Laura Spinney - 1918: Die Welt im Fieber

Es gibt 8 Antworten in diesem Thema, welches 412 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Juva.

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    Worum es in Laura Spinneys interessantem Sachbuch "1918: Die Welt im Fieber" geht verrät der Untertitel: "Wie die spanische Grippe die Gesellschaft veränderte". Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die englischsprachige Originalausgabe 2017 erschienen ist, die deutsche Übersetzung 2018, also noch vor der Corona-Pandemie. Es werden demnach keine Vergleiche zu Corona gezogen, was das Buch aus meiner Sicht noch interessanter macht, weil die Betrachtung der damaligen Pandemie unabhängig erfolgt, man aber die eigenen Erfahrungen mit Corona ja auch noch im Hinterkopf hat und entsprechend eigene Schlüsse ziehen kann.


    Die Autorin macht direkt zu Beginn ihrer Ausführungen klar, dass ihr Thema eine hohe Relevanz hat, da für große Teile der Weltbevölkerung die Spanische Grippe stärkere Auswirkungen hatte als der etwa zeitgleich zu Ende gegangene Erste Weltkrieg. Denn trotz der Bezeichnung "Weltkrieg" lagen die wichtigen Schlachtfelder in Europa und im Nahen Osten, während die Spanische Grippe tatsächlich die gesamte Welt heimsuchte.


    Spinney beschäftigt sich dann erst mit der Geschichte der Grippe allgemein (und das tatsächlich ab dem Beginn der menschlichen Seßhaftwerdung) und den naturwissenschaftlichen Grundlagen der Übertragungsprozesse, um anschließend die Rahmenbedingungen der Pandemieentstehung 1918 zu beleuchten. Ihre Erklärungen sind gut verständlich und interessant geschrieben, das Buch liest sich für ein medizinhistorisches Sachbuch sehr flüssig.

  • Da lese ich mal sehr interessiert mit.


    Zwar habe ich eigentlich von Pandemien die Schnauze gestrichen voll, aber trotzdem sind die Parallelen zwischen 1918 und der Coronazeit spannend. Und ja, gerade wenn das Buch ohne das Wissen um Corona entstanden ist, sind sicher manche Ähnlichkeiten verblüffend. Das ist mir auch schon in anderen Büchern aufgefallen.

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen





  • Das Buch geht auch wirklich interessant weiter. Die Autorin weist darauf hin, dass uns das Leben um 1918 doch sehr fremd ist, obwohl uns nur gut 100 Jahren davon trennen, diese Unterschiede sind in Bezug auf den Umgang mit der Pandemie wichtig. Zum Ersten Weltkrieg als einer Voraussetzung der Pandemie macht sie nur einen erfreulich kurzen Schlenker (das Wesentlich kennt man ja entweder schon oder kann es woanderes nachlesen), um dann zur eigentlichen Pandemie und ihren Symptomen zu kommen. Dabei wechselt sie häufig die Schauplätze ihrer Betrachtungen, wodurch natürlich der Charakter der Spanischen Grippe als weltumspannendes Phänomen noch deutlicher hervorgehoben wird.


    Ich mag ihre knappe, sachliche, informative Sprache, die sich auch in der Länge der Kapitel widerspiegelt. Diese sind sehr übersichtlich und vergleichweise kurz, dabei aber mit Informationen vollgepackt, und trotzdem nie trocken oder langweilig.

  • Ich habe jetzt über die Hälfte des Buches gelesen und finde einerseits die Informationen zur historischen Pandemie unglaublich interessant (bis hin dazu, welche Erkrankungen zeitgleich unterwegs waren und deshalb damit verwechselt worden sein könnten), andererseits sind die Parallelen zur Corona-Pandemie oft erschreckend, insbesondere im Hinblick darauf, welche Schlüsse man bereits damals gezogen und in Maßnahmen umgesetzt hat. So waren etwa verschiedene Regelungen zum "Social Distancing" bereits im Kontext der Spanischen Grippe (die mit Spanien wenig zu tun hatte) im Einsatz, man hat sich aber beisielsweise in New York gezielt dagegen entschieden, die Schulen zu schließen, und damit gute Erfahrungen gemacht. Eigentlich nicht überraschend, dass sich da Vergleiche aufdrängen, und gleichzeitig erstaunlich, welche Schlüsse man vor 100 Jahren schon gezogen hat, obwohl der Hintergrund der Pandemie damals nicht wissenschaftlich erfasst werden konnte.

  • man hat sich aber beisielsweise in New York gezielt dagegen entschieden, die Schulen zu schließen, und damit gute Erfahrungen gemacht.

    War es da nicht so, dass manche Schüler stark abhängig von der Schulverpflegung waren und man unter anderem deshalb von Schulschließungen abgesehen hat?


    Die Parallelen zwischen damals und Corona wurden ja öfter gezogen und ich fand das auch oft sehr spannend. Das Buch steht schon auf meinem Wunschzettel.

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    Leonard Cohen





  • War es da nicht so, dass manche Schüler stark abhängig von der Schulverpflegung waren und man unter anderem deshalb von Schulschließungen abgesehen hat

    Das und die zum Teil zuhause beengtere und ungesündere Atmosphäre haben eine Rolle gespielt. Wichtiger waren aber die Aspekte, dass man zu dem Schluss gekommen ist, dass Kinder keine Pandemietreiber waren und dass man sie durch den Schulbesuch besser im Auge behalten und bei Symptomen direkt behandeln konnte. Das hat sich nachträglich als richtige Entscheidung erwiesen.

  • Das Buch habe ich auch auf meinem E-Reader. Interessant, was du davon erzählst, @ Juva. Ich habe es mir eh für dieses Jahr vorgenommen und freue mich jetzt noch mehr auf die Lektüre.

    Einmal editiert, zuletzt von finsbury ()

  • Mit der Betrachtung des Verlaufs der Spanischen Grippe und den verschiedenen Theorien, wo sie denn nun wirklich ihren Ausgang genommen hat, wird es nochmal deutlich wissenschaftlicher, bleibt aber trotzdem gut verständlich. Hier werden etwa nochmal die Überschneidungspunkte zwischen Menschen- und Tierseuchen (dabei werden insbesondere einige Vogelarten als besonders gefährliche Virenträger thematisiert) behandelt und auch die Entwicklung bestimmter Virenstämme sowie deren Auswirkungen auf die verschiedenen Ausbrüche der Pandemie thematisiert. Ich fand das ausgesprochen spannend, hätte einiges ohne die Vorkenntnisse aus der Corona-Zeit aber vielleicht nicht auf Anhieb verstanden und nochmal googlen müssen. ;)


    Zum Schluss wird der am Anfang begonnene Bogen aber passend beendet, indem die Nachwirkungen der Pandemie beleuchtet werden. Komisch ist aus heutiger Sicht natürlich der Ausblick auf mögliche künftige Pandemien (aus Sicht der Autorin, also von 2017 aus), weil wir ja alle dort erwähnten Aspekte kennen, von den staatlich angeordneten Maßnahmen über die Überlegungen, wie Herdenimmunität in der Bevölkerung hergestellt werden kann, bis hin zu den Menschen, die dem Impfen kritisch gegenüberstehen.


    Insgesamt lohnt sich die Lektüre dieses medizinhistorischen Sachbuchs auf jeden Fall, zumal die Autorin es versteht, auch kompliziertere Zusammenhänge gut nachvollziehbar darzustellen.


    5ratten