Claire Keegan - Kleine Dinge wie diese

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    Billy Furlong hatte keinen einfachen Start ins Leben, aber er hat etwas aus sich gemacht. Der Kohlehändler aus New Ross ist ein angesehener und beliebter Mann. Er ist zufrieden, aber an einem Wintertag macht er eine Entdeckung, die ihn sein Weltbild hinterfragen lässt


    Das ist das zweite Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Wie beim ersten Mal schafft es Claire Keegan, mich schon mit den ersten Worten in eine andere Welt zu entführen. Dieses Mal ist es ein kleiner Ort im County Wicklow in der Mitte der 1980er Jahre. Das Leben ist nicht einfach, auch für Billy Furlong nicht. Aber mit seinem kleinen Unternehmen schafft er es, für sich, seine Eileen und seine Töchter ein behagliches Leben aufzubauen. Aber auf seinen täglichen Touren durch die Gemeinde sieht er immer wieder, dass es nicht allen Menschen so gut wie ihnen geht. Das belastet ihn und er versucht, mit seinen bescheidenen Mitteln zu helfen, wo er kann.


    Seine Frau Eileen ist da anders. Auch sie sieht die Nöte der Anderen, aber sie lässt es nicht an sich heran. Für sie ist jeder selbst für sich und vor allen Dingen für sein Schicksal verantwortlich. Immer wieder muss sie Billy erinnern, dass die Familie an erster Stelle steht. Das tut es für ihn auch, trotzdem kann er seine Augen nicht verschließen. Besonders nicht vor den Zuständen in der Wäscherei des Klosters, die für alle Leute in der Umgebung ein offenes Geheimnis sind.


    Auch in diesem Buch bindet Claire Keegan eine leise Kritik daran ein, wie manche Dinge in Irlands Vergangenheit gehandhabt wurden. Dieses Mal sind es die gefallenen Mädchen, deren angebliche Schande hinter Klostermauern versteckt wurde und vor denen jeder die Augen und auch die Herzen verschlossen hat. Billy trifft hier eine ungewöhnliche Entscheidung, über die ich gerne mehr erfahren hätte. Aber wie beim letzten Buch auch bricht die Autorin hier ab und überlässt es mir, über das weitere Schicksal der Menschen aus der Geschichte nachzudenken.

    5ratten


    Liebe Güße

    Kirsten

    Into the water I go to lose my mind and find my soul.

  • Auch in diesem Buch bindet Claire Keegan eine leise Kritik daran ein, wie manche Dinge in Irlands Vergangenheit gehandhabt wurden.

    Nach meiner Erinnerung war die Kritik durchaus nicht nur "leise" :S - die magdalen laundries Irlands sind tatsächlich auch ein berüchtigtes dunkles Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche.


    Das mit der ausführlicheren gewünschten Auflösung ist mir genauso gegangen - das offene Ende mit Hinweis trägt aber dann doch auch hier noch mal zum emotionalen Gewicht der Geschichte bei, sie lässt einen dadurch nicht sofort los..

  • Alice mit der leisen Kritik meinte ich, dass sie den Punkt nicht zum eigentlichen Thema der Geschichte macht, sondern nur zu einem der Dinge, die Billy mehr und mehr belasten.

    Into the water I go to lose my mind and find my soul.

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    Herausgeber ‏ : ‎ Steidl Verlag; 5. Edition (27. März 2023)

    Sprache ‏ : ‎ Deutsch

    Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 112 Seiten

    ISBN-10 ‏ : ‎ 3969990653

    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3969990650

    Originaltitel ‏ : ‎ Small Things Like These


    Inhaltsangabe:


    Wer etwas auf sich hält in New Ross, County Wicklow, und es sich leisten kann, lässt seine Wäsche im Kloster waschen. Doch was sich dort hinter den glänzenden Fenstern und dicken Mauern ereignet, will in der Kleinstadt niemand so genau wissen. Denn es gibt Gerüchte. Dass es moralisch fragwürdige Mädchen sind, die zur Buße Schmutzflecken aus den Laken waschen. Dass sie von früh bis spät arbeiten müssen und daran zugrunde gehen. Dass ihre neugeborenen Babys ins Ausland verkauft werden. Der Kohlenhändler Billy Furlong hat kein Interesse an Klatsch und Tratsch. Es sind harte Zeiten in Irland 1985, er hat Frau und fünf Töchter zu versorgen, und die Nonnen zahlen pünktlich. Eines Morgens ist Billy zu früh dran mit seiner Auslieferung. Und macht im Kohlenschuppen des Klosters eine Entdeckung, die ihn zutiefst verstört. Er muss eine Entscheidung treffen: als Familienvater, als Christ, als Mensch. Mit wenigen Worten erschafft Claire Keegan eine ganze Welt. Auf unnachahmliche Weise erzählt Kleine Dinge wie diese von Komplizenschaft und Mitschuld, davon, wie Menschen das Grauen in ihrer Mitte ignorieren, um in ihrem Alltag fortfahren zu können – davon, dass es möglich ist, das Richtige zu tun.


    Autoreninfo:


    Claire Keegan, geboren 1968, wuchs auf einer Farm in der irischen Grafschaft Wicklow auf. Sie hat in New Orleans, Cardiff und Dublin studiert. Im Steidl Verlag sind von der vielfach ausgezeichneten Autorin bereits die Erzählungsbände Wo das Wasser am tiefsten ist und Durch die blauen Felder (in einem Band: Liebe im hohen Gras, 2017) erschienen. Das dritte Licht (2013) wurde mit dem renommierten Davy Byrnes Award ausgezeichnet, und gehört für die englische Times zu den 50 wichtigsten Romanen des 21. Jahrhunderts. Claire Keegan lebt in Irland und unterrichtet zurzeit an der Universität Cambridge.


    Meine Meinung:


    Titel: Die Geheimnisse des Klosters...


    Nachdem ich "Das dritte Licht" mit großer Begeisterung gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser tollen Autorin und da dieses Buch so eine faszinierende Krähe auf dem Cover hat, musste es mit.


    In der Geschichte geht es um das beschauliche Örtchen New Ross, in dem Bill Furlong einen Kohlehandel betreibt und mit seiner Frau und seinen Töchtern ein beschauliches Leben führt. Besser könnte es ihnen in den harten Zeiten von 1985 nicht gehen. Doch dann entdeckt Bill bei seinen Lieferrunden etwas, was ihn verstört und beschäftigt. Kann er ignorieren was im Kloster geschieht wie alle anderen oder muss er handeln?


    Sprachlich ist dieses Kleinod wieder eine Wucht. Mit nur wenigen Worten weiß die Autorin sehr eindringlich den Leser zu verzaubern und zu berühren. Manches Mal wird es einem beim Lesen eng im Hals.


    Gut gefallen hat mir, dass man erst langsam in die Geschichte eingeführt wird und die kleinen, alltäglichen Dinge der Furlongs erfährt. So bleibt die Spannung lange hoch und man ist am Grübeln was und wann es denn nun los geht.


    Ich mochte sehr, dass das Ende offen gehalten ist, denn so kann man als Leser das Ganze noch weiter fantasieren, ob zum Guten oder Schlechten bleibt jedem selbst überlassen.


    Fazit: Es lohnt sich immer wieder zu Keegan zu greifen, klare Leseempfehlung.


    Bewertung: 5ratten und :tipp:

    &WCF_AMPERSAND"Das Buch als Betriebssystem ist noch lange nicht am Ende&WCF_AMPERSAND" (H.M. Enzensberger)

  • Ein eindringliches Plädoyer für Solidarität und Zivilcourage - und gegen das 'Wegschauen'


    "Kleine Dinge wie diese" von der irischen Autorin Claire Keegan erschien in deutscher Übersetzung von Hans-Christian Oeser im Steidl Verlag, 2023 (HC, gebunden, 112 Seiten). Ich hatte bereits sehr begeisterte Stimmen von Lesefreunden vernommen, die mich auf diese Autorin und ihre Werke sehr neugierig machten. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt und so wird 'Small Things like these', wie das englische Original lautet, nicht der letzte Roman sein, wohl aber ist es der Erste:


    Inhalt:


    Bill Furlong, Kohlenhändler im irischen County Wicklow, New Ross, Mitte der 1980er Jahre: Die Menschen suchen durch die katastrophale Wirtschaftslage, die sich in hoher Arbeitslosigkeit, Entlassungen zeigt, neue Perspektiven in London, New York oder Boston, die Auswanderungsquote ist hoch. Doch Bill Furlong hat es trotz schwierigem Start ins eigene Leben geschafft, mit Eileen und seinen 5 Töchtern ein gutes Leben zu haben: Ihm ist es wichtig, dass alle Töchter einen guten Schulabschluss machen, im Gegensatz zu seiner Ehefrau entgeht ihm aber nicht, dass es vielen anderen Familien nicht gut geht: So lindert er das Leid und den Mangel, indem er z.B. ein Kind mitnimmt, das am Straßenrand läuft und ihm sein Kleingeld schenkt. Abends bespricht er "die kleinen Dinge" mit seiner Frau und erzählt ihr eines Tages, was sich bei der Wäscheauslieferung ins Kloster (Nonnen von den guten Hirten) zugetragen hat: Er machte eine Entdeckung im Kohlenkeller des Klosters, die ihn psychisch zutiefst mitnahm und in einen emotionalen Ausnahmezustand brachte, so dass er sich beim Rückweg völlig verfahren hatte...


    Nach diesem verstörenden Ereignis stellt er sich selbst Fragen; ist dankbar für die Aufnahme seiner Mutter bei Mrs. Wilson, die sowohl die Mutter als auch ihn in seiner Kindheit sehr unterstützte, wobei die Konfession in diesem Haus eine untergeordnete Rolle spielte und Mrs. Wilson eine unabhängige Frau war, die auf die Meinung anderer Leute keinen Wert legte. So wuchs er selbst ohne Vater auf, hatte aber immer Verbindung zum Anwesen und zu Ned, den Knecht wie auch zu Mrs. Wilson. Nun selbst Familienvater, ist ihm bewusst, dass auch seiner Mutter ein Aufenthalt bei den Nonnen sicher gewesen wäre, wenn es da nicht Mrs. Wilson gegeben hätte: Er weiß, dass die Meinung der Bevölkerung auseinandergeht, was das Kloster betrifft: Die Wäscherei hat jedoch einen guten Ruf, da sie stets in einwandfreiem Zustand zu den Priestern und wohlhabenden Mitbürgern zurückkommt: Man munkelt jedoch auch, dass es dort Mädchen von zweifelhaftem Ruf geben solle, die von morgens bis abends die Böden wienern und schuften. Doch genau weiß dies keiner, da kaum etwas nach außen dringt.


    Mein Leseeindruck:


    Dieser wundervolle Roman, der auf engem Raum so vieles ausdrückt, was zwischen den Zeilen zu lesen ist, hat mich sehr begeistert: Wird anfangs eher die Geschichte von Bill erzählt, seiner Herkunft und seinem Weltbild, das zunehmend Risse bekommt, da er sensibel, empathisch, großmütig und sehr menschlich ist, so zeichnet sich bald ab, dass ihm bei der Auslieferung der Kohlenlieferung im Kloster (und nach dem Ereignis im Kohlenkeller) eine trügerische Farce seitens der Oberin aufgebunden wird: Anfangs eingeschüchtert, durchschaut er mehr und mehr die Mechanismen der Macht und muss (und wird) sich am Ende entscheiden, ob er klein beigeben - oder ob er etwas unternehmen wird.


    Allein durch die Figur des Bill Furlong, der ein großes Herz und viel Gerechtigkeitssinn hat, erhält dieser Roman trotz seiner knapp bemessenen Seitenzahl eine unglaubliche Dynamik: Man kann die innere Entwicklung dieses sympathischen Mannes auf sehr menschliche Art und Weise mitverfolgen, der sich seiner Mitverantwortung stellt und handelt!


    Der Stil Claire Keegan's ist schnörkellos und geradlinig, er transportiert in jedem Satz nicht nur Worte, sondern auch tiefe Emotionen; die kurzen Kapitel, in denen wir Bill Furlong begleiten, in Kälte und Winter zum Kloster fahren, sind atmosphärisch und haben eine hohe Sprachdichte, wobei der Roman sehr gut zu lesen ist, was ich überaus schätze. Auch die Tatsache, dass Bill seinen Vater nie kennenlernte, verschafft der Geschichte um die berüchtigten "Magdalenen-Heime" in Irland (und Großbritannien) eine zusätzliche Spannung.


    Fazit:


    Ein überaus lesenswerter, kurzer, aber voller tiefer Emotionen steckender Roman, in dem es um die Auflehnung gegen Machtmissbrauch von Schutzbefohlenen geht. Für Mitmenschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Gegen das Wegschauen und das Verdrängen. Für Zivilcourage und persönlichen Mut, der in der Person von Bill Furlong zutage tritt. Den betroffenen Mädchen hätte man zu dieser Zeit (erst 1996 wurde das letzte Magdalenenheim in Irland geschlossen!) viele Bill Furlong's gewünscht! Eine absolute Leseempfehlung und 5*!


    5ratten :tipp:

    "Bücher sind meine Leuchttürme" (Dorothy E. Stevenson)

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    Auf 110 Seiten kompakt und komprimiert wird die irische Gesellschaft auseinander genommen.

    Die Geschichte an sich wurde oben ja bereits erzählt es geht um die persönliche Geschichte von Bill Furlong, die mit den Magdalen-laundries in Verbindung gebracht wird.

    Junge unverheiratete schwangere Frauen werden von ihren Familien in diese Kloster gesteckt um das ach so katholische Haus nicht zu beschmutzen. In den Klöstern werden sie zu Zwangsarbeiten herangezogen. viele der Babies starben, die Überlebenden wurden über Adoptionsagenturen meist ins Ausland verkauft.


    Die Menschen in der Stadt wissen Bescheid, unter vorgehaltener Hand wird darüber spekuliert, keiner traut sich aufmucken. Die mafiösen Zustände und die Macht der Kirche in Zusammenarbeit mit dem Staat machen vielen Menschen Angst. Sie sind nicht bereit ihr kleines Leben aufzugeben, sie haben sich damit abgefunden und ihr Gewissen beiseite gelegt.


    Allein der Fakt, dass erst 1996 die letzte dieser grausamen Institutionen in Irland geschlossen wurde ist heftig.


    Furlong rettet ein Mädchen. Es hätte ebenso ihn und seine Mutter treffen können. Er weiß, dass es Konsequenzen für ihn und seine Familie haben wird, aber er bschlie0t dennoch Widerstand zu leisten. Er rettet das barfüßige Mädchen vom Kohlenkeller mit einem Paar neuer Schuhe in der Hand.


    Dieses Buch ist ein Aufschrei an Empörung. Von irischen Freunden habe ich erfahren, dass in den letzten Jahren viele sich der katholischen Kirche abgewandt haben. Mittlerweile wo es geht versucht wird Dinge aufzuarbeiten. Schwierig wird es dann, wenn die Unterlagen zerstört wurden. Zumindest wird den Überlebenden mittlerweile Gehör verschafft.