Kirsten Schützhofer - Die Kalligraphin

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    Kurzbeschreibung
    Eine starke Frau zwischen Kunst und Verbrechen
    1689: Als Sklavin gelangt die junge Habar aus ihrer Heimat Ungarn auf das Gut Schwarzbach in Sachsen. Dort wird das exotisch aussehende Mädchen bestaunt, aber auch wegen seiner Fremdartigkeit und seines muslimischen Glaubens angefeindet. Kraft schöpft sie aus der Kunst der Kalligraphie, die ihr Vater sie gelehrt hat. Als sie jedoch gezwungen wird, diese besondere Fähigkeit zur Fälschung von Dokumenten einzusetzen, gerät Habar in höchste Gefahr ...


    Ein opulenter, genauestens recherchierter historischer Pageturner - mit Zeittafel und Glossar.





    Die Kalligraphin


    Wiedereinmal schaffte Kirsten Schützhofer mich mit ihrem Roman absolut zu fesseln und mir ein Stück Geschichte näher zu bringen, dass mir bis dato ziemlich unbekannt war. Ausgehendes 17. Jahrhundert, die Zeit der Türkenkriege und der Beutetürken.


    Gleich von der ersten Seite an schafft die Autorin eine Spannung zu erzeugen, die sich durch das ganze Buch hindurch zieht. Das Massaker in der Stadt Ofen (heute Budapest) und die Entführung der Geschwister Ibrahim und Habar nach Deutschland ist der Beginn der Geschichte. Die unterschiedlichen Kulturen und die unterschiedlichen Entwickungen der Geschwister ist der Grundstock. Das ganze in einem Familien Epos verpackt, das ist der Rahmen der Handlung.
    Ibrahim und Habar kommen als Sklaven in eine deutsche Familie. Wegen ihrer Fremdartigkeit werden sie von den Meisten verrachtet bzw. tatsächlich wie Menschen 2. Klasse behandelt.


    Die Personen sind sehr facettenreich und haben alle ihre Stärken und Schwächen, das macht sie umso glaubwürdiger. Manche der Personen sind mir während des Lesens sehr ans Herz gewachsen, andere konnte ich so richtig verachten. Durch ihre lebhafte Sprache schafft Kirsten Schützhofer es, dass ich das Geschehen regelrecht vor mir sehen konnte.


    Das Buch war ein absolutes Highlight und ein wunderbares Leseerlebnis.


    5ratten



    EDIT: Habe den Betreff etwas angepasst. LG Seychella

    Gruß Mascha

    Einmal editiert, zuletzt von Seychella ()

  • Hier dann noch meine Rezension zu dem Buch. :smile:


    Meine Zusammenfassung:


    Eines Tages gerät die Welt der beiden jungen Geschwister Habar und Ibrahim aus allen Fugen. Soldaten stürmen ihr Dorf, plündern ihr Elternhaus und töten ihre Eltern. Zudem werden sie gefangengenommen und nur dem beherzten Eingreifen eines sächsischen Offiziers, der beide bei einem nicht ganz so ehrlichen Würfelspiel, gewinnt, ist es zu verdanken, dass Habar nur knapp einer Vergewaltigung entgeht.
    Stattdessen befinden sie sich nun im Besitz des Offiziers Georg von Hartleben, der beide mit in seine sächsische Heimat nimmt, wo sie sich auf seinem geerbten Landgut als billige Arbeitskräfte verdingen sollen.
    Es wird eine sehr schwere Zeit für das Geschwisterpaar, denn ihre fremdländische Herkunft, ihr Glauben und ihr anderes Aussehen sorgen zunächst für einiges Misstrauen unter der Bevölkerung. Besonders auch bei Rupert von Hartleben, Sohn des verstorbenen älteren Bruders von Georg, der beide verhasst verfolgt und nur auf eine günstige Gelegenheit wartet, Ibrahim und Habar endgültig loszuwerden.


    Nach einer gewissen Zeit der Eingewöhnung ist es zunächst Habar, die sich dazu entschließt, die Sprache der Ungläubigen und ihre Schrift zu erlernen. Diese Möglichkeit bietet sich ihr, als sie sich mit einem venezianischen Maler anfreundet, der auf dem Gut arbeitet und sie in die Kunst des Schreibens einweiht.
    Ibrahim weigert sich weiterhin, sein neues Leben zu akzeptieren- selbst als der Sohn seines „Besitzers“, Karl immer wieder seine Nähe sucht und mit ihm Freundschaft schließen möchte.
    Als Georg von Hartleben von Habars erlernter Kunstfertigkeit erfährt, bringt er sie dazu, für ihn wichtige Dokumente zu fälschen- eine Tat mit weitreichenden Folgen, nicht nur für Georg, sondern auch für Habar.


    Jahre später kommt es jedoch zu einem Ereignis, das dazu führt, dass Ibrahim und Habar getrennt werden. Habar wird an einen anderen reichen Mann verkauft, der sie als Gesellschafterin für seine Tochter haben möchte.
    Habar ist verzweifelt und hofft dass sie von ihrem Bruder gerettet wird, doch die Jahre vergehen. Immer wieder wird sie von der Familie ihres neuen Besitzers dazu genötigt, endlich den christlichen Glauben anzunehmen, doch sie weigert sich vehement - hat sie doch das Gefühl ihre getöteten Eltern und ihren Bruder dabei zu verraten.
    Wird das Schicksal Habar und Ibrahim jemals wieder zusammenführen?


    Meine Einschätzung:


    Kirsten Schützhofer gelingt es meiner Meinung nach sehr gut, mit ihrem Roman „Die Kalligraphin“ dem Leser einen Eindruck eines bisher in historischen Romanen eher selten angesprochenen Teiles der deutschen Geschichte zu verschaffen und die Sorgen und Ängste der muslimischen Gefangenen und ihre Erlebnisse in einer völlig fremden Umgebung realistisch darzustellen. Trotzdem ist dieser Roman keineswegs „trockene, schwere Romankost“.


    Die anfängliche Geschichte um das muslimische Geschwisterpaar fern der Heimat entwickelt sich stetig mit seinen Haupt und Nebenfiguren, die durchaus auch charakterliche Schwächen aufweisen, dadurch jedoch viel authentischer erscheinen; weiter, bis sie sich endgültig zu einer Familiensaga ausweitet und der Leser schließlich miterlebt, wie Gefühle wie Hass, Misstrauen und Ablehnung von beiden Seiten, sich im Laufe der Zeit umkehren in Freundschaft, Verständnis, Liebe und Vergebung.
    Aber auch die geschichtlichen Hintergründe der Zeit fließen immer wieder am Rande in die Story mit ein und sorgen zusammen mit Georg von Hartlebens folgenschweren Entschluss wichtige Dokumente von Habar fälschen zu lassen und der gefährlichen Entwicklung die das Ganze nach sich zieht, für spannende Unterhaltung.


    Abgerundet wird der unterhaltsame, historische Roman durch Kirsten Schützhofers sehr gute Ausdrucksweise und einem interessanten Ende des Buches, das viel Hoffnung auf die Zukunft mit einfließen lässt.


    Einzig die Länge dieses Romans ist mit 636 Seiten (die restlichen Seiten des Buches beinhalten ein interessantes Nachwort der Autorin, Quellenangaben, Zeittafel und Glossar) meiner Meinung nach ein wenig zu viel des Guten- einige Geschehnisse in diesem Buch werden vielleicht ein wenig zu weitschweifig erzählt und weniger wäre in diesem Fall durchaus mehr gewesen.


    Fazit: Ein unterhaltsamer historischer Roman mit leichten Längen.


    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten

  • Kirsten Schützhofer - Die Kalligraphin

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    In dem historischen Roman "Die Kalligraphin" erzählt die Autorin Kirsten Schützhofer die Geschichte von Habar.
    Habar lebt in dem Dorf Budin-Ofen in Ungarn zusammen mit ihrem Bruder Ibrahim und ihren Eltern. Eines Tages im Jahr 1686 überfallen Soldaten ihre Heimat. Viele aus ihrem Dorf wurden einfach umgebracht, andere mit nach Deutschland genommen, wo sie sich als Sklaven verdienen mussten, bis sie sich überlegten, sich taufen zu lassen.
    Das Schicksal meint es gut mit Habar und Ibrahim und sie werden von Georg von Hartleben mit auf sein Gut genommen. Allerdings erwartet sie dort kein allzu gutes Leben, da Georgs Neffe und Erbe des Gutes Rupert sehr negativ gegenüber Türken eingestellt ist. Während sich Ibrahim weigert, Sprache und Schrift zu lernen, ist Habar anfangs offener eingestellt und lernt bereitwillig die Sprache. Durch ihren Vater lernte Habar bereits die Kalligraphie, doch ausgerechnet von Georg werden diese Fähigkeiten ausgenutzt, mit großen Folgen...
    Jahre später allerdings trennen sich die Wege des Geschwisterpaares, da Habar an jemanden verkauft wird und fortan als Gesellschafterin eines reichen verwöhnten Mädchens dienen muss...


    Nachdem mich Kirsten Schützhofer im letzten Jahr mit "Die Kapelle der Glasmaler" begeistern konnte, ist ihr dies auch mit ihrem neuesten Roman gelungen. Ich muss gestehen, dass ich vor diesem Roman nichts von den Beutetürken wusste, geschweige denn von ihnen gehört hatte. Schon alleine deswegen ist es ein historischer Roman, der sich sehr von anderen abhebt und auch nach Beenden des Buches finde ich das Thema sehr interessant, sodass ich mich sicherlich noch weiter darüber informieren werde.


    Die Autorin beschreibt ihre Personen sehr genau, ich konnte mit fast allen sehr mitfühlen und ich hatte das ein oder andere Mal Tränen in den Augen. Ihre Personen haben für mich immer sehr glaubwürdig gehandelt, auch sind sie nicht alle schwarz und weiß, sondern sie haben alle Ecken und Kanten und man kann sie nicht genau zu gut oder böse zuordnen, was mir wieder sehr gefallen hat, zumal dass auch sehr realistisch auf mich wirkt.
    Besonders Habar habe ich sofort ins Herz geschlossen und ich habe sehr mit ihr gelitten, mich aber auch über viele einzelne Lichtblicke in ihrem Leben mit ihr gefreut. Ihr Schicksal hat mich teilweise sehr mitgenommen und vorallem sehr berührt.


    Allerdings empfinde ich persönlich den Titel als ziemlich unglücklich gewählt. Wer aufgrund des Titels denkt, dass es hier vorallem um die Kalligraphie geht, kann hier möglicherweise enttäuscht werden. Zwar spielt die Kalligraphie eine wichtige Rolle, aber sie steht dennoch nicht im Mittelpunkt. Auch durch den berühmten "Die ...-in" Titel könnte es passieren, dass dieser Roman einfach in den Regalen liegen bleibt, was er keinesfalls verdient hat.
    "Die Kalligraphin" ist jetzt mein zweiter Roman von Kirsten Schützhofer und ich habe jetzt lediglich ihren Debutroman hier liegen, auf den ich mich sicherlich bald stürzen werde.


    Zu diesem Roman könnte ich sicherlich noch viel schreiben, aber ich möchte nicht zu viel verraten.


    Im Buch befindet sich zusätzlich eine Zeittafel über die damaligen Ereignisse, sowie ein Glossar und einem sehr interessanten Nachwort. Alleine diese Tatsachen haben mein Leserherz von der ersten Minute an höher schlagen lassen.


    Mit "Die Kalligraphin" hat Kirsten Schützhofer einen überaus spannenden und interessanten historischen Roman gelesen, den ich überaus gern gelesen habe und sicherlich zu meinen Highlights 2009 gehören wird. Für mich ist Kirsten Schützhofer nicht nur zu einer "Auto-Buy"-Autorin geworden, sondern auch zu einer meiner bevorzugten Autoren, bzw. Lieblingsautoren geworden.
    5ratten

    Books are the ultimate Dumpees: put them down and they’ll wait for you forever; pay attention to them and they always love you back.<br />John Green - An Abundance of Katherines<br /><br />:lesewetter: Caprice

  • Inhalt: Im Jahr 1686 gelangen die Geschwister Ibrahim und Habar im Zuge der Belagerung und Eroberung Ofens, Teil des heutigen Budapest, in die Gewalt Georgs von Hartleben, der sie mit in seine sächsische Heimat nimmt. Nach dem Tod seines älteren Bruders Alexander erhofft er sich dort ein Erbe, aber dieser hatte „vergessen“, daß er Georg bedenken wollte und sein Sohn Rupert ist Alleinerbe. Davon, von seinen Kriegserlebnissen und der kühlen Begrüßung durch seine Frau Theodora frustriert, sinnt Georg auf Abhilfe. Diese bietet sich ihm in Form von Habar, die sich im Gegensatz zu Ibrahim etwas besser in die neuen Verhältnisse einfügt, obwohl die Kinder wegen ihrer Andersartigkeit und ihres Glaubens mit vielen Vorurteilen und Haßgefühlen zu kämpfen haben. Schließlich gelten „die Türken“ als Christenschlächter, und besonders Rupert steigert sich in die Vorstellung hinein, an den beiden seinen persönlichen Kriegszug auszuleben. Habar wurde von ihrem Vater in die Kunst der Kalligraphie eingewiesen, und diese Fähigkeit macht sich Georg zunutze, um sie Dokumente und Unterschriften fälschen zu lassen, die ihm die Kontrolle über das Gut in die Hand geben.


    Die Wechselfälle des Lebens führen Habar zur Familie Schwarzbach, wo sie zur Gesellschafterin der jungen Amalia avanciert, die sich bald in eine zweifelhafte Liebschaft stürzt. Die Umstände, vorher für Habar in der Familie schon nicht günstig, verbessern sich dadurch nicht. Gleichwohl hält sie an dem Versprechen fest, daß sie dem Bruder gegeben hat: die Heimat nicht zu vergessen und dem Glauben treu zu bleiben. Umso größer ist der Schock für Habar, als sie ihren Bruder, inzwischen zum Christentum übergetreten und mit militärischer Karriere vor Augen, wiedersieht. Ibrahim und Georgs Sohn Karl, die inzwischen eng befreundet sind, ziehen gemeinsam in den Großen Nordischen Krieg gegen die Schweden, während Habar sich erneut neu einrichten muß, da inzwischen Rupert von Hartleben sie den Schwarzbachs abgekauft hat.



    Meine Meinung: Kirsten Schützhofer hat sich hier eine interessante Zeit und einen wenig bekannten Aspekt der „Türkenkriege“ zum Aufhänger ihres Romans gewählt und die Geschichte gut in die historischen Fakten eingebettet. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich nichts zu bemängeln. Leider hat die Konstruktion des Romans darüber hinaus aber einige Schwächen, die sich für mein Empfinden zum Teil an den Personen, zum Teil an der Erzählweise festmachen. Die Charaktere sind nicht langweilig und auch weder eindeutig gut noch böse, sie haben alle ihre Schwächen und können mit diesen mehr oder weniger (leider meist weniger) gut umgehen. Auch habe ich selten eine so glaubhafte Wandlung vom Fiesling zum Sympathieträger erlebt wie hier. Aber es wäre ausgesprochen wünschenswert gewesen, wenn sie einfach öfter miteinander geredet hätten. So lebten sie ein wenig nebeneinander her, ohne ernsthafte Anstrengungen, einander zu verstehen oder näherzukommen. Insbesondere Habar war mir über weite Strecken einfach zu passiv, etwas mehr Bemühen um das eigene Leben wäre schon möglich gewesen, ohne aus ihr gleiche eine typische Die ...in-Superwoman zu machen – schlimm genug, daß der Buchtitel etwas derartiges suggeriert, und abgesehen davon, daß er auch sonst eher irreführend ist.


    Der zweite Punkt betrifft im wesentlichen die Erzählweise. Was bei Kirsten Schützhofers Erstling Die Tochter des Advokaten (auch als Die Farbe der Revolution) hervorragend gepaßt hat, nämlich der schnelle und häufige Wechsel von Schauplätzen und Perspektiven, der das Überrollende einer Revolution sehr gut eingefangen hat, führt hier eher zu einer Zerfaserung der einzelnen Handlungsstränge, die irgendwann nur noch sehr oberflächlich miteinander verbunden sind und zum Teil gar nicht mehr zur gleichen Geschichte zu gehören scheinen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Es hätte nicht gestört, wären einige Figuren im Laufe der Geschichte einfach verschwunden, so, wie man eben Menschen im Leben aus dem Blick verliert. Wären dafür dann die Motive und Gedanken der Hauptpersonen etwas ausführlicher gewesen, hätte sich insgesamt ein runderes Bild ergeben. So bleibt eine eher traurige, in manchen Punkten etwas im Dunklen verborgene, aber wie gewohnt sprachlich schön erzählte Geschichte.


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:


    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Leider kann ich nicht in die allgemeine Begeisterung miteinstimmen. Hier meine Rezi:


    Das Buch fängt vielversprechend an, man wird sogleich in die Handlung hineingeworfen. Habar und Ibrahim, zwei türkische Geschwister aus Ofen, werden bei der Eroberung ihres Heimatortes verschleppt und aufs deutsche Gut Hartleben gebracht. Zunächst scheint es, als ob Habar sich besser an die neuen Lebensumstände anpassen könnte, sie kann sich sogar ein wenig mit der Kalligraphie, die sie als Kind erlernt hat, ablenken, auch wenn ihre Fähigkeiten von ihrem neuen Herrn, Georg von Hartleben, zu seinen Zwecken missbraucht werden. Doch nach der Trennung der beiden Geschwister verlaufen ihre Lebensläufe sehr unterschiedlich, jeder von beiden kommt mit seinem Schicksal anders klar.


    Kirsten Schützhofer behandelt in diesem Roman ein interessantes Thema, über Beutetürken hatte ich selbst noch nie etwas gehört. Ich nehme an, dass die historischen Hintergründe sehr gut recherchiert worden sind und auch das Äußere des Buches ist sehr ansprechend; ein Glossar und eine Zeittafel runden den positiven Ersteindruck ab.


    Leider plätscherte die Handlung meiner Meinung nach zu sehr dahin. Es passiert zwar einiges, doch kaum etwas, was mich hätte mitreißen können. Die Protagonisten waren mir nicht unsympathisch, aber ich konnte selten mit ihnen mitfühlen. Man erfährt zwar ihre Gedanken, aber jede Person stand irgendwie für sich, Interaktion fand leider kaum statt. Die meiste Zeit fühlte ich mich als Beobachter, der das Geschehen aus der Ferne verfolgt. Vieles wird angerissen, aber nicht fortgeführt und zum Ende hin waren einige der Handlungsstränge etwas überflüssig. Wären diese weggelassen worden, hätte die Handlung einen wesentlich kompakteren und weniger zerfaserten Eindruck auf mich gemacht.


    Es gab jedoch einige Stellen, die mir sehr gut gefallen haben, wie z.B. Habars Liebe zur Kalligraphie, so dass mein Gesamteindruck nicht nur negativ, sondern ausgewogen ausfällt.


    2ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Und hier kommt meine Meinung:


    „Die Kalligraphin“ entführt uns in eine Zeit und zu Ereignissen, von denen ich persönlich noch nichts vorher gelesen hatte. „Beutetürken“ ist ein für mich neuer Begriff und so habe ich mit großem Interesse zu diesem Buch gegriffen.


    Habar und Ibrahim, zwei junge türkische Geschwister, wurden zu solchen Beutetürken. Geraubt und verkauft. Schlimme Szenen haben sich dabei abgespielt, die sehr eindringlich geschildert wurden und für einen heftigen Einstieg in die Geschichte sorgten. Aber gerade diese, wie ich finde, eindringliche Erzählweise ist es, was ich an Kirsten Schützhofers Romanen so mag. Zusammen mit den vielen oft kleinen, erwähnten Details stehen die Figuren deutlich vor mir und ihre Emotionen und die Geschehnisse erlebe ich dadurch sehr intensiv mit. Die Figuren sind vielschichtig und auch die Nebenfiguren werden bildhaft beschrieben. Mir fiel es nicht schwer, mich in die einzelnen Personen hineinzuversetzen, ihre Beweggründe nachzuvollziehen (auch wenn ich sie natürlich nicht immer gutheißen und gerade ihre häufige Sprachlosigkeit auch nicht immer verstehen konnte)


    Denn leider fehlte tatsächlich etwas die Kommunikation. Ich kann mir zwar sehr gut vorstellen, dass tatsächlich ein stummes Nebeneinanderher das Leben auf Jahre sehr schwer machen kann und manche Menschen aufhören, richtig miteinander zu sprechen und deshalb kaum wieder gut zu machende Missverständnisse und emotionale Härten entstehen. Aber es war hier schon sehr geballt und betraf gleich mehrere Personen. Ein bisschen mehr Aufbegehren, gerade von Habar, die anfangs sehr stark rüberkam, hätte gut getan. Ich empfand es teilweise als zu viel Lethargie auf einmal, so als wenn jemand das Leben aller auf Zeitlupe gestellt und die Lautstärke herunter gedreht hätte. Auch wenn gegen Ende sich dann doch etwas rührte, wirkte vieles eher unbeweglich auf mich. Ich hatte oft den Drang die Leute zu schütteln und zu treten, damit sie in die Gänge kommen. :zwinker:


    Insgesamt überwog in dieser Geschichte eine eher gedrückte Stimmung, positive und erhellende Momente kamen nicht so oft auf. Aber diese Stimmung war wiederum ganz toll beschrieben. Verzweiflung, Entsetzten, Trauer, Angst, Hass, Wut ....all diese Emotionen konnte ich sehr gut spüren und es entstand während des Lesens immer eine melancholische Stimmung bei mir, die auch noch im Nachhinein eine Weile anhielt, aber dabei erstaunlicherweise gar nicht negativ war. Ich konnte mich sehr gut darauf einlassen.


    Die Handlung hätte ich mir in einigen Szenen zwar gesprächsintensiver gewünscht und dazu auch einen Schwerpunkt auf eher wenige Personen, anstelle der häufigen Blickrichtungen auf andere, aber ich habe auch so das Buch sehr genossen. Der Schreibstil war einfach wieder sehr, sehr schön und bot so viele emotionale Lesemomente, dass mir die Lektüre dieses Romans gut gefallen hat und ich mich jetzt schon auf das nächste Buch von Kirsten freue.


    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

  • Hallo liebe Leseratten,
    angelockt durch die hier geschriebenen, so positiven ersten Rezis hatte ich mich dann auch spontan zu diesem Buch entschieden.
    Allerdinds war mir, um es gleich einmal vorweg zu nehmen, die bedrückende Stimmung zu viel. :sauer:


    Aber alles der Reihe nach.
    In „Die Kalligraphin“ hat Kirsten Schützenhofer mal wieder in gewohnter Manier bewiesen, wie wunderbar einfühlsam und stimmungsbetont sie schreiben kann. Sprachlich ausgezeichnet gestaltet, hat sie sich in diesem Buch diesmal einem Thema gewidmet, welches auch für mich ein Neuland war: Den Beutetürken. Umso interessanter empfand ich dann auch die geschilderte sowie gut ausgeschmückte Kulisse dieser Zeit, Ende des 17. Jahrhunderts. Heftig und spannungsgeladen war dann auch der Einstieg, der das beinahe schon unfassbare Los der Besiegten in Budin schilderte. Lange Zeit habe ich dann auch gebangt, um das Schicksal der beiden Türkengeschwister, die es als so genannte Kriegsbeute bald darauf nach Gut Schwarzenbach in Sachsen verschlagen hatte. Sehr interessant auch die unterschiedlichen Konstellationen und Charaktere, welche im Folgenden in der Geschichte aufeinander stießen.
    Allerdings entpuppten sich dann fast durchweg alle Individuen als recht passive Figuren, die sich allesamt am liebsten in ihrer eigenen Resignation ertränkt hätten, anstatt es einmal mit Kommunikation zu probieren. Hier fehlten mir persönlich dann die Lichtblicke. Selbst unsere Protagonistin schien wie plötzlich befangen und lies kaum ein Aufbegehren erkennen. Ihre Liebe zur Kalligraphie kam zwar wieder sehr schön herüber, doch die kurzen Momente, der Zufriedenheit waren mir hier einfach zu wenig. Und so schwappte die bedrückende Stimmung des Buches auch zu mir herüber und zog mich zeitweise ein ganzes Stück mit runter. Was bleibt ist ein sehr niederdrückendes Gefühl.
    Letztendlich aber sicher trotzdem ein Buch für eben jene Leser, die gerne einen sprachlich wunderbar formulierten, historischen Roman über einen wohl sehr interessanten Zeitabschnitt in der Geschichte lesen.


    Für mich selbst allerdings kann ich nur 2ratten vergeben.


    Liebe Grüssle
    Marion :)

    "Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt." Mahatma Gandhi

  • Hallo Ihr Lieben,


    Meine Meinung:
    Habar und ihr Bruder müssen als Kinder mit ansehen, wie ihr Eltern auf schlimme Art und Weise misshandelt und umgebracht werden. Sie selber werden versklavt und landen auf einem Gut in Sachsen. Hier werden sie zuerst auch misstrauisch beäugt und teilweise aufs Übelste drangsaliert, weil sie "anders" sind und außerdem die übelsten Geschichten über die Türken kursieren. Früh werden die Kinder getrennt und müssen sich alleine durch das Leben schlagen. Dabei scheint das Schicksal sehr lange sich nicht zu Gunsten von Habar verändern zu wollen, sondern ihr eh schon mühseliges Leben, teilweise noch schlimmer werden zu lassen.


    Das Buch beginnt gleich mitten im Geschehen und konfrontiert den Leser gleich mal mit den Grausamkeiten und der Sinnlosigkeit des Krieges. Denkt man als Leser, dass nach diesem Beginn vieles nicht mehr schlimmer werden kann, muss man noch einiges Leid der Protagonisten und auch Nebenfiguren lesen und verdauen.
    Die Figuren verbindet alle leider eine Gemeinsamkeit: Sie kommunizieren nicht miteinander. Als Leser kann man die Gedanken der Figuren mit verfolgen und sich so gut in sie hinein versetzen, jedoch findet kaum Austausch zwischen den Figuren statt, wodurch viel Kummer und Unglück geschieht und man als Leser die Figuren mehr als einmal am liebsten schütteln würde, dass sie endlich ihren Mund aufmachen.
    Wenige Figuren sind wirklich nur gut oder nur schlecht, sondern viele befinden sich irgendwo zwischendrin, was das Ganze sehr natürlich wirken lässt. Der Held am Anfang entpuppt sich als vollkommener Versager und der scheinbar fieseste Charakter des Buches hat es doch tatsächlich geschafft, dass ich ihn richtig gern gewonnen habe! Und dabei ist diese Entwicklung des Charakters sehr gut beschrieben und war für mich zu jeder Zeit nachvollziehbar.


    Schade ist, dass das Buch über viele Strecken hinweg mich sehr deprimiert hat und es meiner Meinung nach viel zu wenig Lichtblicke gab. Erst ganz am Ende wird die Stimmung um einiges besser und hat dazu beigetragen, dass ich wenigstens noch mit einem guten Gefühl zurück gelassen wurde.


    Alles in allem ein Buch, dass einen guten Einblick in die Zeit der Beutetürken wirft, ein für mich sehr gelungenes Ende mit einem sehr faszinierend weiterentwickelten Charakter hat, jedoch teilweise ein bisschen zu deprimierend war, mir aber trotzdem doch gut gefallen hat.


    3ratten


    Liebe Grüße
    Tammy :winken:

    &WCF_AMPERSAND"Jeder der sich die Fähigkeit erhält, Schönheit zu erkennen, wird nie alt werden.&WCF_AMPERSAND" (Franz Kafka)

  • Meine Meinung:


    Dieser Roman erzählt nicht nur die Geschichte von Habar und ihrem Bruder, sondern auch die der Familien von Schwarzbach und von Hartleben. So erfährt man auch einiges über den Landadel der damaligen Zeit. Aus unerfindlichen Gründen ist mir besonders Rupert von Hartleben ans Herz gewachsen, obwohl er im allgemeinen eher unsympathisch beschrieben wird und es wenig Grund gibt ihn zu mögen. Die anderen Mitglieder der Familien waren mir ehrlich gesagt eher egal, vor allem Amalia von Schwarzbach, ihr weiterer Lebensweg ist meiner Meinung nach ihre eigene Schuld und sie war mir von Anfang sehr unsympathisch. Ich wollte lieber wissen wie es mit Habar weitergeht und was aus ihrem Leben werden wird.
    Was mich selbst an diesem Roman gereizt hat war vor allem das Thema und auch das ich darüber in Romanform noch kaum etwas gelesen hatte. Ich fand die Idee der Autorin zwei der damals verschleppten Türken nach Deutschland als Hauptfiguren zu wählen gut umgesetzt. Auch die sie sich im Laufe der Zeit verändert haben gefiel mir und war für mich nachvollziehbar.


    Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, auch dies hat die Autorin gut gelöst. Was ich etwas schade fand war das es sehr häufige Perspektivwechsel gab, das kenne ich und mag ich zwar von anderen Romanen der Autorin, aber hier hat es mich zu weilen gestört da man so sehr oft aus der einen Handlung in eine Andere geworfen wurde. Streckenweise hielt sich das einigermaßen die Waage, zeitweise war es aber auch zu viel auf einmal. Ansonsten habe ich aber über die Figuren selbst einen Überblick behalten können. Diese sind zum Teil alles andere als fassbar, man kann sie nicht in eine Schublade stecken und kann sie nicht auf den ersten Blick einschätzen. Die ein oder andre schlechte Seite kommt oftmals stärker zum tragen und eine Figur die man zuerst mochte, wird einem etwas unangenehm. Keiner wird von Schicksalsschlägen verschont, aber irgendwie hat man zuweilen schon das Gefühl das der ein oder andre bekommen hat was er verdient, wenn auch vielleicht in anderer Weise als man das zuerst erwartet hätte.


    Ein fröhliches Buch ist Die Kalligraphin nicht unbedingt, aber auch keines das ich deprimierend gefunden hätte. Der Roman beschreibt die Höhen und Tiefen eines Lebens und das wie ich finde ihn durchaus realistischer Weise, dabei beschönigt die Autorin nichts und schreckt auch vor unangenehmen Beschreibungen nicht zurück. Dennoch ein wenig optimistischer als Die Kapelle der Glasmaler habe ich ihn schon empfunden. Hi und da hätte ich gerne noch etwas mehr über die Kalligraphie erfahren die Habar so sehr liebt, ich finde da ist der Titel ein klein wenig irreführend. Aber gut, da ich den Roman gerne gelesen habe kann ich das verzeihen^^ Ich mochte Die Kalligraph in und wurde sehr schnell in die Handlung gezogen, ich wollte sehr gerne wissen wie es weiter geht, wie schon erwähnt lag mein besonderes Interesse dabei bei Rupert von Hartleben. Ich hätte auch gerne etwas mehr über Habars Bruder erfahren aber seine Rolle in der Geschichte ist auch eher eine Nebenrolle. Alles in allem gefiel mir Die Kalligraphin nicht ganz so gut wie ihre Vorgänger, aber ich habe gerne weitergelesen und war gespannt auf den Schluss des Romans.


    3ratten :marypipeshalbeprivatmaus: