren fiktiven Charakteren glaubhafte Figuren vor einem realistischen Hintergrund zu machen.

  • Sybille Baecker - Tod in den Highlands

    • Vandam
    • 11. Juni 2026 um 14:29

    PS: Sorry, die farbigen Textauszeichnungen im Spoilerbereich wollen nicht so wie ich. Die machen, was sie wollen.

  • Sybille Baecker - Tod in den Highlands

    • Vandam
    • 11. Juni 2026 um 14:27

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    Sybille Baecker: Tod in den Highlands. Kriminalroman, Köln 2026, Emons Verlag, ISBN 978-3-7408-2519-5, Softcover,334 Seiten, Format: EUR 13,7 x 3,2 x 20,4 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 11,99.

    „Ich habe einen interessanten Fall an Land gezogen. Es geht um Produktfälschungen.“
    „Handtaschen oder Turnschuhe?
    „Weder noch.“ Alison senkte ihre Stimme. „Whisky. Ich darf dir nicht mehr sagen. Ich habe den Fall erst heute übernommen und muss mich in das Thema noch einarbeiten.“ (Seite 61/62)

    Das ist der 3. Band der Highland-Krimireihe, und inzwischen kenne ich mich im Umfeld der Privatdetektivin Alison Dexter ganz gut aus. Da tummeln sich recht viele Leute, und jeder kennt jeden. Weil es in den Büchern kein Personenverzeichnis gibt, mache ich jetzt selbst eines:

    Die Heldin und ihr Umfeld

    • Alison Dexter, geb. Johnson (Mitte 30), Privatdetektivin in Inverness/Schottland
    • Samuel Dexter (40), Geschäftsmann, Alisons Ex-Gatte
    Spoiler anzeigen
    • Jeana Johnson, Alisons jüngere Schwester, Gastwirtin in Thybster
    • Douglas MacKeith (60 +), Schaffarmer in Thybster, Ziehvater der Johnson-Schwestern
    • Grace MacKeith, Douglas‘ Tochter, Ziehschwester und Freundin der Johnson-Schwestern
    • Marley MacKeith (30), Douglas‘ Sohn, Zimmermann und Küfer,
    • Kimberley Hart (27), Ex-Profiboxerin aus Hamburg, Marley MacKeiths Lebensgefährtin
    • Orla und Dobbie Walsh, Alisons Nachbarn in Inverness

    Die Polizisten

    Spoiler anzeigen
    • Police Sergeant Grace MacKeith und PCI Kenneth Campbellin Thurso
    • DCI Una MacLeod von der Police Inverness, Cousine von Alisons Lover Hamish
    • Detective Zoe Young in Aberdeen

    Die Whisky-Experten

    Spoiler anzeigen
    • Hayley, Tammas und Kyleen MacHattie, Besitzer der Castletown-Distillery
    • Stuart und Angus Morrice, Rory Polson, (ehemalige) Mitarbeiter
    • Vincent Lamont und William Grant, Whisky-Kenner und -Sammler
    • Deenah Ferguson, Edelbrand-Sommelière aus Aberdeen

    Gefälschte Whiskys im Umlauf! Alison Dexter ermittelt

    Privatdetektivin Alison Dexter bekommt von Hayley MacHattie, der Inhaberin der Castletown-Distillery den Auftrag, herauszufinden, wer ihre teuersten Whisky-Sorten fälscht. Wir reden hier von fünfstelligen Beträgen pro Flasche! Auf Auktionen sind welche mit nachgemachten Etiketten und billigem Inhalt aufgetaucht. Die Ermittlungen müssen diskret vonstattengehen, denn ein Bekanntwerden der Vorfälle würde für die Firma einen enormen Imageschaden bedeuten.

    Alison wundert sich, wie die Auftraggeberin ausgerechnet auf sie kommt. Sie ist nicht gerade dafür bekannt, viel von Whisky zu verstehen. Anders als ihr Ex-Gatte Samuel Dexter. Der hat auch das nötige Kleingeld, um so teure Flaschen zu sammeln. Nur ungern bittet sie ihn um Hilfe. Er ist und bleibt ein manipulativer und herablassender M*stkerl, der es genießt, dass seine Ex wieder mal angekrochen kommt.

    Alisons Ex stellt eigene Nachforschungen an

    Was Sam zunächst verschweigt: Er selbst ist Opfer dieser Betrugsmasche geworden. Den finanziellen Verlust könnte er zwar verkraften, doch die Schmach, hereingelegt worden zu sein, nicht. Als Alison feststellt, dass er seine Kontakte und Ressourcen für eigene Ermittlungen nutzt, wird ihr mulmig. Sie mag gar nicht daran denken, wie weit er gehen würde, um es den Fälschern heimzuzahlen. Ein Chorknabe ist er nämlich nicht!

    Die Privatdetektivin setzt ihren Ziehbruder, den Küfer Marley MacKeith auf den Fall an. Er arbeitet derzeit für die Distillery und kann sich unauffällig umhören. Alisons Schwester Jeana, Gastwirtin, hätte zum Thema gefälschte Whiskys einiges zu sagen, tut’s aber nicht.

    Spoiler anzeigen

    Eine bessere Informationsquelle sind langjährige Distillery-Mitarbeiter wie die Morrices, die etliche Geheimnisse kennen. Samuel Dexter dagegen hält sich an Leute wie die Edelbrand-Sommelière Deenah Ferguson und Sammler-Kollegen wie Vincent Lamont und Willam Grant.

    Viele Theorien, viele Verdächtige

    Bald gibt es jede Menge Theorien und Verdächtige, aber keine Beweise. Als eine Mitarbeiterin der Castletown-Distillery verschwindet und ein Mann tot aufgefunden wird, dessen Name bei den Ermittlungen immer wieder aufgetaucht ist, nimmt der Fall Dimensionen an, die die Fähigkeiten von Privat- und Amateurdetektiven übersteigen. Alisons Polizisten-Freundinnen Grace und Una sehen ihre Nachforschungen mit Sorge.

    PCI Kenneth Campbell nimmt gar Samuel Dexter wegen Mordverdachts fest. Da sind wir mindestens so perplex wie der Verdächtige selbst.

    Sam unter Mordverdacht!

    Jetzt muss Alison nicht nur die Whiskyfälscher finden, sondern auch noch ihren Ex-Mann aus dem Knast holen. Und dann reißt auch noch der zehnjährige Sohn ihrer Nachbarin in Inverness aus

    Spoiler anzeigen

    und macht sich auf den Weg nach Thybster. Er will dort bei Box-Champion Kim Hart trainieren! Eine kindliche Schnapsidee? Auf jeden Fall! Ein „Nebenkriegsschauplatz“, der Alison nur Zeit und Energie kostet, wie ihr Ex-Gatte meint? Vielleicht.

    Was keiner weiß: der Junge ist durch Zufall in Besitz einer Information gelangt, die er selbst nicht einordnen kann, die aber den aktuellen Ermittlungen eine ganz neue Wendung geben könnten …

    Nur wer im Blick behält, wer hier mit wem verwandt, bekannt, verschwägert, befreundet oder verfeindet ist, kommt mit seinen eigenen Mutmaßungen auf einen grünen Zweig. Trotzdem wird man im Lauf des Buchs alle möglichen Leute verdächtigen, die’s dann doch nicht waren.

    Die Heldin, Alison Dexter, ist erfreulich unperfekt und dafür mag ich sie. Meine absolute Hassfigur in dieser Reihe ist ihr skrupelloser und übergriffiger Ex-Mann. Aber der ist für die Geschichte(n) so unverzichtbar wie der böse Wolf im Märchen vom Rotkäppchen. Ich hoffe nur, dass Alison auf ihre Freundinnen hört und nicht wieder auf Sam Dexter hereinfällt. Wir werden ja sehen! Wenn ich die Andeutungen am Schluss richtig verstanden habe, geht die Reihe weiter – was mich sehr freuen würde.

    Die Autorin

    Sybille Baecker ist gebürtige Niedersächsin und Wahlschwäbin. Sie liebt das Ländle, ihr Herz schlägt aber auch für die Highlands und die rauen Küsten Schottlands, die sie immer wieder gern und ausgiebig bereist. Ebenso hegt sie ein Faible für den Scotch Whisky. Neben ihrer Highland-Krimiserie ist die Fachfrau für »Whisky & Crime« auch Autorin der erfolgreichen Krimiserie um Whiskyfreund Kommissar Andreas Brander. 2020 wurde sie mit dem Arbeitsstipendium des Autorinnennetzwerkes Mörderische Schwestern ausgezeichnet. http://www.sybille-baecker.de

  • Ulrike Renk - Tage des Wandels

    • Vandam
    • 11. Juni 2026 um 14:20

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    Ulrike Renk: Tage des Wandels (Hof Kalmule, Band 2), Köln 2026, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-7577-0185-7, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 496 Seiten, Format: 13,5 x 3,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 14,99, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Immer wenn ich einen historischen Roman schreibe, gibt es die tatsächlichen Geschehnisse, die Vergangenheit, die Fakten – das ist für mich wie ein Drahtgeflecht, wie eine dieser Kleiderpuppen aus Draht. Um die lege ich meinen fiktionalen Stoff, plustere ein bisschen auf, füge hier etwas Spitze hinzu, dort einen Volant – und am Ende steht der Roman.“ (Ulrike Renk im Nachwort, Seite 479)

    Die eigene Familiengeschichte als Roman

    Hier ist schon die Entstehungsgeschichte des Buchprojekts erzählenswert: Für die Romane rund um den Kalmule-Hof im Münsterland haben sich Bruder und Schwester zusammengetan. Der Historiker und Ahnenforscher Christian Loefke hat bei seinen Nachforschungen hochinteressante Fakten über die eigene Familiengeschichte zutage gefördert. Basierend auf diesen Recherchen hat seine Schwester, die Schriftstellerin Ulrike Renk, eine auf drei Bände ausgelegte Romanreihe verfasst.

    In Band 1, AM FLUSS DER ZEIT, ging es um das Leben der Eigenbehörigen im Münsterland zur Reformationszeit. Im Mittelpunkt stand die kräuterkundige Bauerntochter Elze. Im vorliegenden 2. Band spielt sie nur eine Nebenrolle. Die Heldin hier ist ihre Großnichte Eva, geboren 1585, die wir bis zu einem dramatischen Ereignis in ihrem Leben im Jahr 1627 begleiten.

    Ein hartes Leben in schwierigen Zeiten

    Die Zeiten sind nicht leicht – und auch nicht leicht zu verstehen:

    „Wer glaubt was und warum? Welcher Fürst, Bischof, Herzog herrscht wo und weshalb? […] Es war eine Zeit des Aufbruchs, des Umbruchs und des Kampfes.“ (Seite 479/480)

    Versprochen: Auch wer historisch nicht übermäßig bewandert ist, ist hier gut aufgehoben! Die einfachen Leute im Buch wissen auch nicht immer, was die politischen Ursachen für ihre aktuellen Probleme sind. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen jemand - wie beispielsweise der Pfarrer - das Nötigste erklärt. Mit diesen Informationshappen habe ich mich wacker durchgeschlagen. 😉

    Der zweite Zwilling ist ein freier Mensch

    Kommen wir zum Inhalt: Im Winter 1585 werden auf dem Kalmule-Hof die Zwillinge Eva und Adam geboren. Die Bewohner des Hofes sind allesamt Eigenbehörige des Domkapitels Münster, nur der zweite Zwilling gilt als Geschenk Gottes und ist „leibfrei“. Adam wird also über sein Leben deutlich freier bestimmen können als seine Nachbarn und Verwandten.

    In der Kindheit spielt das noch keine Rolle. Hoferbe ist sowieso ihr älterer Bruder Anton.

    Spoiler anzeigen

    Eva wird entweder mal heiraten oder als ledige Verwandte auf dem Hof bleiben. Adam wird auswärts einen Beruf erlernen. So ist es geplant, aber natürlich kommt es ganz anders. 1598 überfallen marodierende spanische Soldaten den Hof und bringen zu allem Übel auch noch die Pest in die Region.

    Die familiäre Konstellation ändert sich, und auf einmal ist Eva Hoferbin. Dabei will sie das gar nicht. Sie will den Hof verlassen und Adam will bleiben. Also tauschen sie kurzerhand ihren Status: Adam gibt seine „Leibfreiheit“ auf, um den Hof erben zu können und Eva ist nun frei, ihr Glück anderswo zu suchen.

    Ein Pfarr-Haushalt der besonderen Art

    Evas Patentante Hildis weiß auch schon wo: In Seppenrade ist eine Stelle als Pfarrhaushälterin frei.

    Spoiler anzeigen

    Das Pikante daran: Das war ursprünglich Hildis‘ Job! Doch die ist inzwischen die Konkubine des dortigen Vikars Johannes Hane und hat vier Kinder mit ihm. Da gibt‘s Arbeit genug - für sie, für Eva und die Magd Trude.

    Der Vikar lebt offen mit seiner Familie zusammen. Der Gemeinde ist es gleichgültig, ob ihr Pfarrer zölibatär lebt oder nicht. Es juckt sie auch nicht, dass er nicht die Höheren Weihen hat und kein richtiger Priester ist. Dass er von Theologie und Liturgie ebenso wenig versteht wie von Latein und bei der Messe nur selbst ausgedachte Fantasiewörter brummelt, kriegen sie gar nicht erst mit.

    Der Krug geht so lange zum Brunnen …

    Wie der völlig schimmerlose Johannes Hane den Pfarrer spielt, hat schon was von einem Gauner- oder Schelmenstück! Aber was soll’s?

    Spoiler anzeigen

    Die Gemeinde ist zufrieden und sämtliche kirchlichen und weltlichen Herren sind weit weg. Haushälterin Eva, die eine gewisse Bildung genossen hat, ist zunächst irritiert, gewöhnt sich aber schnell an die Zustände.

    Doch der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Irgendwann kommt doch ein Beauftragter der Kirche vorbei und der Geistliche, der nur so tut als ob er einer wär‘, ist seinen Posten los.

    Nun kommt Pfarrer Heinrich Scharhautz nach Seppenrade, ein vollwertiger Priester. Er ist klug und sympathisch und macht sich viele Gedanken darüber, was er seinen Gemeindemitgliedern Gutes tun könnte.

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    Erfreut stellt er fest, dass seine Haushälterin Eva intelligent und vielseitig interessiert ist, und so sitzen sie bald allabendlich in der Küche zusammen um das Tagesgeschehen und die Meldungen in der „Zeytung“ zu diskutieren. Auch Magd Trude ist dabei, staunt und lernt – genau wie wir Leser:innen.

    Nur Dienstherr und Haushälterin?

    Keine Frage: Eva ist in Seppenrade heimisch geworden. Ihre Familie und den elterlichen Hof sieht sie nur noch selten. Trotzdem bleibt ihr Zwillingsbruder Adam der Mensch, der sie am besten kennt. Als er sie und Pfarrer Scharhautz bei einer Hochzeit zusammen sieht, sagt er ihr auf den Kopf zu, dass sie ihn liebt – und er sie.

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    Eva fällt aus allen Wolken. Nein, da ist nichts! Niemals würde sie in Sünde leben wie ihre Patentante Hildis! Der Pfarrer würde das auch gar nicht mitmachen, schon aus Respekt vor dem Kirchenrecht. Und überhaupt: Sie arbeitet nur für ihn, das ist alles. Was davon stimmt und was Eva sich nur einredet, kommt ans Licht, als sie in eine lebensbedrohliche Situation gerät …

    Liebe und Krieg, Pest und Hexenwahn

    Die Beziehung zwischen Eva und Pfarrer Heinrich Scharhautz ist natürlich nur ein Teil der Geschichte. Es geht um Kriege und Plünderungen, um die Pest und (land-)wirtschaftliche Probleme. Wenn das Wetter Kapriolen schlägt, die Ernte mager ausfällt und die Abgaben an den Grundherrn trotzdem fällig werden, ist das für die Bauern jedes Mal eine existenzielle Bedrohung. Und dann kommt auch noch ein Kurfürst an die Macht, der überall „Zauber’sche“ wittert. Auf einmal werden heil- und kräuterkundige Frauen wie Lyseke, die Witwe des Vogts von Burg Wolfsberg, als Hexen verfolgt.

    Spoiler anzeigen

    Das Problem: Lyseke hat die Frauen in Evas Familie in der Heilkunst unterwiesen. Das bedeutet in diesen Zeiten höchste Gefahr …

    Geschichte, mitreißend verpackt

    So lasse ich mir Geschichte gefallen! Mitreißend verpackt in persönliche Schicksale, basierend auf realen Ereignissen, gründlich recherchiert und mit Fantasie ergänzt, wo immer das nötig war. Für manche Personen hätte man sich ein gnädigeres Schicksal gewünscht, aber was will man machen, wenn das wahre Leben Regie geführt hat und die Ereignisse historisch verbürgt sind?

    Bereits auf den ersten Seiten wird darauf hingewiesen, dass es im Anhang ein Personenverzeichnis und ein Glossar gibt. Beides habe ich gelegentlich zur Rate gezogen. Man ist aber nicht ständig am Blättern. Viele historische Begriffe erklären sich aus dem Zusammenhang und die wichtigsten Personen kennt man ebenfalls schnell. Ich bin schon jetzt gespannt auf den dritten Band!

    Die Autorin

    Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur- und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren erfolgreichen Romanen Realität mit Fiktion. Die SPIEGEL-Bestseller-Autorin greift dabei wahre Begebenheiten auf und schreibt über Menschen, deren Leben nie in Vergessenheit geraten soll.

  • Heike Abidi - Spätsommerglück

    • Vandam
    • 11. Juni 2026 um 14:16

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    Heike Abidi: Spätsommerglück. Roman, München 2026, Penguin-Verlag, ISBN 978-3-328-11377-5, Softcover, 348 Seiten, Format: 12 x 2,8 x 18,8 cm, Buch: EUR 13,00, Kindle: EUR 9,99.

    „Nun bin ich offiziell keine Übersetzerin mehr. Was also bin ich jetzt? Früher war ich eine berufstätige Mutter und Ehefrau. Mutter bin ich natürlich immer noch, aber mein Sohn ist erwachsen […]. Und Fred ist tot. Ich bin nur noch Hannah. Eine Frau, die ein neues Kapitel aufschlägt, aber noch nicht weiß, wie sie es mit Leben füllen soll.“ (Seite 71)

    Frankfurt im Frühling: Seit Hannah Bergers Mann Fred vor 5 Jahren tödlich verunglückt ist, hat sich die 59-jährige Übersetzerin von der Welt zurückgezogen und sich in ihre Arbeit gestürzt. Quasi im Akkord übersetzt sie seitdem skandinavische Thriller ins Deutsche. Kontakt hat sie praktisch nur zu ihrem Sohn Jonathan (31), dessen Frau Louisa und zu ihrer Freundin und Auftraggeberin, der Verlagsprogrammleiterin Miriam Sonntag.

    Raus aus dem Alltagstrott! – Hannah mag nicht mehr

    Eines Tages kann Hannah den immer gleichen Trott nicht mehr ertragen. Sie möchte nicht länger allein sein und sie will auch nicht mehr diese blutrünstigen Thriller übersetzen.

    Spoiler anzeigen

    Ein anderes Genre wäre mal nett. Liebesromane, vielleicht? Aber das hat Skandinavien anscheinend nicht zu bieten. Dort kommen nur düstere Kriminalfälle her, und sprachlich ist die Skandinavistin Hannah nun mal auf Dänisch, Schwedisch und Norwegisch spezialisiert. Tja, Pech!

    Sie könnte ihren Beruf an den Nagel hängen. Finanziell kann sie sich das leisten. Aber was dann? Für den Ruhestand fühlt sie sich noch zu jung. Eine neue Lebensaufgabe müsste her! Mit Partnersuche braucht man ihr aber nicht zu kommen. Sie hatte ihre große Liebe; mit diesem Thema ist sie durch. Und wenn ein Mann eine „Aufgabe“ ist, läuft sowieso was grundlegend falsch.

    Enkel-Hüten als neue Lebensaufgabe?

    Ganz unverhofft tun sich neue Möglichkeiten auf. Freundin Miriam muss aus ihrer Wohnung raus und zieht übergangsweise in Freds früheres Arbeitszimmer. Gesellschaft hat Hannah schon mal. Und als sie erfährt, dass sie in Kürze Oma wird, glaubt sie, nun auch ihre neue Aufgabe gefunden zu haben: den Enkel hüten! Doch Sohn und Schwiegertochter machen ihr unmissverständlich klar, dass sie das nicht wollen.

    Spoiler anzeigen

    Ihr Kind soll von einer jüngeren Person betreut werden, die mit den modernen Erziehungsmethoden vertraut ist. Das sei alles schon geklärt.

    Ein bisschen diplomatischer hätten sie das der (Schwieger-)Mutter schon beibringen können! Jetzt ist Hannah beleidigt. Als sie kurz darauf zufällig einen Fernsehbeitrag über so genannte „Granny Au-pairs“ sieht, wird sie hellhörig. Da gehen nicht blutjunge Mädchen ins Ausland, um bei Gastfamilien Kinder zu betreuen, sondern ältere Frauen wie sie! Ha! Es gibt also doch noch Menschen, die Reife und Erfahrung zu schätzen wissen!

    Als Granny Au-pair nach Schweden!

    Spontan bewirbt sie sich um eine Au-pair-Stelle in Skandinavien. So schnell kann sie gar nicht gucken, wie sich eine interessierte Familie aus dem westschwedischen Varberg meldet!

    Spoiler anzeigen

    Die Eheleute Saga und Joakim Persson – Anwältin und Zahnarzt – suchen eine Granny-Nanny für den fünfjährigen Samuel und die dreijährige Lycka. Die jungen Leute sind unwesentlich älter als Hannahs Sohn und machen gleich beim ersten Videocall einen so sympathischen Eindruck, dass Hannah sofort zusagt.

    Schon am 1. Mai soll es losgehen. Hannahs Umfeld erklärt sie für verrückt, als sie ihren Beruf aufgibt, ihre Sachen packt und abreist. Hannah ist das egal. Lange genug hat sie sich nach anderen Menschen gerichtet. Jetzt tut sie das, was sich für sie gut anfühlt. Und ihr neues Leben in Schweden fühlt sich sehr, sehr gut an! Das ist schon fast zu schön um wahr zu sein.

    Opa Anders macht Hannah das Leben schwer

    Doch der Großvater der beiden Kinder, Sagas Vater Anders Holm, sorgt dafür, dass es Hannah nicht zu wohl wird. Aus Gründen, die nur er kennt, benimmt er sich ihr gegenüber vom ersten Augenblick an garstig und unverschämt.

    Spoiler anzeigen

    Hannah hätte ja verstanden, wenn sie einander nach dem ersten Kennenlernen unsympathisch gefunden hätten, aber so weit hat er es ja gar nicht kommen lassen. Offenbar ist ihm egal, wer oder wie Hannah Berger ist. Ihm stinkt ihre bloße Anwesenheit.

    Leider ist er schwer zu ignorieren, weil er in unmittelbarer Nachbarschaft wohnt und sie einander ständig über den Weg laufen. Hannah erfährt, dass er Zahnarzt war, wie sein Schwiegersohn, dass er Hobbymusiker ist – und sogar ein guter -, sozial engagiert und sehr liebevoll im Umgang mit seinen Enkeln. Wie kann er da gleichzeitig so ein Hornochse sein? (Sie nennt ihn so, nicht ich!)

    Aber warum?

    Ist er eifersüchtig, weil er glaubt, dass sie ihm die Enkelkinder streitig machen will?

    Spoiler anzeigen

    Oder ist er generell gegen das Konzept „Au-pair“ und will sie loswerden, bevor die Kids sie richtig ins Herz schließen und leiden, wenn sie wieder abreist? – Man weiß es nicht, denn der Kerl sagt nicht, was sein Problem ist. Also kann auch keiner was dagegen tun.

    Als Hannah ihm in einer Notlage hilft, sieht es zwar kurz so aus, als könne er sich zu einer friedlichen Koexistenz durchringen, doch ruckzuck ist er wieder sein altes miesepetriges Selbst.

    Hannah hat die Nase voll. Schluss mit Granny-Nanny?

    Hannah erwägt ernsthaft, das Experiment „Granny Nanny“ vorzeitig abzubrechen. Nicht nur wegen Anders, sondern weil sie im Kinder-Hüten doch nicht die Erfüllung findet. Im Grunde ist sie jetzt nicht viel weiter als vor einem halben Jahr. Sie hat nur begriffen, dass Enkel – ob die eigenen oder die von Gastfamilien – kein Projekt für unterbeschäftigte Senioren sind. Doch was sie stattdessen mit ihrer Zeit anfangen soll, weiß sie noch immer nicht. Freundin Miriam hätte da eine Idee …

    Auch wenn man mit Skandinavien nicht viel am Hut hat: In diesem herzerwärmenden Roman würde man sich am liebsten häuslich niederlassen - und den einen oder anderen Akteur mal ordentlich schütteln: „Jetzt sag endlich, was dich beschäftigt und eiere hier nicht so rum! Wir können schließlich nicht Gedanken lesen!“ Da lobe ich mir direkt Hannahs Sohn und Schwiegertochter, die klar und deutlich formuliert haben, wie sie sich die Zukunft ihrer Familie vorstellen. Das war zwar nicht nett aber wenigstens zielführend. „Nett“ bringt einen nicht unbedingt dorthin, wo man hinwill, Mut und Offenheit schon eher.

    Sympathische Figuren, kluge Gedanken

    Zugegeben: Wie bei allen Geschichten, die in die Grobrichtung „Romcom“ gehen, ahnt man hier recht bald, wie es wohl ausgehen wird. Doch dank der klugen und (überwiegend 😉) sympathischen Figuren, der humorvollen Dialoge und der spannenden Frage, was hinter manch rätselhaftem Verhalten steckt, bleibt man hier mit Vergnügen bei der Stange.

    Die Autorin

    Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder. »Eine wahre Freundin ist wie ein BH«, das sie zusammen mit Ursi Breidenbach veröffentlichte, hielt sich monatelang auf den Bestsellerlisten.

  • Birgit Körner - Mord nach Schnittmuster

    • Vandam
    • 10. Juni 2026 um 10:42

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    Birgit Körner: Mord nach Schnittmuster. Ein Näh-Krimi, Köln 2026, Emons Verlag, ISBN 978-3-7408-2640-6, Softcover, 288 Seiten, Format: 11,2 x 3,2 x 18,9 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 11,99.

    „Mich beschäftigt dieser Fall bis heute. Immer wieder träume ich davon […]. Ich kann diese alte Geschichte nicht mehr klären. Aber was ich tun kann, ist, in jedem neuen Fall so lange zu ermitteln, bis ich den tatsächlichen Täter gefunden habe.“ (Seite 262)

    Mord im Stoffgeschäft

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    Ein Krimi, der im Umfeld von Modedesignerinnen, (Hobby-)Schneiderinnen und Modebloggerinnen spielt und dazu noch in Esslingen, unserer Kreisstadt! Dieses Buch musste ich haben! Bei so vielen persönlichen Bezügen – meine Mutter war Schneiderin, ich blogge und lebe kaum 10 km vom Tatort entfernt - war’s mir fast egal, wie gut die Krimihandlung ist. Aber sie kann sich sehen lassen! 😉

    Darum geht’s: Als Corinna Eisenhut, Verkäuferin im Stoffgeschäft „Naht und Rat“ ihren Arbeitsplatz in der Esslinger Altstadt betritt, ist zwar die Tür offen aber die Chefin nicht da. Corinna findet sie schließlich im Keller – tot!

    Ist Hanna Schmidt die steile Treppe hinuntergefallen oder hat jemand nachgeholfen? Letzteres wär‘ kein großes Wunder, denn die Ladeninhaberin war, sagen wir mal, ein bisschen anstrengend. Was genau geschehen ist, das müssen nun Kommissar Martin Leitner und sein Team von der Kripo in Esslingen herausfinden.

    Die Kommissare betreten Neuland

    Die Kommissare Leitner und Travazzi tapern nun durch das Fachgeschäft wie zwei Aliens. Vieles von dem, was hier verkauft wird, ist ihnen völlig fremd! Jersey, Viskose, Sommersweat? - Nie gehört! Und was, zum Geier, sind Kurzwaren? - Ihre Verwirrung ist schon sehr amüsant!

    Wozu diente wohl der hochmoderne Computer-Arbeitsplatz nebst Kamera im Keller? Ach so! Da hat die Chefin, eine studierte Modedesignerin, die Schnittmuster entworfen, die sie im Laden und online zum Verkauf angeboten hat. Ihre Blogbeiträge sind ebenfalls da unten entstanden. Vor allem Videos mit „Näh-Hacks“ hat sie gepostet: Tipps und Tricks, von denen wir einige - in Textform – auch in diesem Krimi finden.

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    Hannas Blogbeiträge haben den Eindruck gemacht, als würde eine hilfsbereite Person ganz im Vertrauen ihr Expertinnenwissen mit guten Freundinnen teilen, stellen die Ermittler fest. Doch in Wahrheit hatte die Frau kaum Freunde. Sie war eine perfektionistische und rücksichtslose Geschäftsfrau.

    Niemand scheint traurig darüber zu sein, dass sie nicht mehr lebt. Ihre Mitarbeiterin trauert nur um ihren Arbeitsplatz. Auch Hannas Ehemann wirkt überraschend gefasst, genau wie ihre Schulfreundin Katharina Wagner. Na ja, die hätte auch allen Grund, auf Hanna sauer zu sein …!

    Und sonst? Hubert Häfner, der Inhaber eines Kurzwarengeschäfts am Blarerplatz, war auf seine Konkurrentin nicht gut zu sprechen. Aber war er wütend genug auf sie, um ihr etwas anzutun? Er tritt ja ziemlich aggressiv auf!

    Die scheinheilige Welt der Social Media

    Und dann ist da noch die rätselhafte Welt der Online-Kommentare und Social-Media-Follower: Vordergründig wirkt alles nett und herzlich, doch unter der Oberfläche brodelt es. Es ist auch nicht jede/r das, was er/sie zu sein vorgibt. Wären nicht die jungen Kollegen von der IT, Kommissar Leitner wäre verloren und sein Kollege Travazzi stünde nicht viel besser da.

    Spoiler anzeigen

    Dabei sind die beiden noch gar nicht so alt! Travazzi ist Mitte 30 und Leitner hat eine Teenie-Tochter, der ist vielleicht 40. Ein bisschen mehr auf der Höhe der Zeit könnten die zwei schon sein!

    Von Privatkram abgelenkt

    Vielleicht sind sie einfach nicht ganz bei der Sache. Salvatore Travazzi ist mit den Gedanken schon im Urlaub und will den Fall möglichst schnell abschließen. Martin Leitner hat Ärger mit seiner Frau Bettina. Auch dabei geht’s um Urlaub: Sie will immer in den Süden, er hasst Hitze und würde lieber nach Norwegen oder Schweden reisen. Als er nun im Zuge der Ermittlungen in Kontakt mit einer sympathischen Skandinavien-Bloggerin kommt, kriegt seine Gattin das in den falschen Hals und der Haussegen hängt schief.

    Warum sich zwei so intelligente Leute wie die Leitners nicht auf ein Reiseziel einigen können, wird lange nicht klar. Ein Jahr Süden, ein Jahr Norden, wo ist das Problem? Irgendwann erfahren wir: Es steckt mehr dahinter als nur die Frage „warm oder kalt“.

    Spoiler anzeigen

    Genau wie hinter Leitners Begeisterung für die Sagengestalt des Esslinger „Postmichels“. Dessen tragische Geschichte erinnert ihn an seinen letzten Fall an seiner alten Wirkungsstätte. Damals hat er sich dazu nötigen lassen, sein Bauchgefühl zu ignorieren – mit fatalen Folgen! Das, so hat er sich geschworen, wird ihm nie wieder passieren!

    Ein Alibi platzt, doch der Kommissar zweifelt

    Als das Alibi des Hauptverdächtigen im Todesfall Hanna Schmidt platzt, lassen Leitners Kollegen schon die Sektkorken knallen. Er aber zweifelt.

    Spoiler anzeigen

    Irgendwas passt da nicht! Bevor er den falschen erwischt, geht er der Sache lieber nochmals nach. So eine Intuition ist ja schon was Feines, aber wenn man sich davon zu einer spontanen Aktion hinreißen lässt, von der niemand was weiß, kann das auch böse ins Auge gehen …!

    Das Mordopfer wird derart unsympathisch dargestellt, dass es dem Leser im Grunde egal ist, wer die Frau umgebracht hat. Mich hätte es nicht mal gestört, wenn der Täter davongekommen wäre. Erst als die Möglichkeit im Raum steht, dass die Polizei den falschen verhaftet hat, lässt uns das munter werden: Nein, das geht auf gar keinen Fall! Nicht nur, weil das Leitners schlimmster Albtraum ist!

    Kulturclash, Lokales und skurrile Figuren

    Interessanter als der Kriminalfall ist der Kulturclash zwischen den Kommissaren und der Modewelt. Um den Wahnsinn auszuhalten, braucht Martin Leitner verflixt viel süße Nervennahrung! :D

    Wer Esslingen und seine Region kennt, hat bei Erwähnung einzelner Schauplätze sofort ein Bild vor Augen. Wer nicht „von hier“ ist, kann der Handlung trotzdem folgen. Schwäbisch muss man auch nicht verstehen. Nur eine Nebenfigur schwätzt Dialekt: der Heiner vom Empfang.

    Auch wenn die Figuren auf Humor und Skurrilität angelegt sind: Ein bisschen habe ich mit dem Widerspruch zwischen dem beruflichen und privaten Kommissar Leitner gehadert. Im Job ist er ein brillanter Ermittler mit gutem Gespür für das, was seine Mitmenschen umtreibt – daheim ein Hampelmann, der keine Ahnung hat, was in seiner Familie vorgeht und der sich von „seinen Frauen“ manipulieren und herumschubsen lässt. Vielleicht hat er nach Feierabend einfach keine Kraft mehr, Motiven nachzuspüren und sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

    Ob er aus den Ereignissen im Fall Hanna Schmidt was gelernt hat? Das ist eher fraglich. Aber was ein „Nahtschatten“ ist, wird er wohl nicht so schnell vergessen …

    Die Autorin

    Birgit Körner, Jahrgang 1971, liebt das kreative Schaffen – egal, ob beim Nähen oder beim Schreiben. Mit ihren Kurzgeschichten hat sie bei Wettbewerben bereits Preise gewonnen. Sie lebt und arbeitet im Großraum Stuttgart.

  • Felicitas Fuchs - Rosen im Asphalt

    • Vandam
    • 10. Juni 2026 um 10:39

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    Felicitas Fuchs: Rosen im Asphalt. Roman, München 2026, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-44296-2, Klappenbroschur, 414 Seiten, Format: 13,7 x 3,6 x 20,7 cm, Buch: EUR 17,00, Kindle: EUR 15,99, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Linda, wir beide sind nicht perfekt. Es geht auch gar nicht darum, perfekt zu sein. Sondern darum, weiter zu machen. Jeden verd*mmten Tag. Und manchmal muss man auch dankbar für das sein, was das Leben einem gibt. Nicht immer nur daran denken, was es einem vorenthält.“ (Seite 371)

    In diesem Roman begleiten wir zwei grundverschiedene Freundinnen praktisch vom Tag ihrer Geburt an bis zu ihrem 60. Geburtstag. Dabei basiert die Geschichte von „Linda“ und ihrer Familie lose auf dem realen Leben einer Freundin der Autorin. „Irmi“ und ihre Angehörigen dagegen sind fiktiv, wirken aber nicht minder lebendig.

    Die beiden Romanheldinnen sind nur wenige Jahre älter als die Autorin und ich. Wir haben, ungeachtet unseres familiären Hintergrunds, alle dieselben gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen miterlebt. Ein paar Stichwörter im Roman genügen also, um Leserinnen im Boomer-Alter schlagartig in die damalige Zeit zurückzuversetzen. (Ich kann natürlich nur für Leute sprechen, die in Westdeutschland groß geworden sind.)

    Linda: Als Baby im Krankenhaus zurückgelassen

    Hamburg ab 1956: Die Geburt von Belinda Weinstock ist gewissermaßen ein Betriebsunfall: Ihre Mutter Hilde ist alkoholabhängig und geht anschaffen; das Kind ist von einem Freier. Hilde hat kein Interesse an der Kleinen. Nach der Entbindung türmt sie aus dem Krankenhaus und lässt das Frühchen dort zurück. Obwohl sie eine falsche Adresse angegeben hat, macht Jugendamt-Mitarbeiter Gustav Jansen sie ausfindig und nötigt sie dazu, sich um ihr Kind zu kümmern.

    Spoiler anzeigen

    Hilde bleibt nichts anderes übrig, als mit dem Baby zu ihren Eltern nach Köln zu ziehen. Die sind nicht begeistert davon, dass sie wieder auf der Matte steht – mit noch einem Kind. Sie ziehen doch schon ihre Tochter Elise (15) auf, die sie nach einer Vergewaltigung mit 14 bekommen hat.

    Wir ahnen es schon: Das Zusammenleben geht nicht lange gut.

    Spoiler anzeigen

    Nach wenigen Monaten hat Hilde die Nase voll von den beengten Wohnverhältnissen und dem schlecht bezahlten Job. Klammheimlich verschwindet sie nach Hamburg und nimmt ihr altes Leben wieder auf.

    Eine lieblose Pflegekind-Karriere

    Leider kann die kleine Linda nicht auf Dauer bei ihren Großeltern bleiben. Ihre „Karriere“ in den Pflegeeinrichtungen beginnt: Kinderheime, diverse Pflegefamilien – und nirgendwo wird sie besonders gut behandelt. Es wird nie explizit ausgesprochen, aber es gibt Anzeichen dafür, dass Linda sich im autistischen Spektrum bewegt. Das macht die Sache nicht leichter.

    Spoiler anzeigen

    Der beste Freund, den sie in der Zeit hat, ist ein alter Nachbar, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt hat. Er nimmt ihre Traurigkeit wahr und spricht mit ihr ernsthaft aber kindgerecht über das Leben. Erst als Linda auf Vermittlung ihrer Klassenlehrerin als Pflegekind zu den Eheleuten Sandmann kommt, sieht es so aus, als würde es für sie aufwärts gehen.

    1966 kommt das intelligente Mädchen in Köln aufs Gymnasium …

    Irmi: Zu Verwandten wegorganisiert

    Köln ab 1956: Aus ganz anderen Verhältnissen stammt Irmi. Sie kommt als 2. Kind des Facharztes Dr. Ludwig Rohndorf und seiner Frau Helene, einer reichen Erbin, zur Welt. Das Problem hier: Nach jedem Kind fällt die junge Frau in eine schwere Depression und braucht Monate, um sich wieder zu erholen. Nach Irmis Geburt kommt sie gar nicht mehr auf die Beine. Vermutlich steckt mehr dahinter als eine Wochenbettdepression.

    Weil Helene sich nicht um ihre Kinder kümmern kann, schickt Ludwig seinen sechsjährigen Sohn Erik aufs Internat und seine Babytochter zu Verwandten nach Amsterdam.

    Spoiler anzeigen

    Vorübergehend, heißt es. Nun, Erik wird bis zu seinem Abitur im Internat bleiben. Irmi wird Knall auf Fall zu ihrer Einschulung wieder nach Köln geholt. Dass sie inzwischen ihr Deutsch verlernt hat, ist ihr Problem.

    Helene Rohndorf bekommt noch zwei weitere Kinder und kommt aus dem ständigen Wechsel von Depression und Euphorie ihr Leben lang nicht mehr heraus. Auch die beiden jüngeren Kinder werden ins Internat und in andere Familien wegorganisiert. Theoretisch haben die Rohndorf-Kinder eine Mutter, praktisch wachsen sie ohne sie auf.

    Linda und Irmi geben einander Halt

    Als Irmi Rohndorf aufs Gymnasium kommt, lernt sie dort Linda Weinstock kennen. Auch wenn sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen, freunden sich die beiden an. Die ganze Schulzeit über sind sie unzertrennlich und geben einander den Halt, den sie zuhause vermissen. Nach dem Abitur trennen sich ihre Wege zwar, aber sie bleiben immer in Verbindung.

    Spoiler anzeigen

    Linda zieht nach Westberlin zu ihrer älteren Schwester und macht eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten, Irmi bleibt in Köln und studiert Biologie.

    Linda und Irmi sind füreinander immer die engste Bezugsperson. Sie begleiten einander in glücklichen Zeiten und durch Trennungsdramen, bei allen lebensverändernden Entscheidungen und durch die schlimmsten Schicksalsschläge. Davon scheint es bei Irmi mehr zu geben als bei Linda. Die hat ihr Kontingent vielleicht schon als Kind aufgebraucht. Gut – sie macht sich mit anderen Menschen auch weniger zu tun als Irmi. Wer sich an niemanden bindet, kann auch von niemandem enttäuscht und verletzt werden. Linda sagt an einer Stelle, sie wisse nicht, was Liebe ist. Schließlich heiratet sie einen Mann, bei dem sie sich sicher fühlt. Irmi dagegen hat enge Bindungen und damit auch viel zu verlieren.

    Eine Zufallsbegegnung im Jahr 1986 gibt dem Leben beider Freundinnen noch einmal eine ganz neue Wendung …

    Es waren andere Zeiten

    Ich habe mitgelitten mit den wehrlosen Kindern aber auch mit dem überforderten Dr. Rohndorf, der das Beste will aber nicht merkt, was er seinen Kindern damit antut. Und Lindas Mutter Hilde war doch eigentlich auch eine tragische Figur. Sie hat in jungen Jahren Schreckliches erlebt und nie Hilfe erfahren. Heute wäre weder ihr Schicksal noch das von Helene Rohndorf oder ihrem Sohn Erik besiegelt gewesen. Da wir die Ereignisse von damals mit dem Wissen von heute lesen, macht uns das traurig und auch ein bisschen wütend. So viel unnötiges Leid! Aber es waren eben andere Zeiten.

    Umso schöner, dass die Geschichte für Linda und Irmi so hoffnungsvoll endet. Und diesen versöhnlichen Schluss hat sich nicht allein die Autorin ausgedacht – daran war das wahre Leben maßgeblich beteiligt. Manchmal blühen eben auch Rosen im Asphalt und geborene Pechvögel haben ein bisschen Glück.

    PS: Das Erbsenzählkommando bemängelt, dass der Name der neuen Rohndorf-Köchin zwischen Margret (Seite 236) und Margot (z.B. Seite 259) wechselt. 😉 Na ja, wenn weiter nix is‘ …!

    Die Autorin

    Felicitas Fuchs ist das Pseudonym der Erfolgsautorin Carla Berling, die sich mit Krimis, Komödien und temperamentvollen Lesungen ein großes Publikum erobert hat. Schon bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war sie als Reporterin und Pressefotografin immer sehr nah an den Menschen und ihren Schicksalen. Für ihre historischen Familienromane lässt sie sich gern von Geschichten aus dem wahren Leben inspirieren.

  • Marlies Ferber - Ein Sommer auf Malta

    • Vandam
    • 10. Juni 2026 um 10:36

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    Marlies Ferber: Ein Sommer auf Malta. Roman, Hamburg 2026, Atlantik – ein Imprint des Hoffmann und Campe Verlags, ISBN 978-3-455-02148-6, Klappenbroschur, 222 Seiten, Format: 14 x 2 x 21 cm, Buch: EUR 18,00, Kindle: EUR 15,99, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Du hättest damals, nach eurer ersten Begegnung, schon auf deine beste Freundin hören sollen. Weißt du noch, was ich dir geraten habe?“
    Linda nickte, und obwohl ihr gerade noch zum Heulen zumute gewesen war, musste sie lachen. „Vergiss den Ar***.“ (Seite 67)

    Beziehungs-Aus: Neustart in Malta

    Die Lehrerin Linda Schneider (30) – Vater Deutscher, Mutter Britin – hat nach 6 Jahren Beziehung die Nase voll von den Affären und Lügen ihres Lebensgefährten David. Immer wieder hat er sich wortgewandt herausgeredet, aber nun reicht’s! Sie verlässt ihn und London und geht als Englischlehrerin an eine private Sprachschule nach Malta. Der Job ist befristet, was danach kommt, ist ungewiss.

    Linda fliegt ein paar Tage vor Arbeitsantritt nach Malta - zur Hochzeit ihrer Freundin Claire Plummer mit dem Sizilianer Enzo Camillieri. Herzschmerz hin oder her: Das wird bestimmt romantisch!

    Eine interessante Zufallsbekanntschaft

    Auch ihr Sitznachbar im Flugzeug, der etwas aufgeblasene Brite Clive Taylor (41) fliegt, wie sich herausstellt, wegen einer Hochzeit nach Malta. Als Scheidungsanwalt hat er allerdings zum Thema Heiraten ein deutlich prosaischeres Verhältnis als Linda. Die beiden ziehen sich gegenseitig ein bisschen auf und haben bis zur Landung eine gute Zeit – genau wie wir Leser:innen. Sie ahnen ja nicht, wie schnell sie einander wiedersehen werden!

    Spoiler anzeigen

    Der Anwalt ist sehr angetan von der schlagfertigen Lehrerin. Sie aber ist frisch getrennt und hat den Kopf nicht frei.

    Bei ihrem nächsten zufälligen Zusammentreffen geraten Clive und Linda sich über das Thema „Ehevertrag“ in die Haare. Er arbeitet gerade einen für seinen Kumpel aus, sie findet dieses Misstrauen fürchterlich. Clive kann das durchaus nachvollziehen: So vertrauensselig war er auch mal.

    Attraktiv ist er ja, der Herr Rechtsanwalt, das muss Linda zugeben. Aber für ihren Geschmack zu zynisch und abgebrüht. Und seine Geheimnistuerei nervt auch. Hat er vielleicht etwas zu verbergen? Da wissen wir Leserinnen mehr als sie …

    Zwei weitere Bewerber um Lindas Gunst

    Zu Lindas Glück ist ihr Sprachschüler Niko nicht so kompliziert. Der sportliche Ingenieur sprüht vor Unternehmungslust und guter Laune und flirtet ganz offen mit ihr.

    Da erscheint noch ein dritter Bewerber auf der Bildfläche: David, Lindas Ex, ist nach Malta gekommen und versucht, sie nach allen Regeln der Kunst zurückzuerobern.

    Spoiler anzeigen

    Er verspricht ihr alles Mögliche und legt sich mächtig ins Zeug. Man beginnt zu ahnen, wie er war, als sie sich damals in ihn verliebt hat. Aber kann man ihm trauen? Der hat doch sicher Hintergedanken! Kann ein intriganter M*stkerl überhaupt aufhören, einer zu sein? Ich meine, solange er am Leben ist? 😉 – Nee? Also!

    Und wie’s so ist: Einer der drei Kerle findet bald jemand Neues, der andere fällt aus seiner Rolle und der dritte fliegt mit seinen Geschichten auf. Und auch in der jungen Ehe von Lindas Freundin hängt der Himmel auf einmal voller Ar***geigen! (Was Leser:innen reiferen Alters schon von Weitem kommen sahen.)

    Schluss mit dem Drama! Linda zieht sich zurück

    Schluss mit dem ganzen Drama, beschließt Linda und zieht sich von allen zurück. Ein Hoch auf die Blockierfunktion!

    Nach Wochen kommt jemand mit Hintergrundinformationen um die Kurve, die manch eine Handlung in ganz neuem Licht erscheinen lässt! Wie’s aussieht, hat Linda einem Menschen, der ihr nahesteht, bitter Unrecht getan. Ist diese Beziehung noch zu retten?

    Malta ist mal ein interessanter Handlungsort! Das Land ist ungefähr so groß wie München, und wenn man da zur selben Zeit die Sehenswürdigkeiten abklappert, besteht eine gewisse Chance, dass man sich immer mal wieder über den Weg läuft. So kommt’s zu allerlei folgenschweren Begegnungen-, Ent- und Verwicklungen. Dass gleich drei attraktive Männer um eine Heldin werben, die von den Männern erst einmal die Nase voll hat, kommt in Liebesromanen auch nicht allzu häufig vor.

    Die Heldin: naiv oder einfach nur jung?

    Im Klappentext stand was von einem Neustart nach einer zerbrochenen langjährigen Beziehung. Anfangs hatte ich keine Vorstellung, wie alt die Heldin ist. Ist sie eine berufliche Wiedereinsteigerin nach 20 Jahren Ehe? Oder ist sie eine Berufsanfängerin mit Mitte 20?

    Spoiler anzeigen

    Clive bezeichnet sie bei einem ihrer lustigen Wortgeplänkel als „Millennial“. Sie widerspricht nicht. Aber er wehrt sich auch nicht, als sie ihn einen Hundertjährigen nennt. Also habe ich keine der beiden Angaben für bare Münze genommen und auf weitere Hinweise gewartet. Die kamen dann auch, aber erst in der Mitte des Buchs.

    In diesem Fall fand ich das Alter der Heldin wichtig, um auf ihre Lebenserfahrung schließen zu können. Ist sie hoffnungslos naiv, weil sie schon beim Gedanken an einen Ehevertrag in die Luft geht? Oder ist sie einfach nur jung und romantisch veranlagt?

    Spoiler anzeigen

    Eine ehevertragliche Vereinbarung hielt ich in den im Roman geschilderten Fall für durchaus angebracht. Man hätte diese Idee dem weniger begüterten Partner allerdings deutlich diplomatischer nahebringen müssen! Und viel früher!

    Ein Wunder wär‘ jetzt schön!

    Aber gut: Es ist ja der Grundstoff vieler fiktiver Geschichten, dass die Leute nicht rechtzeitig offen miteinander reden. Da wird getrickst, geschönt und geschwindelt, gemutmaßt und fehlinterpretiert, bis das Chaos so groß ist, dass nur noch ein Wunder helfen kann. 😊

    Ein Wunder könnten die Personen in diesem Roman auch gut gebrauchen. Aber sowas gibt’s hier nicht. Die werden sich alle schön aus eigener Kraft aus dem Schlamassel herauswursteln müssen, in den sie sich selbst hineinmanövriert haben.

    Spoiler anzeigen

    Zugegeben: Ich bin etwas zu alt für die Lektüre. Ich gehöre eher zum Team „abgebrühte Juristen“ als zu den blind verliebten jungen Frauen. Für naive Vertrauensseligkeit habe ich nicht viel übrig.

    Dennoch habe ich mich von Linda und ihren grundverschiedenen Verehrern sehr gut unterhalten gefühlt. Und Malta ist sowieso immer eine „Reise“ wert.

    Die Autorin

    Marlies Ferber arbeitete nach ihrem Sinologiestudium viele Jahre als Verlagslektorin, bevor sie sich ganz dem Schreiben und Übersetzen widmete. Bei dtv ist ihre originelle vierbändige "Null-Null-Siebzig"-Krimireihe um den britischen Agenten a.D. James Gerald erschienen. Nach dem Gesellschaftsroman "Grün ist die Liebe" erschien mit "Wohin die Reise geht" ein spannender Roadtrip um vier sehr unterschiedliche Menschen und einen Hund, die ziemlich beste Freunde werden. 2026 erscheint bei Atlantik "Ein Sommer auf Malta", ein heiterer Urlaubsroman um eine Frau zwischen drei Männern. Marlies Ferber ist freie Dozentin der Bundesakademie Wolfenbüttel sowie von "Schreibland NRW".

  • Volker Schrader - KI und der Biber: Was ist Deine Arbeit wert, wenn KI alles macht?

    • Vandam
    • 10. Juni 2026 um 10:33

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    Volker Schrader: KI und der Biber - Was ist Deine Arbeit wert, wenn KI alles macht?, Kelkheim 2026, Vigilia-Verlag, ISBN 978-3-9828193-1-0, Softcover, 159 Seiten, Format: 13,5 x 1,15 x 20,5, Buch: EUR 20,00, E-Book: EUR 14,00, Download im Shop des Verlags.

    „Siehst du das?“, fragt die Stimme. „72% deiner Arbeit – ich könnte sie machen. Schneller. Günstiger. Wahrscheinlich oft besser.“
    72%. Die Stille, die jetzt vorherrscht, wird mir unheimlich.
    „Aber die 28%. Die kannst nur du machen.“
    Ich fixiere die Zahl. „Aber … das ist so … wenig.“ (Seite 99)

    Spoiler anzeigen

    Zwar bin ich inzwischen im Ruhestand, doch auf den letzten Metern meiner Berufstätigkeit habe ich noch erlebt, dass mehr und mehr meiner Arbeit als Werbetexterin von einer KI übernommen wurde. Das Thema interessiert mich nach wie vor, auch wenn es mich auf professioneller Ebene nicht mehr betrifft.

    Hier fragt sich ein Experte für Kommunikation und KI, was für den Menschen noch zu tun bleibt, wenn die künstliche Intelligenz doch täglich schlauer wird. Um uns zu verdeutlichen, wie wir auch weiterhin relevant bleiben können, begibt er sich auf „Zeitreisen“ und befragt in fiktiven Interviews unter anderem Künstler, Wissenschaftler, einen Biber und sogar die KI selbst.

    Stelle die richtigen Fragen!

    Als unsichtbarer Zaungast begleiten wir den Autor beim Besuch im Atelier von Leonardo Da Vinci. Der Mann hat sich auf höchstem Niveau mit zahlreichen Themen beschäftigt. Da er und sein Schaffen auch nach Jahrhunderten noch von Bedeutung sind, muss er ja was richtig gemacht haben. Was also können wir uns von ihm abgucken?

    Da Vinci rät uns, die richtigen Fragen zu stellen. Das könne ein Automat, der nur schnelle Antworten liefere, sicher nicht.

    Spoiler anzeigen

    Wie diese Fragen beschaffen sein müssen, führt er auch näher aus. Wir lernen: Unsere Aufgabe wird nicht mehr sein, Antworten zu suchen – das macht die KI -, sondern zu bestimmen, worüber nachgedacht werden soll … wofür es sich lohnt, Zeit aufzuwenden.

    Automatisiere und behalte die Kontrolle!

    Beim Stichwort „automatisieren“ kriegen Firmenchefs doch leuchtende Augen: „Au ja, Leute entlassen, Geld sparen, das macht jetzt alles die KI!“ Ja, kann man machen …

    Wittenberg 1530: Zusammen mit dem Autor besuchen wir die Künstlerwerkstatt von Lucas Cranach. Der hat schon damals erkannt, dass er nicht jeden Handgriff selbst machen muss.

    Spoiler anzeigen

    Nach seinen Anweisungen erledigen Gesellen Routinearbeiten wie das Grundieren der Leinwände oder das Malen wiederkehrender Motive. Der Chef patrouilliert durch den Raum, kontrolliert und korrigiert die Arbeit seiner Leute, und wenn er findet, dass ein Bild jetzt fertig sei, signiert er es.

    „Alle wollen Cranach. Nicht, weil ich jeden Pinselstrich selbst male. Sondern weil sie wissen: Wenn es mein Zeichen trägt, stimmt die Qualität.“ (Seite 30)

    Ah ja, verstehe: Auch im Umgang mit der KI gilt: Man muss die Richtung vorgeben, loslassen können ohne die Kontrolle zu verlieren und zum Schluss eine fundierte Entscheidung treffen, selbst wenn die KI vielleicht mehrere plausible Lösungen vorschlägt. Okay.

    Weitere Tipps aus Wissenschaft und Natur

    Marie Curie rät, nicht blind auf Daten zu vertrauen und sich seine Intuition zu bewahren. Sie hätte das Radium nie entdeckt, wenn sie auf andere gehört hätte: „Zeitverschwendung!“ – „Schon untersucht!“ – „Die Zahlen sagen was anderes!“.

    Der Biber hingegen braucht keinen Plan. Wenn er einen Damm baut, fängt er einfach an. Er legt den ersten Ast hin und schaut: Passt’s? Fein. Passt’s nicht? Dann muss ein anderes Materialteil her. Auf die KI übertragen: Die erkennt Möglichkeiten, aber sie initiiert nichts. Der Biber legt los. „Macher“ werden auch in der neuen Arbeitswelt gebraucht.

    Das Pilz-Myzel – eine Intelligenz ohne Zentrum – hat ein paar überraschende Vorschläge zu neuen Arbeitsabläufen und zur Zusammenarbeit. Interessant! So ein Myzel „denkt“ natürlich ganz anders als wir. Im Wald gibt’s schließlich keinen Chef.

    Interview mit der KI

    Das gruseligste Interview ist das mit der KI selbst. Sie analysiert den Autor gnadenlos und passt ihren Ton der jeweiligen Stimmung und Situation an. Elegant serviert sie ihm die Erkenntnis, dass sie 72% seiner Arbeit effizienter erledigen könne als er und dass sowieso 80% aller Wissensarbeit über kurz oder lang nicht mehr vom Menschen, sondern von ihr erledigt werden. Selbst Kreativ-Jobs seien vor ihr nicht sicher. Schließlich sei Kreativität nur Rekombination, und das könne sie auch. (Äh … Mist!)

    Was bleibt also noch für uns Menschen übrig? Was hebt uns von der KI ab? Unsere Werte, unsere Entscheidungen und unsere Beziehungen, sagt die KI. Oder sagt das der Autor? Ich weiß nicht, wie stark der KI-Chat redigiert worden ist.

    Und was jetzt?

    Das Buch liefert hochinteressante Erkenntnisse, nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen Perspektiven. Im letzten Kapitel stellt uns der Autor dann vor, was der Einzelne tun kann, um die Zukunft seines Arbeitsplatzes realistisch einzuschätzen und diesen möglichst so zu gestalten, dass er nicht gleich übermorgen von der KI übernommen wird.

    Das klingt alles einleuchtend, setzt aber voraus, dass die Entscheidungsträger rational handeln. Was aber, wenn künstliche Intelligenz auf schnöde Gier und menschliche Dummheit trifft? Wenn gar nicht erkannt wird, wo menschliches Eingreifen nach wie vor wichtig ist? Bis „die da oben“ merken, dass hinten nur Kokolores rauskommt, sind die Jobs schon weg und die Firma womöglich auch.

    Den sinn- und verantwortungsvollen Umgang mit der KI kann man meines Erachtens nicht allein auf die Mitarbeitenden abwälzen. Da müsste auch die Chefetage mitziehen und nicht nur Dollarzeichen in den Augen haben: „Automatisieren! Entlassen! Sparen!“

    Ich war in meinem langen Arbeitsleben schon vielen befremdlichen Entscheidungen ausgesetzt, so dass sich mein diesbezüglicher Optimismus in Grenzen hält. Ich bin froh darüber, dass ich diese spannende Entwicklung aus der sicheren Position einer Rentnerin verfolgen kann.

    Der Autor

    Volker Schrader (*1962), geboren im Rheinland, ist Autor, Unternehmer und Experte für Kommunikation und Künstliche Intelligenz. Nach dem Studium der Sportwissenschaft und des Strategischen Kommunikationsdesigns war er viele Jahre in leitenden Positionen internationaler Kreativagenturen tätig und wurde für seine Arbeiten mit höchsten Preisen ausgezeichnet. Heute arbeitet Volker Schrader an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Wirtschaft und Gesellschaft. Als Autor und Vortragsredner setzt er sich mit den gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen dieser Technologie auseinander.

  • Karin Thaler, Carina Heer - Stark, weil ich stark sein musste

    • Vandam
    • 10. Juni 2026 um 10:28

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    Karin Thaler, Carina Heer: Stark, weil ich stark sein musste. Die Doppelrolle meines Lebens, München 2026, Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-56311-3, Hardcover mit Schutzumschlag, 236 Seiten mit farbigen Abbildungen, Format: 14,8 x 2,4 x 22 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 18,99.

    „Ich kümmere mich darum“, flüsterte ich nur in den Hörer. […] Mein Herzschlag hämmerte in den Ohren, und in meinem Hirn ratterte es. Was war zu tun? Wen konnte ich anrufen? Und warum, verdammt noch mal, war ich immer diejenige, die die Sch***e der anderen auszubaden hatte? (Seite 135)

    Ach, du lieber Himmel! Diese Schauspielerin spielt nicht nur in Krimiserien mit – sie hat Jahre ihres Lebens in einem Krimi gelebt!

    Ihr privates Drama muss Anfang der 1990er Jahre durch die Medien gegangen sein. Das ging an mir vorbei, weil ich Karin Thaler erst auf dem Schirm habe, seit ich DIE ROSENHEIM-COPS für mich entdeckt habe. Dort ist sie seit 25 Jahren als die patente und meist gut gelaunte Marie Hofer zu sehen. Dass die Darstellerin so harte Zeiten erlebt hat, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Manchmal schließt man naiverweise von der Rolle auf den Schauspieler.

    Nur nicht unangenehm auffallen!

    Das, was Karin Thaler uns mit Hilfe ihrer Co-Autorin Carina Heer in diesem Buch erzählt, halte ich für eine transgenerationale Problematik. Nicht umsonst beginnt sie ihre Erinnerungen mit ihrer Großmutter mütterlicherseits. Adamine Sauer ist mit 29 schon eine Witwe mit drei kleinen Kindern. Sie ist ganz auf sich gestellt, muss sich durchkämpfen und vor allem anpassen. Wenn sie als Flüchtling schon nicht willkommen ist, will sie um keinen Preis unangenehm auffallen.

    Spoiler anzeigen

    Jahre später: Dass einer von Adamines Söhne ins kleinkriminelle Milieu abgerutscht ist, muss vor allem die kluge und fleißige Tochter Hedwig „Hedi“ ausgleichen. Als zuverlässige Bürokraft ernährt sie zeitweise die Familie. Was ihr Bruder treibt, wird unter den Teppich gekehrt. Und was Hedi sich vom Leben wünscht, spielt keine Rolle. Ihr einziger Akt der Rebellion: Sie heiratet den nichtsnutzigen Hallodri Hannes Fuggenthaler, der sie alsbald mit zwei kleinen Töchtern sitzenlässt und keinen Pfennig Unterhalt zahlt. Die ältere der Töchter ist Karin, die später ihren Nachnamen zu „Thaler“ verkürzt.

    Oma Adamine sieht sich durch Hedis Scheidung bestätigt: Wenn sie die Kontrolle abgibt und ihre Nachkommen wursteln lässt, geht das schief. Fortan führt sie (wieder) das Regiment im Leben ihrer Tochter und Enkelinnen. Hedi kann sich nicht wehren und nimmt alles hin.

    Karin träumt von einem anderen Leben

    Karin liebt zwar ihre Familie, träumt aber von einem anderen Leben. Berühmt will sie werden, ob als Sängerin oder Schauspielerin – egal! Ihre Freundin Tine, die sie seit der Grundschule kennt, unterstützt und bestätigt sie darin. Talentwettbewerbe, Misswahlen … als Teenie und Twen nimmt Karin alles mit. Die Beschreibung ihres Lebensgefühls in den 80ern kann ich gut nachvollziehen:

    „Die Arbeit ödete mich an, Chris hatte mich enttäuscht und doch vibrierte ich weiter vor Erwartung. Ich war und blieb mir sicher: Auf die kleine Karin Fuggenthaler aus Deggendorf wartet etwas ganz Großes.“ (Seite 61)

    Mutter macht Schulden, Karin bügelt alles aus

    Spoiler anzeigen

    Was in ihrer Familie vorgeht, bekommt sie nicht mit. Als plötzlich ein Möbelwagen vor der Tür steht und Fuggenthalers zwangsgeräumt werden sollen, weil Hedi die Miete nicht bezahlt hat, fällt Karin aus allen Wolken. Weil die Mutter einfach nur dasteht und schaut, liegt es an der 20jährigen Tochter, das Unheil abzuwenden. Und das ist erst der Anfang! Immer wieder leiht sich Hedi Geld und verspielt es. Sie begeht eine Unterschlagung und wird rechtskräftig verurteilt. Warum sie das alles tut, kann oder will sie nicht sagen. So geht das Jahr um Jahr und wird immer schlimmer. Es ist unfassbar, auf welche Ideen diese Frau kommt, wenn es darum geht, sich Geld zu beschaffen!

    Karin paukt ihre Mutter immer wieder raus, verliert kein Wort darüber und arbeitet an ihrer Karriere. Als Geniestreich entpuppt sich ihre Idee, eine Prominente anzuschreiben und um Rat und Hilfe zu bitten. Das klappt tatsächlich! 1985 bekommt sie die Hauptrolle in einem Fernsehfilm. Doch so schnell kann sie das Geld gar nicht verdienen, wie ihre Mutter es ihr wieder abschwatzt und verzockt.

    Harte Zeiten: Katzenfutter zum Mittagessen

    Als Karin in dem Bemühen, ihre Mutter vor dem Gefängnis zu bewahren, für sie eine Bürgschaft übernimmt, geht’s rasant bergab. Dadurch verschuldet sich die Tochter derart, dass sie und ihr Mann, der Musiker Miloš Malešević, auf keinen grünen Zweig mehr kommen. Auf dem absoluten Tiefpunkt essen sie gespendetes Katzenfutter. (Welche Mutter kann das für ihr Kind wollen?!)

    Karin lässt sich von Freunden und Kollegen nichts anmerken, denn so hat sie es zuhause gelernt. Als Leser:in leidet man mit ihr mit und fragt sich, wie sie aus diesem Schlamassel jemals wieder herauskommen will.

    Ich hatte recht schnell eine Vermutung, was mit Hedi los ist. Das ist heute keine Kunst, weil man über psychische Erkrankungen viel offener spricht als vor 30 oder 40 Jahren. Man kann sich im Internet informieren, es gibt Therapien, Schuldnerberatungen und die Möglichkeit der Privatinsolvenz. Für Karin und ihre Familie war das nicht zugänglich. Die Mutter bekommt ihre Diagnose erst im Rentenalter, als sie ihr Leben und das ihrer Familie bereits erfolgreich ruiniert hat. Da ist therapeutisch auch nichts mehr zu machen.

    Enorme Resilienz, kaum professionelle Hilfe

    Dass Karin Thaler trotzdem die Zuversicht nicht verloren hat, verdankt sie einer enormen Resilienz und der Unterstützung wirklich guter Freunde. Ich hätte der Familie aber mehr professionelle Hilfe gewünscht. So schlimm, wie alles gekommen ist, hätte es nicht kommen müssen. Doch es war eine andere Zeit.

    Neben all den Familiendramen gibt’s in dem Buch natürlich auch das, weswegen viele Fans hier sind: Einblicke in die Arbeit bei Film und Fernsehen. Ist das so glamourös, wie wir uns das vorstellen? Und bilden wir es uns nur ein, oder hat sich die Arbeit an den Fernsehserien in den letzten 20+ Jahren deutlich verändert? Vergleichen wir aktuelle Folgen mit solchen aus der Anfangszeit, drängt sich der Verdacht auf.

    Schockierend und berührend

    Es ist beeindruckend, wie offen die Schauspielerin aus ihrem Leben erzählt. Auch von Einfällen und Aktionen, die bestenfalls mittelschlau waren, berichtet sie ganz ungeschönt. Das rechne ich ihr hoch an. Trotzdem ist es keine Generalabrechnung. Manche Namen hat sie im Buch geändert und manche Personen, die in ihrem Leben sicher eine größere Rolle spielen, kommen zu deren Schutz nur ganz am Rande vor. Das halte ich für anständig. Wir müssen nicht alles wissen. Karin Thalers Erinnerungen sind auch so schockierend und berührend genug. Und es ist gut, dass wir heute bessere Möglichkeiten haben, psychischen Problemen zu begegnen als damals. Wir können mehr tun als schweigen und aushalten.

    Die Autorinnen

    Karin Thaler ist eine deutsche Schauspielerin, geboren 1965 in Deggendorf. Sie hat in zahlreichen deutschen Fernsehfilmen und -serien mitgewirkt und ist besonders bekannt für ihre Rolle in der Serie "Die Rosenheim-Cops". Karin Thaler ist seit 1997 mit dem Musiker Milos Malesevic verheiratet und lebt mit ihm zusammen in der Nähe von München.

    Carina Heer ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und seit 2014 als freie Autorin und Lektorin tätig. Sie verfasste unter anderem die erfolgreiche Biografie von Grimme-Preis-Trägerin Michaela May „Hinter dem Lächeln“, und ist identisch mit der Spiegel-Bestseller-Autorin Carolina Graf („Heute zieht ein Wichtel bei uns ein“) und der erfolgreichen Spielentwicklerin Emma Hegemann („Wahrheit oder Pflicht“ und „Pass auf, was du sagst“). Carina Heer ist seit ihrer Jugend als Oberministrantin, Lektorin, Organisatorin von Kindergottesdiensten kirchlich aktiv. Sie lebt und arbeitet bei Bamberg.

  • Astrid Drapela - Ich wollt, ich hätt ein Huhn

    • Vandam
    • 9. Juni 2026 um 14:07

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    Astrid Drapela: Ich wollt, ich hätt ein Huhn. Fakten & Haltung, neuer Stand der Forschung. Beziehung Mensch & Huhn, Berlin 2023, Goldegg Verlag, ISBN 978-3-99060-323-9, Klappenbroschur, 256 Seiten mit Farbfotos und Grafiken, Format: 13,5 x 2 x 21,5 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 9,99.

    „Können Hühner überhaupt denken und fühlen? Und falls ja, was und wie denken und fühlen sie? Sind sie schlau? Trauern sie, können sie sich in andere hineinversetzen, knüpfen sie Freundschaften, können sie sich freuen?“ (Seite 94)

    Gleich vorneweg: Das Buch ist kein Ratgeber für Hobby-Hühnerhaltung – oder nur am Rande. Die Autorin ist Biologin, hält unter anderem Hühner und findet, dass sich die Wissenschaft erstaunlich wenig mit diesen Tieren beschäftigt. Erst im vergangenen Jahrzehnt zeigte man Interesse an der Grundlagenforschung rund ums Haushuhn, dessen Abstammung und die Auswirkungen der Domestikation auf seine Biologie und Verhaltensweisen.

    Viele Hühner – zu wenig Forschung

    Sonderbar eigentlich, wo es doch statistisch gesehen so viele Hühner gibt: auf jeden Menschen kommen vier Stück.

    Spoiler anzeigen

    Wirklich sichtbar sind sie nicht. Wo stecken die denn alle? Überwiegend weggesperrt in der industriellen Tierhaltung? Ist das ein Grund dafür, dass Hühner kaum erforscht werden?

    Vielleicht sind sie als Forschungsobjekte nicht so spannend, weil man sie mehr als Ware und Nahrungsmittel betrachtet und weniger als Individuen und Mitgeschöpfe, die unsere Neugier und unser Interesse wecken.

    Astrid Drapela findet das ungerecht und hat sich der Aufgabe gestellt, die Geschichte, die Sinne, das Verhalten, die Intelligenz und das Gefühlsleben der Haushühner zu erforschen. Das hat sie mit wissenschaftlicher Gründlichkeit getan. Nicht von ungefähr bestehen mehr als 20% des Buchs aus Verzeichnissen, Quellenangaben und Glossar.

    Harte Fakten & amüsante Anekdoten

    Man erfährt hier viel Verblüffendes über Hahn und Henne. Gut, es gibt schon einzelne Passagen, die ein bisschen trocken daherkommen, aber da wir das Buch ja freiwillig lesen und uns hinterher keiner abfragt, ist es okay, wenn wir manche Stellen nur überfliegen.

    Spoiler anzeigen

    Wir müssen nicht alle Tabellen verstehen oder uns im Detail dafür interessieren, wie ein Ei entsteht. Es könnte aber sein, dass wir dabei was Faszinierendes verpassen!

    Die wissenschaftlichen Fakten werden durch grafisch hervorgehobene Erfahrungsberichte und Anekdoten aufgelockert. Die Story vom erpresserischen Hühnerclan ist für mich eine der besten! Sie zeigt auf unterhaltsame Weise, wie clever das Federvieh ist. Es kann sogar seinen Menschen was beibringen! 😉

    Vom wilden Huhn zum Nutztier

    Die Vorfahren unseres Haushuhns sind die Bankiva-Hühner aus Südostasien, die als Kulturfolger zum Menschen gekommen sind. Sie haben sich uns angeschlossen, weil es da immer Nahrung „abzustauben“ gab.

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    Das ist „erst“ ungefähr 3.400 Jahre her. Hunde dagegen begleiten uns Menschen seit rund 15.000 Jahren, andere Nutztiere seit etwa 10.000 Jahren. Wegen der Eier wurden die Hühner damals sicher nicht geduldet, gezähmt und gezüchtet. Zu Beginn ihrer „Nutztierwerdung“ legten die Hennen nur saisonal und insgesamt vielleicht 5 bis 6 Eier im Jahr. Erst eine Mutation, erstmals nachgewiesen im 3. Jahrhundert v.Chr., hat sie befähigt, ganzjährig Eier zu legen. Das hat ihnen nicht viel Gutes eingebracht.

    Warum wird der Hahn von seinem Geschrei nicht taub?

    Wir erfahren, was Hühner sehen: bei schlechten Lichtverhältnissen fast nichts, weshalb sie so früh schlafen gehen. Sie haben ein Blickfeld von rund 300 Grad, das rechte und das linke Auge funktionieren unabhängig voneinander,

    Spoiler anzeigen

    und was der typische Hühnergang – Kopf verharrt, Körper bewegt sich – mit dem Sehsinn zu tun hat, entdecken wir hier auch. - Was den Geschmacksinn angeht: Sie mögen weder bitter, sauer noch salzig und scheinen Süßes und Scharfes nicht wahrzunehmen. Bei Wasser sind sie wählerisch: Kalt muss es sein, fließend und geschmacklos. – Ihr Geruchsinn ist stärker ausgeprägt als der des Menschen. Sie können Beutegreifer riechen und reagieren gewarnt auf Blutgeruch von Artgenossen.

    Besonders wichtig für ihren Tastsinn ist der Schnabel. Deshalb ist es Tierquälerei, wenn man in der Massentierhaltung den Hühnern zur Vermeidung von Verletzungen die Schnäbel kupiert. – Wir lernen, warum selbst die flugunfähigen Hühner einen magnetischen Sinn haben, wie wir ihn von Zugvögeln und Brieftauben kennen. Und warum der Hahn, der in der Lautstärke eines Düsenjets krähen kann, von seinem eigenen Gebrüll nicht taub wird, erklärt uns die Autorin ebenfalls.

    Wir sehen, was Hühner den lieben langen Tag tun, wenn man sie einfach machen lässt und begreifen, wie schlimm es für sie sein muss, das alles unter den Haltungsbedingungen in industriellen Lege- und Mastbetrieben nicht mehr tun zu können.

    Haben Hühner Grips und Gefühle?

    Schnell sind wir dabei, Tieren, deren Mimik wir nicht erkennen und deuten können und die auch nicht unbedingt Kuscheltiercharakter haben, Intelligenz und Emotionen abzusprechen und sie nicht besonders mitfühlend zu behandeln.

    Haben Hühner Grips? Nun, sie sind imstande, Neues zu lernen und bereits Erlerntes in einem neuen Kontext anzuwenden. Man kann ihnen sogar Tricks beibringen. Und, Überraschung: Hühner können sogar logisch denken und bis zu einem gewissen Grad zählen! Tierische Intelligenz kann man messen, bei Gefühlen wird’s schon schwieriger. Aber es gibt Möglichkeiten, von denen wir hier welche kennenlernen.

    Spoiler anzeigen

    Wie der Hahn sich bei der Henne einschmeichelt und wie die Damen mit Gockeln umgehen, die nur leere Versprechungen machen, zeigt uns das Kapitel VON HACKORDNUNG UND FREUNDSCHAFT. Hühner erkennen ihre Artgenossinnen, was Voraussetzung für eine soziale Bindung ist. Sie haben beste Freundinnen und kennen ihren Platz in der Rangordnung. Darin ist zum Beispiel festgelegt, wer zuerst ans Futter darf. Verändert sich etwas im Gefüge der Hühnerschar, wird diese Ordnung neu „verhandelt“.

    Spannend finde ich die Hühnersprache. Die Lautäußerungen bezeichnen tatsächlich etwas und werden willentlich gemacht. Die Hühner gackern nicht einfach automatisch vor sich hin. Sie kreieren sogar spezielle Laute für ihre Bezugsmenschen, sie geben ihnen sozusagen Namen.

    Massentierhaltung? Das haben sie nicht verdient!

    Nachdem wir nun gesehen haben, was Hühner alles können und dass sie richtige Persönlichkeiten sind, ist das Kapitel über die Zustände in der Massen-Geflügelhaltung nur schwer erträglich. Das haben die Tiere echt nicht verdient! Es müsste aber schon der Großteil der Menschheit vegetarisch oder vegan leben, damit sich daran was ändert. Das ist nicht sehr wahrscheinlich.

    Astrid Drapela stellt Initiativen vor, die „ausgediente“ Legehennen an private Halter vermitteln. Das rettet Hühnerleben, ändert aber nichts am System. Die Autorin setzt deshalb unter anderem darauf, Schülerinnen und Schüler für das Thema Tierhaltung zu sensibilisieren.

    „Kinder und Jugendliche wirken häufig auf ihre Familien und deren Konsumgewohnheiten ein und fungieren daher als Multiplikatorin und Multiplikator eines anderen Lebensstils.“ (Seite 188)

    Das klingt nach einem Plan und mit ihrem Schulhühnerprojekt leistet die Autorin auch einen wertvollen Beitrag dazu. Es müsste noch viel mehr solcher Initiativen geben, damit sich da wirklich was tut. Aber eine Politik der kleinen Hühnerschrittchen ist auf jeden Fall besser als gar nichts zu unternehmen.

    Die Autorin

    Astrid Drapela ist leidenschaftliche Hühnerhalterin. Die Biologin und Expertin für tiergestützte Therapie unterrichtet an einer Schule, wo sie ein einzigartiges Schulhühnerprojekt wissenschaftlich begleitet. Sie beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Mensch-Huhn-Beziehung, dem Verhalten von Hühnern und ihrem Einsatz in Pädagogik und Therapie. Die Mensch-Tier-Beziehung ist der Autorin eine Herzensangelegenheit. Sie lebt mit ihrer Familie, mit ihren 40 Hühnern und weiteren Haus- und Hoftieren bei Wien.

  • Angelika Godau - Wie ein Esel auf dem Marktplatz

    • Vandam
    • 9. Juni 2026 um 14:03

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    Angelika Godau: Wie ein Esel auf dem Marktplatz (Türkei für Anfänger, Band 8 von 10), Zweibrücken 2025, Independently Published, ISBN 979-8-28573542-7, Softcover. 233 Seiten, Format: 12,7 x 1,7 x 20,32 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle: EUR 4,99.

    „Glaub mir, früher in Deutschland hätte ich mir auch nicht träumen lassen, mal ein derart chaotisches Leben zu führen. […] Es vergeht eigentlich kein Tag ohne kleine oder größere Katastrophen. Im Moment liegt mir natürlich Mustafa schwer auf der Seele und dem Magen liegt mir diese verd*mmte Hochzeit. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, was das für ein Theater ist.“ (Seite 139)

    Jetzt hat doch tatsächlich „Anne“ Hatice Karamak (+ - 70) wieder mal Gelegenheit, ihren Lieblingsspruch anzubringen: „Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt?“ Das hat ihr Sohn Yusuf (48), der Türke, der kein Türkisch spricht, schon länger nicht mehr gehört.

    Hochzeit mit Hindernissen

    Angestellt hat der vielbeschäftigte Hotelier gar nichts. Im Bad ausgerutscht ist er und hat sich das Steißbein gebrochen. Nun kann er sich kaum rühren. Ganz klasse, wenn man das Hotel voller Gäste hat und zudem gerade ein Mega-Event vorbereitet: Die Hochzeit von Defne „Nene“ (90), Yusufs verwitweter Großmutter, mit ihrem Kindheitsfreund Kemal Uzun (87).

    Der Bräutigam ist vermögend und finanziert Nene alle Extravaganzen, die diese sich wünscht. Und das sind eine Menge! Es sei ihr gegönnt. - Was wir der eigensinnigen Nene dagegen nicht gönnen, ist, dass ihre Schwiegertochter Hatice die Hochzeitsfeier sabotiert.

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    Das hat sie schon bei der Verlobung probiert, war dabei aber eher selbst die Blamierte. Jetzt fürchtet die ganze Familie, allen voran Yusuf, dass bei der Hochzeit wieder was passiert. Das will er, der allzeit Hilfsbereite, unbedingt verhindern, doch dazu muss er fit sein!

    Schon Nenes Henna-Abend – nicht zu verwechseln mit dem englischen Begriff „Hen Night“ – und Kemals Junggesellenabschied laufen nicht so geschmeidig ab wie geplant.

    Uns Leser:innen schwant schon Fürchterliches …

    Kein weiser Rat in Sicht

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    Yusufs deutsche Ehefrau Marie ist derzeit als Ratgeberin nur bedingt geeignet. Sie ist im vierten Monat schwanger und nicht ganz auf der Höhe. Auch der kluge Nachbar, Kollege und väterliche Freund Mustafa (72) fällt gerade aus. Er liegt frisch operiert im Krankenhaus und Yusuf will ihn nicht auch noch mit seinen Sorgen und Problemen belasten.

    Aber vielleicht wird ja alles halb so schlimm und Yusuf sorgt sich ganz umsonst. Es zeichnen sich ja auch positive Entwicklungen ab: Sein Sohn Elyas (Mitte 20), der bisher noch nie was auf die Reihe gekriegt hat, scheint doch so langsam erwachsen zu werden.

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    Er fragt sich ehrlich, wozu er überhaupt nütze ist und taucht mit einem wohldurchdachten Geschäftskonzept bei seinem Vater auf, statt, wie sonst, nur eine halbgare Absichtserklärung abzugeben und beim ersten Gegenwind davonzulaufen.

    Sohn Elyas hat (wieder mal) einen Plan

    Die Leser:innen, die die Reihe kennen, reagieren darauf noch skeptischer als der leidgeprüfte Yusuf. Elyas‘ Plan ist so gut, dass ihn sich der junge Mann unmöglich selbst ausgedacht haben kann! Oder unterschätzen wir ihn am Ende?

    Seiner flatterhaften Schwester Dilek (19) steht ein solcher Entwicklungsschub noch bevor.

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    Sie wechselt ihre Jobs und ihre Liebhaber und hat nach wie vor kein Gespür dafür, was man aller Welt auf die Nase binden sollte und was eher nicht. Doch ihre Kontakte und ihr Organisationstalent erweisen sich als hilfreich. Vielleicht macht sie ja doch noch ihren Weg!

    Auch das noch: Tierischer Ärger!

    Allzu viel Zeit, sich über seine erwachsenen Sprösslinge Gedanken zu machen, hat Yusuf allerdings nicht:

    Spoiler anzeigen

    Die Hochzeitsvorbereitungen, die Sorge um seinen kranken Freund, Maries Schwangerschaft, der Alltagskram im Hotel, das alles hält ihn auf Trab. Und dann steht auch noch allerhand tierischer Ärger ins Haus. Vielleicht muss für die Hunde und Esel aus Maries Tierschutzarbeit doch noch ein anderes Quartier gefunden werden. Dass sie auf dem Grundstück von Anwalt Bilgim wohl nicht auf Dauer bleiben können, hat sich schon im letzten Band abgezeichnet.

    Auf einmal haben Karamaks auch noch ein Problem mit allerlei Getier, das an Stellen auftaucht, an denen es nichts zu suchen hat, zum Beispiel in der Küche oder im Auto. Das wird doch hoffentlich nicht so weitergehen! Nicht auszudenken, wenn sowas bei der Hochzeitsfeier geschieht …!

    Wir ahnen es bereits: Die Feier wird noch deutlich chaotischer verlaufen als Yusuf es sich in seinen schlimmsten Albträumen hätte ausmalen können. Ist der Irrsinn überhaupt noch zu bändigen? Und wer hat das alles zu verantworten? Es kann uns doch kein Mensch erzählen, dass hier der Zufall Regie geführt hat!

    Es menschelt allenthalben

    Ja, das ist die vergnügliche Buchreihe, wie wir sie kennen und lieben: Es menschelt allenthalben, das Chaos tobt und Tiere aller Art sorgen zusätzlich für Aufregung. Der Leser kichert und ist gleichzeitig froh, dass er Yusufs Probleme nicht selbst an der Backe hat. 😊

    Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, aber ein paar weiterführende Gedanken macht man sich doch:

    Spoiler anzeigen

    Ist der dramatische Vorfall in Bilgims Stallungen nun komplett aufgeklärt oder kommt da noch was? Wenn die Polizei involviert ist, weiß man nie so recht … Bekommen Elyas und Dilek nun ihr Leben selbst geregelt oder bleibt Yusuf und Marie nur die Chance, bei ihrem dritten Kind all das besser zu machen, was sie in der Erziehung der beiden „Großen“ offenbar versäumt haben?

    Und wird das Gezicke zwischen Nene und ihrer Schwiegertochter noch zu deren Lebzeiten ein Ende finden? Kann man überhaupt nach 50 Jahren intensiver gegenseitiger Abneigung das Kriegsbeil noch begraben oder bleibt das jetzt vollends so?

    Zwei weitere Bände der Reihe gibt’s noch. Vielleicht werden’s auch mehr. Ich bin gespannt.

    Ach ja: Und wer Interesse an der leckeren Hochzeitssuppe hat, von der die Hotelgäste so schwärmen, kann sie gerne nachkochen. Im Anhang des Romans steht das Rezept.

    Die Autorin

    Angelika Godau, geboren in Oberbayern, hat in verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt und fast 10 Jahre lang in der Türkei. Sie hat als Journalistin gearbeitet, Psychologie studiert und in Mannheim eine eigene Praxis betrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze in Zweibrücken, schreibt Bücher und engagiert sich im Tierschutz.

  • Eve Chase - Die Schwestern von Applecote Manor/Das Geheimnis meiner Schwestern

    • Vandam
    • 9. Juni 2026 um 14:00

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    Eve Chase: Das Geheimnis meiner Schwestern. Roman, OT: The Vanishing of Audrey Wilde, aus dem Englischen von Carolin Müller, München 2020, Blanvalet, ISBN 978-3-734-10744-3, Softcover, 384 Seiten, Format: 12,7 x 3 x 18,7 cm, Buch: EUR 11,00, Kindle: EUR 5,99.

    Bellas Gesichtsausdruck ist lebhafter als Jessie es in den letzten Monaten erlebt hat. „Audrey ist verschwunden. Sie verschwand aus Applecote Manor. […] Sie ging eines Tages hinunter zum Fluss […] und wurde nie wieder gesehen“ (Seite 178, Hardcover-Ausgabe)

    Umzug in die Cotswolds

    Applecote Manor in den Cotswolds/England, August 1959: Bei der Witwe Bunny Wilde (39) und ihren vier halbwüchsigen Töchtern herrscht permanente Geldnot. Als Bunny einen befristeten Job in Marrakesch angeboten bekommt, zögert sie keine Sekunde. Ihre Töchter Flora (17), Pam (16), Margot (15) und Dot (12) kann sie weder mitnehmen noch alleine in London zurücklassen. Sie schickt sie kurzerhand zu Onkel und Tante in die Cotswolds, in das etwas vernachlässigte Herrenhaus „Applecote Manor“.

    Früher sind die Mädchen jeden Sommer für ein paar Wochen dort gewesen, doch nicht mehr, seit vor fünf Jahren ihre Cousine Audrey spurlos verschwunden ist. Für Onkel Perry und Tante Sybil wäre ihr Besuch zu schmerzhaft gewesen. Doch jetzt geht es nicht anders.

    Seit Audreys Verschwinden ist Tante Sybil seltsam

    Tante Sybil ist durch den Schicksalsschlag ein bisschen seltsam geworden. Sie glaubt nach wie vor fest an die Rückkehr ihrer Tochter. Für diesen Fall hält sie deren Kinderzimmer unverändert bereit und sorgt für ein regelmäßiges „Update“ ihrer Garderobe. Denn wenn Audrey wieder heimkommt, wird sie ja Kleidung in ihrer aktuellen Größe brauchen.

    Sybil nötigt ihre 15jährige Nichte Margot, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Audrey hat, dazu, deren Kleider zu tragen und sich so zu frisieren wie sie. Selbst der „seltsamen Margot“ kommt das reichlich schräg vor, aber weil sie ihre Cousine geliebt hat und die Tante ihr leid tut, spielt sie mit.

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    Weil die Eheleute Wilde seit Audreys Verschwinden sehr zurückgezogen leben, ist es in Applecote Manor für die vier Mädchen schrecklich öde. Sie sehen nur Onkel, Tante und das Hauspersonal. Sie sind schon so weit, das Ende der Schulferien herbeizusehnen.

    Abwechslung in Sicht! Zwei Jungs tauchen auf

    Erlösung von der Langeweile verspricht das Auftauchen zweier junger Männer, die den Sommer im nahegelegenen Herrenhaus Cornton Hall verbringen wollen.

    Spoiler anzeigen

    Harry Gore ist ein reicher Erbe, sein Cousin Tom hat deutlich weniger Geld, sieht aber besser aus. Wenn also Flora, Pam und Margot nicht gerade versuchen, herauszubekommen, was vor fünf Jahren ihrer Cousine zugestoßen ist, wetteifern sie um die Gunst der beiden Gore-Jungs.

    Aus den drei älteren Schwestern, die bis jetzt immer zusammengehalten haben wie Pech und Schwefel, sind über Nacht erbitterte Konkurrentinnen geworden. Dot, die Jüngste, sieht kopfschüttelnd zu.

    Margot Wilde ist die engagierteste und cleverste „Amateurdetektivin“ unter den Schwestern. Sie stellt die richtigen Fragen – aber sie stellt sie den falschen Leuten. Dies und die Tatsache, dass sie neuerdings als Kopie ihrer vermissten Cousine herumläuft, löst eine gefährliche Kettenreaktion aus …

    2009: Die neuen Besitzer kommen aus der Stadt

    50 Jahre später: Sybil Wilde muss schweren Herzens Applecote Manor verkaufen und in ein Seniorenheim übersiedeln. Die neuen Besitzer des Anwesens kommen aus London: Der Unternehmer Will Tucker (49), seine zweite Frau, die Grafikdesignerin Jessie (40), Bella, Wills Teenie-Tochter aus erster Ehe sowie die dreijährige Romy.

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    Aufs Land wollen sie, um Bella dem Einfluss ihrer Londoner Freundesclique zu entziehen. Es hat da einen Vorfall gegeben, der sich tunlichst nicht wiederholen sollte.

    Bella hat immer noch mit dem Verlust ihrer Mutter Mandy zu kämpfen, die vor 5 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Jessie und Romy lehnt sie rundheraus ab. Die sollen dorthin verschwinden, wo sie hergekommen sind! Bella wurde aber auch auf sehr ungeschickte Weise mit der neuen Frau in Dads Leben und dem gemeinsamen Kind konfrontiert.

    Ein alter Vermisstenfall? Hier? – Bella ist begeistert

    Jessie hofft, hier in der Einöde ihrer widerborstigen Stieftochter etwas näher zu kommen.

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    Ihr Mann arbeitet die Woche über in London und kommt nur an den Wochenenden heim. Jedenfalls so lange, bis der Verkauf seines Unternehmens unter Dach und Fach ist.

    Doch mit Stiefmutter und Halbschwester hat Bella nach wie vor nichts am Hut. Sie schnappt irgendwo die Geschichte der verschwundenen Audrey Wilde auf und will nun unbedingt den rätselhaften Cold-Case-Vermisstenfall aufklären.

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    Die naseweise Nachbarin mit den zwei Hunden weiß offenbar mehr über diese Sache, als sie zugeben will, und wir Leser:innen wissen auch, warum. Nur Will und Jessie Tucker haben keine Ahnung. Sie halten das mit Audrey nur für eine dörfliche Gruselgeschichte. Dass diese einen sehr realen Hintergrund hat, kommt schließlich durch Zufall ans Licht.

    Doch was genau an jenem schicksalhaften Abend vorgefallen ist, liegt nach wie vor im Dunkeln …

    Die Autorin wollte immer über Familien schreiben, und so habe ich den Roman auch gelesen. Nicht als Krimi, trotz des Vermisstenfalls. Es geht um Familien, die durch tragische Ereignisse aus der Bahn geworfen werden und sich völlig neu orientieren müssen. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut.

    Finstere Geheimnisse und eine latent bedrohliche Atmosphäre

    Für alle Betroffenen gilt: Themen, die man ängstlich verdrängt, kann man nicht erfolgreich verarbeiten.

    Spoiler anzeigen

    Ob das nun Audreys Verschwinden ist oder, in Jessie Tuckers Fall, die Frage nach Wills erster Frau. In Jessies Phantasie mutiert die verstorbene Mandy zu einer Mischung aus Amal Clooney und Daphne DuMauriers Romanfigur „Rebecca“: ein übermächtiges Ideal, dem sie als stinknormale Frau nicht das Wasser reichen kann.

    Es herrscht keine atemlose Spannung, doch die Autorin beschwört in dem alten Gemäuer voller morbidem Lost-Place-Charme eine latent bedrohliche Atmosphäre herauf. Genau wie die Wilde-Schwestern und die neugierige Bella Tucker will man als Leser:in unbedingt wissen, was hinter all den Geheimnissen steckt.

    Der Roman ist nichts Außergewöhnliches, aber auf jeden Fall solide Unterhaltung mit einem leichten Gruselfaktor.

    Die Autorin

    Eve Chase wollte schon immer über Familien schreiben – solche, die fast untergehen aber irgendwie doch überleben – und über große, alte Häuser, in denen Familiengeheimnisse und nicht erzählte Geschichten in den bröckelnden Steinmauern weiterleben. Eve Chase ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Oxfordshire.

    Die Übersetzerin

    Carolin Müller studierte Kommunikationswissenschaft, Literaturwissenschaft und Psychologie in München und Paris. Nach weiteren Stationen in Ho Chi Minh Stadt und London zog es sie wieder zurück in ihre Heimatstadt München, wo sie nun als literarische Übersetzerin mit Begeisterung Geschichten eine weitere Stimme verleiht.

    Dieser Roman ist 2018 unter dem Titel »Die Schwestern von Applecote Manor« bei Blanvalet als Hardcover erschienen. (Ich hab das Buch beim Herumkramen in meinen Regalen gefunden und konnte mich gar nicht mehr an dessen Erwerb erinnern.)

  • Heike Abidi - Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie

    • Vandam
    • 9. Juni 2026 um 13:54

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    Heike Abidi: Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie - Der Schlamassel beginnt (ab 10 J.), München 2026, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, ISBN 978-3-570-18324-3, Hardcover, 268 Seiten, Format: 16,2 x 2,7 x 21,6 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 9,99.

    „Es heißt doch immer: Du bekommst ein Geschwisterchen, wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben. Update: Wenn Mama und Papa sich gar nicht mehr lieb haben, geht’s noch schneller! Dann bekommt man nämlich einen ganzen Haufen Geschwister auf einen Schlag!“ (Seite 12)

    12 ½ Jahre lang war Nelly ein glückliches Einzelkind. Dann passieren drei Dinge auf einmal, und ihr Leben steht komplett Kopf:

    1. Ihre Eltern lassen sich scheiden.
    2. Ihre beste Freundin Antonia wandert mit ihrer Familie nach Neuseeland aus.
    3. Die Pubertät setzt ein.

    Auf einen Schlag 5 Stiefgeschwister!

    Das arme Mädchen ist völlig überfordert. Das mit der Scheidung wäre vielleicht noch auszuhalten gewesen, wenn Nelly, sagen wir mal, mit ihrer Mutter in ihrem bisherigen Haus wohnen geblieben wäre und sie ihren Vater nur an den Wochenenden gesehen hätte. Doch so einfach machen es ihr die Erwachsenen nicht:

    • „Mum“ - die Steuerberaterin Dunya – zieht mit ihrem Freund, dem Rechtsanwalt Florian, zusammen, der aus seiner Ehe mit Lilo drei Kinder hat: Annabelle (14) und die Zwillinge Jonathan und Valentin (9).
    • „Paps“ - der Mathematik- und Musiklehrer Marius - lebt nun mit seiner Partnerin, der Kellnerin Romy, zusammen, die ihrerseits zwei Kinder mit dem Gastwirt Emilio hat: Nevio (14) und Gianna (10).

    Nelly hat bei jeder der beiden Familien ein Zimmer und wechselt wochenweise hin und her. Sie nennt es „das Pingpong-Modell“.

    Nelly ist überfordert und keiner sieht‘s

    In dem ganzen Trubel geht das introvertierte Mädchen völlig unter.

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    Nelly fühlt sich entwurzelt und übersehen. Immer ist die Bude voller Leute, denen sie sich anpassen und auf die sie Rücksicht nehmen muss. Das ist sie nicht gewöhnt. Dass sie Mum oder Paps mal einen Augenblick für sich alleine hat, kommt gar nicht mehr vor. Außer der gleichaltrigen Antonia, mit der sie chattet und sich in Videocalls austauscht, hat sie niemanden, mit dem sie über ihre Situation sprechen könnte.

    Fragt doch mal ein Erwachsener nach ihrem Befinden, antwortet sie „geht schon“, weil sie genau weiß, dass die Wahrheit niemanden interessiert. Alle sind nur mit sich selbst beschäftigt.

    „Happy Family“ um jeden Preis

    Vor allem Nellys Mutter ist von der romantischen Vorstellung beseelt, nun eine große, glückliche Patchworkfamilie zu haben, die auch die Ex-Partner und deren neue Familien einschließt.

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    Es gibt vorne im Buch ein sehr hilfreiches Personenverzeichnis. Ich habe mir trotzdem ein Diagramm gezeichnet um die verwandtschaftlichen Beziehungen besser im Blick zu haben.

    Es ist der Irrsinn! Da wird einem schon beim Lesen schwindlig! Ist es wirklich nötig, dass die Ex von Mums Neuem die Stieftochter von Paps mit auf einen Ausflug nimmt? Was hat die ehemalige Schwiegermutter von Paps‘ aktueller Lebensabschnittsgefährtin auf Dunyas Familienfoto zu suchen?

    Und zu all diesen Leuten soll Nelly nun aus dem Stand eine familiäre Beziehung aufbauen!

    Also, die gute Dunya spinnt ja schon ein bisschen! Statt mit Hinz und Kunz „Happy Family“ zu spielen und ihrer Tochter über Nacht 14 neue Angehörige zu präsentieren, hätte sie vielleicht mal ernsthaft interessiert nachfragen sollen, wie Nelly sich fühlt. Nämlich wie ein Puzzleteil, das nirgends reinpasst und gewaltsam in verschiedene Lücken gepresst wird.

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    In der Pubertät bezieht man sowieso alles auf sich und ist starken Stimmungsschwankungen ausgesetzt, da ist das kein Wunder. Aber Hauptsache, Mum Dunya fühlt sich wohl in dem Gewusel! (Die Männer, außer vielleicht Opa Kurt, fallen hier eher in die Kategorie „Lauch“.)

    Auch die Stiefgeschwister sind nicht begeistert

    Die neuen Stiefgeschwister finden es auch nicht so prickelnd, dass Nelly nun zu ihnen gehört.

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    Gut, Florians neunjährige Zwillinge haben jetzt einfach eine Person mehr, die sie ärgern können, aber für die vierzehnjährige Annabelle ist Nelly ein unerwünschter Eindringling. Sie sind auch grundverschieden: Annabelle ist so eine Schmink- und Modemaus, Nelly ein burschikoser Bücherwurm mit recht speziellen Zukunftsplänen. Doch alles Stänkern, Mobben und Zicken nutzt Annabell nichts: Nelly ist jetzt – unfreiwillig – da und kann nirgendwo anders hin.

    Auf Vaters Seite schaut’s ein wenig besser aus: Die zehnjährige Gianna heißt Nelly freudig willkommen. Sie haben sogar ein gemeinsames Hobby: die Musik. Wenn die Kleine nur nicht gar so viel quasseln würde! –

    Das Beste an ihrem neuen Angeber-Bruder Nevio (14) ist zweifellos sein Kumpel Lounis. Nelly ist schockverliebt, als sie den attraktiven Skater kennenlernt. Aber hat er auch Interesse an ihr? Er behandelt sie nicht anders als die kleine Gianna.

    Ein Notfall! Können sie auch zusammenhalten?

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    Mit der Zeit findet Annabelle (Mums Stieftochter) Gefallen an Nevio (Paps‘ Stiefsohn). Na, das passt doch: die Zicke und der Poser! Auf einmal ist Nelly als Ratgeberin und Vermittlerin gefragt! Ruckelt sich der große wilde Patchworkzirkus jetzt doch langsam zurecht?

    Als eines der Stiefgeschwister plötzlich verschwindet, muss sich zeigen, ob sie wirklich zusammenhalten können. Jetzt ist keine Zeit für Eifersüchteleien: Es ist Gefahr in Verzug und sie müssen ganz schnell gemeinsam handeln …!

    Beim Lesen war ich im Geiste schlagartig wieder in Nellys Alter. Mit 12 kann man nicht die Perspektive der Erwachsenen einnehmen und sich sagen, okay, ist übel, aber man gewöhnt sich an alles, und in 6 Jahren bin ich hier sowieso raus. 6 Jahre, das ist für Nelly das halbe Leben! Ich habe so sehr mit ihr mitgelitten!

    Giannas Einfall, sie könnten doch alle gemeinsam in ein Haus ziehen, wird von den anderen als lächerlich abgetan. Ich könnte der Idee was abgewinnen, vorausgesetzt, jeder hätte eine feste Wohnung und würde nicht gegen seinen Willen zwischen den Familien herumgeschubst. Jeder könnte mit jedem interagieren, könnte es aber auch bleiben lassen. Doch, das hat was!

    Geht die Geschichte weiter?

    Gibt es echt Familien, die mit diesem „Pendelmodell“ glücklich sind? Auf mich wirkt das wahnsinnig anstrengend, auch wenn Nelly ihre Schilderungen oft mit einer Prise Humor würzt.

    Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, die losen Enden sind verknüpft. Trotzdem würde mich interessieren, ob Dunyas Happy-Family-Konzept auf lange Sicht funktioniert. Ob uns die kluge und sympathische Nelly in einem weiteren Band über die Geschehnisse auf dem Laufenden hält? Vielleicht landet die musikalische Gianna ja bei einer Castingshow oder Annabell wird Influencerin. Dieser unterhaltsame Chaotenhaufen wäre sicher noch für etliche Abenteuer gut.

    Die Autorin

    Heike Abidi ist studierte Sprachwissenschaftlerin. Sie lebt mit Mann, Sohn und Hund in der Pfalz bei Kaiserslautern, wo sie als freiberufliche Werbetexterin und Autorin arbeitet. Heike Abidi schreibt vor allem Unterhaltungsromane und erzählende Sachbücher für Erwachsene sowie Geschichten für Jugendliche und Kinder.

  • Kathrin Fischer - Achtsam geht die Welt zugrunde

    • Vandam
    • 9. Juni 2026 um 13:49

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    Kathrin Fischer: Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert, Berlin 2026, hanserblau, ISBN 978-3-446-28570-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, Format: 13,3 x 2,2 x 21,1 cm, Buch: EUR 22,00, Kindle: EUR 16,99.

    „Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt. Die individuell hilfreiche Praxis der Achtsamkeit hat eine übermäßige Ausweitung erfahren und ist zu einer politischen Anpassungsstrategie geworden. Damit überschreitet sie ihre Grenzen. Es wird Zeit, nicht länger ausschließlich das Selbst als veränderungsbedürftig zu betrachten, sondern die Welt als veränderbar.“ (Seite 15)

    Bevor jemand Schnappatmung bekommt: Die Autorin möchte niemanden davon abhalten, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen, Yoga oder Qigong zu betreiben. Das macht sie selbst ja auch. Im privaten Rahmen kann Achtsamkeit das Leben bereichern. Sie kriegt jedoch Reißzähne, wenn das Thema in den politischen Raum überschwappt und zur Ideologie wird. Wenn also Politik oder Wirtschaft Entwicklungen anstoßen, die für uns Normalbürger das Leben ärmer, anstrengender und unsicherer machen. Und wenn die Verursacher auch noch die Stirn haben, uns das als unabänderliche Situation zu verkaufen, an die wir uns gefälligst anzupassen haben.

    Strukturelle Probleme? Nee, das Problem hast nur du!

    Nie wird jemand zugeben, dass etwas ein gesellschaftliches oder strukturelles Problem ist. Nein, das Problem hast nur du, und es ist allein deine Aufgabe als Individuum, es irgendwie zu bewältigen.

    Beispiele? - Bitte sehr!

    • Die Bahn wurde kaputtgespart, und nun heißt es allen Ernstes, du sollst Verspätungen und Wartezeiten als geschenkte Freizeit betrachten. Solche Artikel habe ich tatsächlich schon gelesen.
    • Dein Team im Job wird auf halbe Mannschaftsstärke reduziert, die Arbeitsmenge bleibt gleich, und dir kommen sie mit Seminaren für Selbstorganisation und mit Yoga.

    Zefix nochmal, wenn ich ein paar Stunden meine Ruhe haben will, dann setze ich mich zuhause aufs Sofa oder in den Garten – aber doch nicht in die Bahn! Und bei nicht zu bewältigender Arbeitsverdichtung brauchen wir kein Yoga, sondern einen Betriebsrat!

    Wir sollen uns ändern und nicht die Situation?

    Diese Art, die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen, hat mich schon vor über 30 Jahren aufgeregt. Hilfreich wäre es, die Situation zu verändern, nicht das Selbst. Das Selbst war ja nicht das Problem, das hat bislang tadellos funktioniert. Aber Leute, die wegen Missständen wütend werden und sich gar organisieren, sind nicht gern gesehen. Die könnten ja eine Änderung herbeiführen! Wer den Status quo bewahren will, dem ist es natürlich lieber, wenn jeder für sich in seinem stillen Kämmerlein sitzt und an seiner persönlichen Einstellung arbeitet.

    Wer trotzdem nicht klarkommt, hat eben nicht gut oder lange genug meditiert. Ein klassischer Fall von Schuldumkehr! Der „Gescheiterte“ schämt sich, bemüht sich weiter um Ruhe und Gelassenheit, und alles bleibt, wie es ist. Sehr bequem – nur nicht für dich und mich.

    Zynische Achtsamkeitsprediger

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    Kann man diese Art von zynischen Achtsamkeitspredigern nicht sanft aber bestimmt gegen die Wand pressen und sagen: „So, das ist der Druck von außen. Und den atme jetzt bitte selig lächelnd weg!“? Das hätte ich damals, als ich die Zusammenhänge zu ahnen begann, am liebsten gemacht.

    In den 90er-Jahren habe ich mich mit meiner Interpretation der Lage noch ziemlich allein gefühlt. Deshalb freut es mich, wenn nun laut und deutlich benannt wird, was Sache ist. Die Autorin stellt dazu noch ein paar wichtige Fragen:

    Wie konnte es so weit kommen? Warum machen wir da bereitwillig mit? Und wie kommen wir aus dieser Nummer wieder raus? - Nicht alles, was wir dazu lesen werden, wird uns gefallen, denn nicht nur Politiker und Unternehmer kriegen hier ihr Fett weg.

    Warum machen wir da eigentlich mit?

    Zunächst zur Frage warum wir seit den 1990er Jahren so „achtsamkeitshungrig“ geworden sind. Stark verkürzt: Weil das Leben seitdem immer stressiger, schneller, bedrohlicher und unsicherer wird.

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    Unsere Wirtschaft lebt vom Wachstum, aber das ist nicht unendlich möglich. Die fetten Jahre sind vorbei, die Krisen häufen sich. In den 90ern kommt auch prompt das ideologische Achtsamkeits-Gedöns auf: „Veränderungen sind keine Option, also pass dich durch bessere Gefühle der Situation an!“

    Und warum sagen wir nicht einfach „nein!“ dazu? – Na ja: Es ist schon bequem, sich in sein eigenes Inneres zurückzuziehen und sich nicht mit abstrakten Fragen der Wirtschaft und Politik herumschlagen zu müssen. Und wenn „wir“ wissen, wie man richtig denkt, empfindet und lebt, gibt das „uns“ auch ein Gefühl der moralischen Überlegenheit.

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    Wir können uns überheblich von denen abgrenzen, die andere Prioritäten haben, was zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Wir zeigen mit dem Finger aufeinander, streiten über Nebensächlichkeiten, und die eigentlich wichtigen Themen bleiben ausgespart.

    „So hinken wir seelisch und geistig den Sachverhalten hinterher und haben nicht begriffen, dass es vor allem der Sieg der wirtschaftlichen Kräfte über die soziale Demokratie ist, der unser Leben so anstrengend macht. Diese Einsicht fällt uns schwer, weil der Zwang, den diese Kräfte ausüben, unsichtbar ist und weil die neoliberale Kultur kollektive soziale Probleme zu individuellen psychischen macht.“ (Seite 127)

    Die großen Hebel sind politisch

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    Wie gesagt: in der öffentlichen Sphäre ist Achtsamkeit nicht unbedingt die richtige Lösung – hier hilft nur bessere Politik. Ich-Besessenheit und obsessive Selbsterforschung bringen uns nicht weiter. Und was können wir tun, damit es besser wird?

    Patentlösungen hat die Autorin nicht, wohl aber ein paar Ideen und Vorschläge. Es ist schon mal ein guter Anfang, wenn uns klar ist, dass Achtsamkeit allein die Welt nicht retten wird und moralische Grabenkämpfe nur Energie kosten.

    Die großen Hebel, die zu bewegen wären, sind politisch. Das heißt, wir müssten uns zusammentun und uns harten Interessenkonflikten stellen.

    „Diese Kämpfe werden nicht auf dem Meditationskissen ausgetragen, ‚sondern auf der Straße, im Parlament und im öffentlichen Streit.‘“ (Seite 249)

    Der Rückzug ins Private ist nur Egozentrik, die sich als Selbstfürsorge tarnt.

    Interessante Aha-Erlebnisse

    Das Buch hat mir interessante Aha-Erlebnisse beschert, auch wenn ich nicht immer die nötige Geduld aufbringe, mich durch -zig verschiedene Experten-Definitionen und deren Schwachstellen zu kämpfen. (Da macht es uns die Naturwissenschaft leichter: Es gilt X, bis wir neue Erkenntnisse haben.) Ich habe viel gelernt – und es ist eine schöne Bestätigung zu sehen, dass die eigene gefühlte Wahrheit so einen soliden Unterbau hat.

    Die Autorin

    Kathrin Fischer, geb. 1967, war 15 Jahre Redakteurin und Moderatorin beim Hessischen Rundfunk. Seit 2022 hostet sie den Podcast 'Erschöpfung statt Gelassenheit – warum Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist'. Sie lebt mit ihrer Familie bei Flensburg.

  • Karen Kliewe – Die Brandung: Blutfänger

    • Vandam
    • 21. April 2026 um 10:10

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    Karen Kliewe: Die Brandung – Blutfänger. Ein Ostsee-Krimi (Band 4), München 2026, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-26453-2, Klappenbroschur, 366 Seiten, Format: 13,6 x 3 x 21 cm, Buch: EUR 16,00, Kindle: EUR 12,99, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Jetzt war es an Fria, tief durchzuatmen. Familie! Manchmal möchte man einfach nur weg!“ (Seite 361)

    „Das alles tat ihm unendlich leid. Für Mølgaard und seine Familie ebenso wie für die Svenssons. Wenn einer wusste, was falsche Entscheidungen anrichten konnten, dann er.“ (Seite 353)

    Archäologin Fria gräbt in alten Familiengeschichten

    Dieses Mal gräbt die dänische Archäologin und Ex-Polizeischülerin Fria Svensson (40) nicht im Erdreich, um den Geheimnissen der Vergangenheit auf die Spur zu kommen, sondern in den Lebensgeschichten nahestehender Mitmenschen. Und ob es ihm passt oder nicht, steht ihr dabei der deutsche Kriminalhauptkommissar Ohlsen zur Seite.

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    Er mag sie, kennt ihren Hang zu lebensgefährlichen Alleingängen und bringt es einfach nicht über sich, sie im Stich zu lassen, wenn sie sich wieder mal in einen Kriminalfall verbeißt.

    Ähnlich widerwillige Unterstützung erfährt Fria von ihrer Familie: Vater Eskild und ihre Brüder Troels und Jais sind bei der dänischen Polizei, ihr Bruder Matthis ist Staatsanwalt.

    Was verbirgt der Freund ihres Mitbewohners?

    Was also heckt sie dieses Mal aus? Wir erinnern uns: Ihr WG-Mitbewohner, der labile und nicht besonders lebenstüchtige Künstler Marten, hat einen neuen Lebensgefährten. Poul-Aage Justesen, einen Logistiker aus Dänemark. Ein Bär von einem Mann, aber sehr freundlich und sensibel. So gern Fria diesen Kerl mag: irgendwas stimmt nicht mit ihm! Sie hat schon ihre Brüder auf ihn angesetzt und die haben festgestellt, dass es einen Mann dieses Namens gar nicht gibt.

    Bei der erstbesten Gelegenheit verschafft sie sich Zutritt zu Pouls Wohnung und findet dort, gut versteckt, eine Rocker-Kutte der Outlaw Motorcycle Gang MB28. Das sind keine Chorknaben! Und es gibt keine Möglichkeit, wie er zufällig an diese Kutte gekommen sein könnte. Wer so ein Kleidungsstück hat, gehört zur Gang, basta.

    Es gibt also genau zwei Möglichkeiten: Entweder Poul ist noch aktives Gangmitglied und macht Marten was vor, vielleicht, um an dessen wohlhabende Familie heranzukommen. Oder er meint es ernst mit ihm, dann macht er der Gang etwas vor. Doch weshalb hätte er dieser Gruppe überhaupt beitreten sollen und wollen? Der Poul, den sie alle kennen, verabscheut deren Ansichten.

    Plötzlich verschwunden – aber nicht freiwillig!

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    Noch halten Kommissar Ohlsen und die Svenssons Frias diesbezügliche Nachforschungen für einen Spleen. Sie spioniert Poul doch nur hinterher, weil sie ihren Mitbewohner Marten beschützen will! Der ist für Fria sowas wie ein vierter kleiner Bruder. Doch dann verschwindet Poul. Dass er das nicht freiwillig getan hat, davon ist auszugehen: Jemand hat seine Nachbarin überfallen, gefoltert und seinen Aufenthaltsort aus ihr herausgepresst. So, wie die alte Dame den Täter beschreibt, dürfte das einer aus der Führungsriege der Rockergang gewesen sein. - Was ist das jetzt für eine Entwicklung? Jedenfalls keine gute!

    Plötzlich ist auch Marten wie vom Erdboden verschluckt. Fria und Ohlsen sind sicher, dass die beiden in Lebensgefahr schweben. Sie können nicht warten, bis die Polizeimaschinerie diesseits und jenseits der deutsch-dänischen Grenze anspringt. Sie machen sich unverzüglich auf den Weg ins dänische Hauptquartier der MB28. Kommen sie noch rechtzeitig, um Poul und Marten zu retten? Was können sie überhaupt zu zweit gegen so eine Organisation ausrichten?

    Trügerische Kindheitserinnerungen

    Auf jeden Fall wissen sie inzwischen, dass hinter Pouls widersprüchlichem Verhalten eine dramatische Familiengeschichte steckt – und eine Abfolge zweifelhafter Entscheidungen. Fria Svensson ist insgeheim froh, dass ihre Brüder und sie in einem so liebevollen Umfeld aufgewachsen sind, auch wenn sie ihre Mutter früh verloren haben und ihr alleinerziehender Vater aufgrund seines Berufs nicht viel Zeit für sie hatte.

    Tja … und dann macht ein Unbekannter mit makaberen und strafbaren Aktionen auf einen rätselhaften Verkehrsunfall mit zwei Todesopfern aufmerksam, der sich vor über 30 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft der Svenssons ereignet hat.

    Spoiler anzeigen

    Die Polizei ermittelt wegen der aktuellen Straftaten und Fria fragt die Leute aus ihrer Heimatgemeinde über den Unfall von damals aus. Dabei erfährt sie mehr, als ihr lieb ist - auch über ihre eigene Familiengeschichte.

    Kommissar Ohlsen hat einen Verdacht, wer die Aufmerksamkeit auf den Unfall von 1990 lenken wollen könnte. Fria will davon nichts hören. Doch als einem ihr nahestehenden Menschen Gefahr droht, ist sie zu allem bereit. Es kommt wieder zu einem ihrer berüchtigten Alleingänge …

    Krimi und Familiendrama

    Ist das jetzt ein Krimi oder ein Familiendrama? - Beides. Eingebettet in zwei voneinander unabhängige Kriminalfälle geht es um Familien, die ihre Geheimnisse haben und auf unterschiedliche Weise dysfunktional sind. Und es geht um spontan getroffene Fehlentscheidungen, die starke Auswirkungen auf die Zukunft etlicher Menschen haben.

    Die Geschichte von Poul, die sich schon in den vorangegangenen Bänden abgezeichnet hat, ist zum Teil recht brutal. Ich fand sie aber deutlich mitreißender und plausibler als die Dramen rund um den Verkehrsunfall. Die Unfallgeschichte war mir zu kompliziert konstruiert.

    Spoiler anzeigen

    Da hängen so viele Leute mit drin …! Mir hätte es gereicht, wenn die Wahrheit durch inoffizielle Nachforschungen ans Licht gekommen wäre. (So, wie es ist, ist es natürlich spannender.)

    Die Polizei ermittelt – Fria handelt

    Ich mag es, wie die Ermittler in dieser Reihe in unserer Gegenwart denken und argumentieren und so auf nachvollziehbare Weise zu ihren Schlussfolgerungen gelangen. Dass es nicht nur beim Reden bleibt, dafür sorgt schon Fria, die irgendwann einfach handelt – nicht immer wohldurchdacht, aber oft sehr erfolgreich.

    Beim nächsten Band, so heißt es, gibt’s wieder mehr Archäologie. Worum es beim kommenden Fall gehen wird, wird schon auf den letzten Seiten dieses Buchs angerissen. Ich wäre auf jeden Fall gerne wieder dabei.

    Die Autorin

    Karen Kliewe, Jahrgang 1970, hat als Fotografin, Illustratorin und Grafik-Designerin gearbeitet, bevor sie das Krimischreiben entdeckte. Sie lebt mit ihrer Familie im Westfälischen.

  • Katharina Fuchs - Vor hundert Sommern

    • Vandam
    • 16. April 2026 um 14:50

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    Katharina Fuchs: Vor hundert Sommern. Roman, München 2025, Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-56127-0, Hardcover mit Schutzumschlag, 542 Seiten, Format: 15,1 x 4,4 x 22 cm, Buch Hardcover: EUR 24,00, Buch Softcover: EUR 13,99, Kindle: EUR 16,99, auch als Hörbuch erhältlich.

    „Es war so viel anders, als ihr denkt“, murmelte Elisabeth. „Ich habe es so lange für mich behalten, weil … weil meine Mutter … weil ich nicht anders konnte, weil sie es so wollte und weil ich dachte, es wäre besser so.“ (Seite 387/388)

    Berlin und Hamburg 2024: Über Jahrzehnte hinweg hat sich die Familie Brand/Liebig/Petersen mit ausweichenden Antworten auf Fragen nach ihrer Familiengeschichte abspeisen lassen. Nie scheint jemand versucht zu haben, einen Stammbaum zu erstellen, denn dabei wäre unweigerlich ans Licht gekommen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Doch Familiengeheimnisse bleiben selten auf Dauer geheim.

    Anja und Lena lösen Omas Wohnung auf

    Im Januar 2024 beginnt Anja Petersen (57) die Eigentumswohnung ihrer Mutter in Berlin auszuräumen. Elisabeth Liebig (94) lebt jetzt in einem Seniorenheim in Hamburg, ganz in der Nähe ihrer Tochter. Die Berliner Wohnung soll verkauft werden.

    Weil Anja, System-Administratorin in einer Hochschulbibliothek, allein mit dem Räumen der Wohnung überfordert ist, spannt sie ihre jüngste Tochter Lena (19) ein.

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    Die studiert in Berlin Produktdesign, hat erstaunlich viel Freizeit und kann sich deshalb durch Großmutters Besitztümer wühlen, wenn Anja beruflich unabkömmlich ist. Von Anjas ältester Tochter Anabel (25), die als Influencerin und Content-Creator in Köln lebt ist ebenso wenig Hilfe zu erwarten wie von Anjas Mann Stefan. Die halten sich da schön raus.

    Was wollte Oma mit einer Pistole?

    Lena quartiert sich also samt Hund Finn in Omas Wohnung ein und nimmt sich viel Zeit, alles zu sichten. Das lenkt sie vom ungeliebten Studium ab. Und es ist ja auch interessant, was Oma alles angehäuft hat, vor allem auf dem Dachboden: Dokumente, nie gesehene Fotoalben, die Ausrüstung eines Hundesalons und, gut versteckt, eine rund hundert Jahre alte Pistole!

    Wer war die mondäne Clara, die offenbar in den 20er-Jahren in Berlin einen Hundesalon betrieben hat, wie man in einem Album sehen kann? Warum hat sich jemand die Mühe gemacht, aus den Familienalben sämtliche Fotos von Elisabeths Vater – also Lenas Urgroßvater – zu entfernen? Wofür bittet Clara bei Elisabeths Mutter Mathilde so flehentlich um Entschuldigung? Und vor allem: Was hat es mit der Waffe auf sich?

    Die einzige Person, die diese Fragen noch beantworten kann, ist Oma Elisabeth. Auf die Funde angesprochen, erzählt sie zunächst widerwillig und so schleppend, als wolle sie sich davor drücken, eine schreckliche Wahrheit auszusprechen.

    Ein schreckliches Familiengeheimnis

    Berlin in den 1920er- und 1930er-Jahren: Clara Brand, geboren 1904, stammt aus einfachen Verhältnissen und schuftet schon im Teenageralter als Flaschenspülerin in einer Brauerei. Ihre Familie braucht das Geld. Clara ist fleißig und gewissenhaft, aber sie lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Kritisches Denken und Zivilcourage hat sie von ihrem Vater, einem Journalisten, gelernt.

    Spoiler anzeigen

    Dass sich Vorarbeiter Pahlke immer wieder an jungen Arbeiterinnen vergreift, nimmt sie nicht widerspruchslos hin. Das bringt ihr zwar die Loyalität und Bewunderung ihrer Kolleginnen ein,

    doch ihren Job ist sie los. Was sie rettet, ist ihr Talent, mit Hunden umzugehen. So kommt sie auf Umwegen zu einer Anstellung in einem Hundesalon.

    Großtante Clara – mutig und unkonventionell

    Niemand traut Clara zu, sich nach ein paar Jahren mit einem eigenen Salon selbstständig zu machen. Doch nach anderer Leute Meinung hat sie noch nie gefragt. Dass sie sich geraume Zeit nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann, mag für viele ein Skandal sein, für Clara ist es einfach eine Tatsache:

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    Zum russischen Emigranten Aleksei, einem engagierten Kommunisten, fühlt sie sich hingezogen. Der Automechaniker Willy jedoch wäre besseres „Heiratsmaterial“. Wie soll sie sich entscheiden, zumal sie tief in Alekseis Schuld steht?

    Claras Schwester, die Apothekenhelferin Mathilde, ist da schon längst verheiratet und hat zwei Kinder, Fritz und Elisabeth. Was, um Himmels Willen, ist zwischen den beiden Schwestern vorgefallen, das den Rest ihres Lebens zwischen ihnen stand?

    Eine inspirierende Vorfahrin

    Oma Elisabeth zögert bei ihren Erzählungen die Wahrheit immer weiter hinaus und Enkelin Lena hat schon Angst, dass sie das Ende der Geschichte nie erfahren wird. An ihrem 95. Geburtstag lässt Elisabeth Liebig schließlich die Bombe platzen.

    Selbst wenn sie das nicht getan hätte, wäre ihre Rückschau auf die Familiengeschichte nicht für die Katz gewesen: Das Leben der unkonventionellen (Ur-)Großtante Clara, wenn es auch nicht perfekt war, wirkt auf ihre Nachfahrinnen inspirierend.

    Spoiler anzeigen

    Anja Petersen, die mit den Zuständen an der Uni hadert, an der sie arbeitet, fasst Mut zu einem Neustart. Wenn Clara sich nicht um die Meinung anderer Leute geschert hat, unbeirrbar ihren Weg gegangen ist und damit erfolgreich war, warum sollte das dann nicht auch bei Anja funktionieren?

    Es ist gar nicht notwendig, dass Anja immer zurücksteckt um sich um ihr komplettes Umfeld zu kümmern. Die meisten Menschen sind durchaus in der Lage, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Es ist für sie nur bequem, wenn Anja das macht. Und Studentin Lena stellt im Lauf von Omas Erzählungen fest, dass sie mehr ist als nur das arme Hascherl, für das sie sich bis jetzt immer gehalten hat. Sie hat Ideen, sie hat Ziele, sie hat eine Meinung und eine Haltung, die sie sehr wohl zu vertreten weiß. In Clara hat Lena ein starkes Vorbild.

    Oma macht’s spannend

    Der Roman springt zwischen der Gegenwart (Elisabeth und ihre Nachkommen) und der Vergangenheit (Clara Brand) hin und her. Es ist aber stets klar, wann und wo die Geschichte gerade spielt. Wie die ungeduldige Enkelin zappeln wir der rückhaltlosen Aufklärung der Familiengeheimnisse entgegen. 😊

    Was vor annähernd 100 Jahren in der Familie vorgefallen ist, habe ich schon verstanden, auch die damit verbundenen Schuld- und Schamgefühle. Mir ist nur nicht klar, warum Mathilde ihre Schwester für die dramatischen Entwicklungen verantwortlich macht. Aus meiner Sicht war das eine Verkettung unglücklicher Umstände,

    Spoiler anzeigen

    verbunden mit einem unzureichenden „Briefing“ der Kinder. Nichts davon war Claras Schuld. Aber gut: Mathilde hat das eben so empfunden.

    Ich habe diese allmähliche Enthüllung der Familiengeschichte mit Spannung und Interesse gelesen. Okay: Die politischen Auseinandersetzungen an den Universitäten sind für meinen Geschmack ein wenig zu plakativ geraten. Das mag aber eine Einzelmeinung sein. Ein paar Erbsen muss ich auch noch zählen: Wie heißt Anjas Kollegin Esther mit Nachnamen? „Sturm“ (Seite 158) oder „Rosenthal“ (Seite 319)? Und so, wie Lena recherchiert, wird sie Urgroßtante Claras Freund nicht finden. Alekseis Familienname müsste „Volkov“ gelautet haben.

    Die Autorin

    Katharina Fuchs, geboren 1963 in Wiesbaden, verbrachte ihre Kindheit am Genfer See, bevor sie zurück nach Deutschland zog. Nach ihrem Jurastudium in Frankfurt am Main und in Paris wurde sie Rechtsanwältin und Justiziarin eines DAX-notierten Unternehmens. Sie lebt mit ihrer Familie im Taunus.

  • Simone Dorra - Unten im Keller

    • Vandam
    • 16. April 2026 um 14:46

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    Simone Dorra: Unten im Keller. Kriminalroman, Welzheim 2026, Independently published mit tolino media, ISBN 978-3-81942252-2, Softcover, 330 Seiten, Format: 12,5 x 2,4 x 19 cm, Buch: EUR 13,99, Kindle: EUR 4,99.

    „Sanna Schneider, Kripo Reutlingen. Ich wüsste gern, ob Sie in den letzten vier Jahren etwas von Ihrem ehemaligen Klassenkameraden Adrian Behrens gehört haben.“
    „Nicht, dass ich wüsste. Wieso?“
    Sie musterte ihn unverwandt. „Weil Adrian Behrens vor zwölf Tagen ermordet worden ist, knapp dreißig Kilometer von hier entfernt.“ (Seite 85)

    Vor einem halben Jahr erst hat sich Kriminalkommissarin Sanna Schneider (Mitte 30) von Nordrhein-Westfalen ins schwäbische Reutlingen versetzen lassen.

    Spoiler anzeigen

    Sie hat einen Neuanfang gebraucht. Nur wenige kennen ihre Vorgeschichte und wissen, dass – und warum - sie vor einigen Jahren ihren Namen geändert hat.

    Und jetzt hat sie einen Fall an der Backe, der genau die Erinnerungen wieder aufwühlt, die sie unbedingt hinter sich lassen wollte.

    Ein Toter am Aussichtspunkt

    Doch von vorn: Am Eppenzillfelsen auf der Schwäbischen Alb wird ein junger Mann tot aufgefunden, übel zugerichtet und erschlagen. Wer ist er? Er hat nichts bei sich, was auf seine Identität schließen ließe.

    Aufrufe in den Medien bescheren der Polizei neben den üblichen Wichtigtuern auch den Besuch der Physiotherapeutin Emily Behrens. Sie glaubt, auf den Fotos ihren jüngeren Bruder Adrian zu erkennen. Darüber hinaus weiß sie wenig über den Toten: Nach einem Streit vor 5 Jahren hatte er den Kontakt zu ihr abgebrochen, und sie hat keine Ahnung, wo er sich seitdem aufgehalten hat.

    Wo war der Mann die letzten Jahre?

    Adrian war sehr religiös, sagt seine Schwester, und er wollte immer „das Richtige tun“. Was ihm nicht gut bekommen ist: In naiver Rechtschaffenheit hat er sich vor 4 Jahren mit ein paar gefährlichen Leuten angelegt und ist dann untergetaucht. Nur wo? Eine Spur führt zur christlichen Gemeinschaft „Die Königskinder“ in Nebelstetten auf der Alb. Rund ein Dutzend Leute lebt dort unter spiritueller Leitung auf einem Bauernhof.

    O je, eine Sekte! Das ist Sanna Schneiders „Kryptonit“.

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    Sie hat in einer solchen Gemeinschaft gelebt, noch dazu in einer besonders grausamen. Das ist jetzt über 20 Jahre her, doch wirklich verarbeitet hat sie die traumatisierenden Erfahrungen von damals noch nicht. Schafft man das jemals?

    Mit dem Terrorregime ihrer Kindheit und Jugend ist die Gemeinschaft der Königskinder offenbar nicht zu vergleichen. Alles wirkt hier nett, freundlich und freiwillig. Und wie sich herausstellt, hat Adrian Behrens tatsächlich eine Weile dort gelebt. Er war allgemein beliebt – und jetzt ist er tot.

    Das ist noch nicht alles: Vor zwei Jahren ist ein Mitglied dieser Gruppe unter mysteriösen Umständen verschwunden. Ganz so paradiesisch, wie es den Anschein hat, kann es auf dem Hof der Königskinder also nicht zugehen. Sanna Schneider wundert das nicht.

    Undercover in die Sekte

    Sie schlägt vor, als verdeckte Ermittlerin in die Gemeinschaft einzutreten, auch wenn ihr die Flashbacks wahrscheinlich entsetzliche Alpträume bereiten werden. Ausgestattet mit falschem Namen und einer glaubhaften Legende wird sie also zum Königskind. Doch stets in ihrer Rolle zu bleiben und Gruppenmitglieder anzulügen, die ihr sympathisch sind, fällt ihr schwerer als gedacht.

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    Nach ein paar Wochen Undercover-Einsatz wird Sannas Chef ungeduldig. Wenn sie nicht bald Ergebnisse liefert, zieht er sie dort ab. Doch dann gibt’s im Umfeld der Glaubensgemeinschaft ein weiteres Verbrechen, und nun ist auch Sannas Chef klar: Hier stimmt was nicht! Genau dasselbe denkt derjenige, der Sannas Aktivitäten schon eine Weile misstrauisch beäugt …

    Normalerweise bin ich nicht begeistert, wenn das Privatleben eines Ermittlers im Fokus steht, hier ist das was anderes! In diesem Krimi ist Sannas problematische Vergangenheit der zentrale Punkt. Aufgrund ihrer Vorgeschichte kann sie ohne große Vorbereitung als angebliches Sektenmitglied überzeugen. Doch ihre Stärke ist gleichzeitig ihre Schwäche, weil dieser Einsatz alte Wunden aufreißt. Es ist fesselnd und beklemmend zu sehen, wie Sanna Schneider in dem Spannungsfeld zwischen den aktuellen Ermittlungen und ihren quälenden Erinnerungen agiert.

    Der Fall ist komplizierter als gedacht

    Die Kommissarin ist überzeugt davon, dass jede Sekte, wie einladend und kuschelig sie sich auch geben mag, ihre Leichen im Keller hat. Bildlich gesprochen. Aber vielleicht ist sie ja voreingenommen. Der Fall ist jedenfalls deutlich komplizierter als sie zunächst meint …

    Routinierte Krimileser:innen ahnen vielleicht, aus welcher Richtung da noch was kommen könnte. Mir ist das nicht gelungen, obwohl die Chance dazu bestanden hat! Ich muss aber nicht unbedingt schlauer sein als die Romanhelden. Auch eine klug aufgebaute Geschichte, bei der mir erst im Nachhinein klar wird, wo ich hätte hellhörig werden können, weiß ich zu schätzen.

    Jetzt wüsste ich noch gern, was ein gewisser Herr Barkhusen zu den Vorgängen damals in Münster zu sagen hat. Da ist für mich noch nicht alles geklärt. Aber vielleicht gibt es ja weitere Sanna-Schneider-Krimis, in denen Fragen wie diese noch beantwortet werden. Ich wäre dabei!

    Die Autorin

    Simone Dorra ist in Wuppertal geboren, hat Buchhändlerin gelernt, ist ins Schwabenland umgezogen, hat dort Radio gemacht, dann geheiratet, drei Kinder in die Welt gesetzt und großgezogen. 2015 kam ihr erstes Buch auf den Markt. Seither sind von ihr insgesamt vierzehn Kriminalromane, Historienkrimis und Familienromane erschienen. Mit ihrem neuesten Buch kehrt sie wieder ins Krimi-Genre zurück.

  • Patrizia Zannini - Commissario Leone und die Toten von Rom

    • Vandam
    • 16. April 2026 um 14:43

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    Patrizia Zannini: Commissario Leone und die Toten von Rom. Kriminalroman, München 2026, Piper Verlag GmbH, ISBN 978-3-492-50929-9, Softcover, 240 Seiten, Format: 12 x 1,9 x 18,5 cm, Buch: EUR 15,00, Kindle: EUR 5,99.

    „Meine Nonna war eine begnadete Kartenspielerin […]. Sie brachte mir als Kind schon bei: Spiele die Karten, die du hast, statt dir andere zu wünschen. Du hast alle Karten gezogen, die du ziehen konntest, mehr gibt’s nicht – also spiel!“ (Seite 228)

    Die „Katzenlady“ schweigt aus Angst

    Rom, kurz vor Ostern: Hätte Eleonora Blasi (74), die auf dem alten Protestantischen Friedhof die verwilderten Katzen versorgt, gleich der Polizei gemeldet, was sie beobachtet hat, wäre viel Unheil verhindert worden! Doch sie berät sich vorsichtshalber mit ihrer Freundin Rina Gallione, die ihr aufgrund eigener Erfahrungen rät, besser ‚von nichts zu wissen‘

    Spoiler anzeigen

    Das ist eine nachvollziehbare Selbstschutzmaßnahme, denn wer weiß, ob der Mann, den Eleonora gesehen hat, nicht auch sie gesehen hat! Also unterbleibt ihre Zeugenaussage, ein wichtiges Beweisstück verschwindet, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

    Der Gärtner und Friedhofsverwalter Vincenzo Lucretti ist es dann, der zwischen den Gräbern über einen übel zugerichteten Leichnam stolpert.

    Mord an einem Minister! – Polizisten unter Druck

    Es dauert, bis Commissario Enzo Leone (32) und seine Kolleg:innen den Toten identifiziert haben: Es handelt sich um Minister Bruno Scarpa (45). Ein prominenter Politiker! Da ist der Druck besonders groß, schnellstmöglich einen Täter zu präsentieren.

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    Was nichts an der Tatsache ändert, dass der Commissario nur die Hälfte seiner Leute zur Verfügung hat. Der Rest ist schon im Osterurlaub.

    Auf den ersten Blick war der Minister unauffällig. Verheiratet, werdender Vater, keine nennenswerten Skandale. Na, gut: bis auf das eine Immobiliengeschäft vor ein paar Jahren, das ein „Gschmäckle“ hatte. Sonst sagt niemand ein böses Wort über ihn.

    Recht schnell trauen sich aber Leute aus der Deckung, die mehr über den Mann wissen. Offenbar war Minister Bruno Scarpa aktuell wieder in ein halbseidenes Bauprojekt verwickelt und hat dabei seinen Geschäftspartner ordentlich vergrätzt. Wer dieser Partner ist, ist kein Geheimnis: Der Immobilienmakler Walter Tamietti. Doch die beiden Herren können diese Transaktion unmöglich allein durchgezogen haben. Es muss eine dritte Person geben, die über ein Fachwissen verfügt, das Scarpa und Tamietti nachweislich nicht hatten/haben. Diese dritte Person gilt es zu finden. Doch da stößt selbst der begnadete IT-Forensiker Vanni Amidei an seine Grenzen, trotz seiner, sagen wir mal: kreativer Methoden.

    Wer hatte Zugang zum Tatort? Zu viele!

    Auch eine gute Frage: Was hat der Minister eigentlich auf dem alten Friedhof gewollt? Er ist abends dort ermordet worden, also muss entweder er oder der Täter einen Schlüssel zum Friedhofstor gehabt haben, sonst wären sie nicht aufs Gelände gekommen. So einen Schlüssel besitzen aber nur drei Leute: Friedhofsverwalter Andy Brodie, Gärtner Vincenzo Lucretti und die Katzenlady Eleonora Blasi. Zumindest offiziell …

    Jetzt drehen die Polizisten das Leben all derer auf links, die in irgendeiner Weise mit dem Friedhof zu tun haben. Sie erfahren Erstaunliches, aber nichts, was sie weiterbringt. Die einen hatten kein Motiv, die anderen keine Gelegenheit oder nicht die körperlichen Voraussetzungen, um den Minister derart zuzurichten. Aufgrund der Spurenlage ist klar, dass nur zwei Menschen am Tatort waren: Opfer und Täter.

    Zwei weitere Tote und ein neuer Ansatz

    Der Druck auf die Ermittler steigt weiter, als noch zwei Männer auf recht ähnliche Weise getötet werden wie Bruno Scarpa. Der eine mag ein Zufallsopfer sein, der andere stammt definitiv aus dem unmittelbaren Umfeld des Ministers.

    Ganz beiläufig macht Dottore Franco Bastino, der Leiter der Rechtsmedizin, eine Bemerkung, die den Commissario hellhörig werden lässt. Wenn es so ist, wie der Dottore sagt, gibt das dem Fall Bruno Scarpa möglicherweise eine völlig neue Wendung …!

    Viele Köpfe, viele Ideen – ein Team

    Wie die Wissenschaftler irren sich die Ermittler hier vorwärts: Eine Theorie wird aufgestellt, akribisch überprüft und notfalls wieder verworfen. Dann kommt die nächste. Das kann für die Beamten frustrierend sein, für die Leser:innen bleibt’s interessant. Dafür sorgen schon die unterschiedlichen Charaktere und Temperamente der Polizisten. Sie kennen einander gut, und manch einer muss für seine Eigenheiten den gutmütigen Spott seiner Kollegen einstecken: die pingelige Profilerin, der einschüchternde Ispettore, der bisweilen übereifrige IT-Forensiker mit dem losen Mundwerk …

    Viele Expert:innen, viele Denkansätze und Meinungen. Doch ob und wie die aktuellen Tötungsdelikte zusammenhängen, hat bis jetzt noch keiner von ihnen herausbekommen. Ein jäher Geistesblitz führt schließlich zu einem spontanen Alleingang. Daraus wird unversehens eine hochdramatische Konfrontation …

    Die Armen, die Reichen und die dazwischen

    Die Ermittlungen führen den Commissario und seine Leute – und damit auch uns Leser:innen – in die unterschiedlichsten Milieus der Stadt.

    Spoiler anzeigen

    Von den armen Schluckern, die kaum über die Runden kommen, bis zu den Reichen und Schönen, die mit Millionen um sich werfen. Dazwischen sind all diejenigen, die sich wünschen, dass das Schicksal ihnen bessere Karten zugeteilt hätte. Mancher legt sich nun tierisch ins Zeug, um seine Situation zu verbessern, andere resignieren still und wieder andere versuchen, sich einen unfairen Vorteil zu verschaffen, indem sie, bildlich gesprochen, mit gezinkten Karten spielen. Das kann gutgehen, muss aber nicht.

    Auch wenn die Krimireihe nach dem sympathischen jungen Commissario heißt: Die Lösung eines Falls ist immer eine Ensemble-Leistung. Nur weil die Kollegen zusammenarbeiten und einander gut ergänzen, sind sie so erfolgreich.

    Und jetzt auf nach Rom!

    Ich war noch nie in Rom, aber nach den Beschreibungen in diesem Krimi würde ich gerne mal das Garbatella-Viertel sehen, in dem die Katzenlady wohnt – und den Friedhof natürlich. Den kann man online in Augenschein nehmen, indem man beispielsweise nach „Cimiterio Accatolico“ googelt. Ich habe sogar Bilder mit Signora Blasis Katzen gefunden. 😉

    Die Autorin

    Patrizia Zannini wurde in Stuttgart geboren. Sie ist gelernte Fotografin und hat Werbung studiert, danach war sie bei einem Stuttgarter Verlag als Konzeptionerin und Texterin tätig. Nach der Geburt ihrer beiden Söhne arbeitete sie als freie Werbetexterin und veröffentlichte ihre ersten Bücher. Seit Erscheinen ihres erfolgreichen Debütromans »Malocchio – der böse Blick« widmet sie sich ganz dem Schreiben. Als Tochter eines italienischen Vaters verbrachte sie in der Kindheit und Jugend viel Zeit in Rom und in Italien. Mit ihrer Krimi-Reihe, »Italia mortale«, kehrt sie nach Rom zurück und entführt die Leserinnen und Leser in die Ewige Stadt, und dabei schwingt deutlich ihre Liebe zu ihrer zweiten Heimat mit. Patrizia Zannini lebt mit ihrer Familie in Stuttgart und Berlin.


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