Charlotte Bronte - Jane Eyre und das Spinn-off Jean Rhys - Wide Sargasso Sea

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  • Da stimme ich Juva voll zu. Wir haben ja keinen Lesewettbewerb:)


    Was ich am Stil übrigens generell nicht so mochte ist, dass C.B. mich immer direkt angesprochen hat. Ich bin kein Fan davon mit "Dear reader" angesprochen zu werden, auch wenn es damals nicht unüblich war.


    Dass sie von ihren Verwandten gerettet wurde finde ich auch etwas übertrieben. Es gibt schon sehr große Zufälle.

    Die Szene, in der Rochester die Wahrsagerin bezahlt, um seine Gäste und insbesondere auch Jane auszuhorchen finde ich jedes Mal befremdlich, das ist ein extremer Vertrauensbruch, wie ich finde. Mit Offenheit nimmt er es aber sowieso nicht immer so genau.


    In der Conclusion gibt es ja quasi für alle ein Happy End, außer für St. John, der stirbt in seinem Missionswahn. Ich hoffe ja er hat nicht zu vielen seinen Glauben aufzwingen können. Interessant ist es schon, dass ihm die letzten Worte des Buches gehören.

  • Zum ersten Mal las ihn ihn wohl mit 12 oder 13, damals war es für mich die Geschichte der großen Liebe, und das hat sich bis heute nicht geändert. Obwohl ich inzwischen Rochesters Verhalten nicht akzeptabel finde.

    Das geht mir ähnlich. Ich mag das Buch immer noch sehr, auch wenn es seine Mängel hat wie ein paar allzu zufällige Zufälle, aber Rochester habe ich bei meinem letzten Durchgang kritischer betrachtet als bei den Malen zuvor.


    Aber trotzdem hat mich das Happy End gefreut, da kann ich nicht aus meiner romantischen Haut heraus. Ich denke, Rochester hat durchaus für seine Sünden gebüßt.


    St. John ist ein ätzender Typ. Ich hatte beim ersten Lesen echt Schiss, dass Jane sich von ihm belabern lässt, und war sehr froh, dass sie sich nicht darauf eingelassen hat. Er verkörpert alles, was ich am Missionieren furchtbar finde.


    Janes Frömmigkeit hingegen hat mich nicht gestört, die muss man sicherlich im Kontext ihrer Zeit sehen. Vor 200 Jahren waren Religion und Glaube ja noch zentraler Bestandteil des Lebens, und man darf auch nicht vergessen, dass Charlotte in einem Pfarrhaus groß geworden ist ;)


    Auf die Darstellung von Bertha in "Sargassosee" bin ich auch sehr gespannt. Die Wahrnehmung dieser Figur ist auch etwas, das sich bei mir im Laufe der Zeit verändert hat. Anfangs habe ich ohne zu hinterfragen geschluckt, dass sie wahnsinnig und gefährlich ist, mittlerweile frage ich mich schon, ob das alles so stimmt, ob sie vielleicht psychische Probleme hat oder ob sie einfach nur ein explosives Temperament hatte und mit der Behauptung, sie sei durchgedreht, einfach auf den Speicher "entsorgt" wurde.

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen





  • Heißt das kleine Mädchen jetzt Adelè oder Adela? Ich habe beide Schreibweisen in meiner Ausgabe gelesen. Sehr seltsam!


    Was mich in deutschsprachigen Büchern immer wurmt ist, dass fremdsprachige Passagen, hier z. B. Adelès französische Sätze, nicht übersetzt werden. Wird davon ausgegangen, dass alle Leser:innen des Französischen mächtig sind? Ist es denn so schwierig, eine Fußnote zu setzen? Hrrrr!

    Aus dem Kontext geht hervor, dass Adelè Rochester nach Geschenken für Jane fragt, aber das betrifft ja nur eine Szene. Was ist mit den anderen Sätzen? Ich habe meine russische Übersetzung gesucht, in der uralten sollte eine Fußnote drin sein. Gefunden habe ich die neuere Ausgabe, in der es überhaupt kein Französisch gibt. Das ist zwar verständlicher, ist aber der Atmosphäre des Buches nicht förderlich (ich weiß, ich bin pingelig).


    Was ich mich noch frage ist, ob Jane nur eine Abkürzung des Namens ist (hab jetzt nicht gegoogelt). Alle alten russischen Ausgaben heißen "Dschen Eyr", im Buch selbst wird Jane an mindestens einer Stelle Janet genannt. Die neuere Übersetzung habe ich noch nicht gelesen, die heißt aber "Dschejn Eyr". Ob es darin wohl auch eine Janet gibt?

    Adelè nennt Jane Mademoiselle Jeannette, damit ist dann vielleicht auch Janet gemeint?


    Ich wollte dies schon immer mal loswerden.

    :P


    ***

    Aeria

  • Was ich am Stil übrigens generell nicht so mochte ist, dass C.B. mich immer direkt angesprochen hat. Ich bin kein Fan davon mit "Dear reader" angesprochen zu werden, auch wenn es damals nicht unüblich war

    Das geht mir auch so, und außerdem finde ich es unangenehm, dass Jane an wichtigen Stellen von der Vergangenheitsform in die Gegenwart wechselt, das hat nach dem ersten Mal schon so was von "seht her, jetzt passiert was wichtiges". Stilistisch ist das immer mal wieder eher die Holzhammermethode, so auch bei den schon angemerkten Wetterphänomen.

    Heißt das kleine Mädchen jetzt Adelè oder Adela? Ich habe beide Schreibweisen in meiner Ausgabe gelesen. Sehr seltsam!


    Was mich in deutschsprachigen Büchern immer wurmt ist, dass fremdsprachige Passagen, hier z. B. Adelès französische Sätze, nicht übersetzt werden. Wird davon ausgegangen, dass alle Leser:innen des Französischen mächtig sind? Ist es denn so schwierig, eine Fußnote zu setzen? Hrrrr!

    In meiner Ausgabe heißt das Mädchen Adelé und die französischen Sätze sind mit Endnote versehen, also nach dem eigentlichen Roman mit Übersetzung aufgeführt, was ich auch sehr notwendig finde (zwei Semester Französische für Historiker an der Uni reichen definitiv nicht, um die Sprache flüssig lesen zu können). Ich vermute, dass es hier um die Originalität des Textes geht, dass diese Sätze also auch im Original französisch waren (was damals als Fremdsprache bestimmt verbreiteter war).


    Da Jane Eyre schon in der Erstausgabe so heißt vermute ich, dass dies die ursprüngliche Namensvariante ist, und dass die französische Variante von Adelé zum einen eine Angleichung an deren Sprache darstellt, und zum anderen durch die Verniedlichung vielleicht auch die Anhänglichkeit an die Gouvernante symbolisieren soll.

  • Juva

    Der Wechsel von Vergangenheit zu Gegenwart ist mir auch aufgefallen, aber ich war darauf vorbereitet. In meiner Ausgabe gibt es im Nachwort einen Hinweis dazu.

    Ich akzeptiere das nur, weil es ein klassisches Werk ist. Bei einem modernen Roman hätte ich das Buch abgebrochen. Obwohl ich selbst mit der deutschen Grammatik auch nach 30 Jahren auf Kriegsfuß stehe, fällt mir das bei anderen auf und es nervt 8o

  • Zur Schreibweise ist folgendes zu sagen. Am Beginn wird sie von Mrs Fairfax als Adela vorgestellt, diese ist aber der französischen Sprache nicht mächtig.


    Da ja in Zukunft hauptsächlich Jane Eyre mit ihr zu tun hat und über sie spricht, verwendet die den korrekten Namen des Mädchens nämlich Adèle.


    Adelé kommt nirgendwo vor und ist auch sehr unüblich.

  • Adèle, nicht Adelè!

    Ups!

    Wenigstens war ich konsequent ^^


    Ich bin mitten im 13. Kapitel, Rochester hat Jane zu sich befohlen, um sie auszufragen. Er wirkt echt nicht sympathisch. Hätte ich den Roman als Erwachsene zum ersten Mal gelesen, ich hätte Rochester zum Kotzen gefunden (glaube ich).


    Landschaftsbeschreibungen mag ich in Büchern nicht so gerne, daher muss ich mich immer zwingen, die komplett zu lesen und nicht einfach zu überfliegen. Wie haltet ihr das?


    Thornfield liegt ein wenig abgelegen, und Jane fehlen schon bald neue Eindrücke. Ich kann sie verstehen, sie ist noch sehr jung und braucht Abwechslung. Allerdings ist, meiner Meinung nach, alles besser als Lowood. Dort brauchten die Schülerinnen ja später nicht mehr zu hungern, aber vom Leben kriegten die nichts mit. Ich kann mir schwer vorstellen, dass eine Person, die schüchterner/weniger aufgeschlossen ist als Jane, ihr Leben nach Lowood irgendwie meistern kann.

  • naja ein Herzerl ist er eh nicht :)  Aeria


    Ich habe begonnen das neue Buch zu lesen.


    Schreiben wir gleich hier miteinander durcheinander, oder brauchen wir einen neuen Unterthread für das Jean Rhys Buch?


    Ich glaube die Protagonistin hat gar nichts mit Jane Eyre bzw. Bertha zu tun, die Autorin war nur von Bertha inspiriert. Mal schauen - auf jeden Fall ist es auch ein Coming-of-Age Roman.

  • Ich glaube, ich fände es übersichtlicher, wenn wir für die Rhys einen eigenen Thread hätten. Den Vergleich zu Jane Eyre können wir dort ja trotzdem ziehen.


    Wenn die Mehrheit es anders sieht, kann ich aber auch damit leben, wenn wir hier weiterschreiben.

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    Leonard Cohen





  • Adèle, nicht Adelè!

    Ups!

    Wenigstens war ich konsequent ^^

    Und ich habe mich da auch direkt ohne nachzudenken angeschlossen... ;)


    Ich habe, nachdem ich gestern endlich mit dem ersten Monatsrundenbuch durch war. heute morgen mit "Jane Eyre" direkt das zweite beendet (war eine Stunde früher wach).


    Ich hatte tatsächlich vergessen, dass der Teil der Geschichte, der zwischen Janes Flucht aus Thornfield und dem Wiedersehen mit Rochester liegt, mir schon bei den ersten beiden Malen, als ich das Buch gelesen habe, nicht gefallen hat. Zum einen finde ich den Zufall, dass Jane ausgerechnet ihre Verwandten trifft, und bei diesen dann auch noch direkt ein Unrecht wieder gut machen kann, einfach zu dick aufgetragen. Zum anderen mag ich St. John Rivers einfach nicht und kann auch nicht verstehen, dass Jane die Diskussion um den Heiratsantrag wieder und wieder und wieder mit ihm führt. Dieser Handlungsstrang hat etwas religiös Verbissenes, das ich nicht gut ertragen kann, wahrscheinlich spricht hier die Autorin doch sehr stark in ihrer Rolle als Pfarrerstochter.


    Die Mischung aus Tragik und schmalzigem Happy End am Ende des Romans ist dann wieder ok, weil sie in die Entstehungszeit des Romans passt. Außerdem ist Jane bei allem, was mich an ihr auch genervt hat, eine Protagonistin, der ich ein kleines bißchen Glück gönne.


    Heute abend werde ich dann hoffentlich mit der Sargassosee anfangen können.

  • Außerdem ist Jane bei allem, was mich an ihr auch genervt hat, eine Protagonistin, der ich ein kleines bißchen Glück gönne.

    Auf jeden Fall. Und ich gebe zu, ich stehe manchmal auf Happy Ends :)

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen





  • Wenn wir dabei sind zu schreiben was befremdlich ist, finde ich das übersinnliche miteinander Kommunizieren auch sehr gewöhnungsbedürftig.

    Nach dem Motto der über Distanzen mitfühlenden Zwillinge hat ja Rochester auch nach Jane gerufen, als sie meilenweit weg war und sie hat ihn gehört.


    Dennoch ist es für mich ein gut zu lesendes Buch. Es spiegelt die Zeit wieder, den Hang zur Mystik und Geistergeschichten, dennoch den Aufbruch in modernere Welten. Jane ist auf jeden Fall eine starke Persönlichkeit, die ihren Weg allein in der Welt macht und nach ihren eigenen Vorstellungen lebt.


    Ich vergleiche immer auch ein bisschen mit Jane Austen, weil wir ja ein paar Leserunden zu ihr hatten. 50 Jahre Entwicklung machen viel aus, die industrielle Revolution beschleunigt auch den Fortschritt in der Gesellschaft und der Soziologie der Gesellschaft.


    Das was uns am meisten nervt, sind ja Dinge, die wir in Bezug zu unserer heutigen Zeit sehen. Mir geht es zumindest so.


    Diese Zufälle und diese idealisierte Liebe kann man auch als Parabeln lesen. Klar kann vieles historisch und literaturhistorisch erklärt werden, aus meiner Leseerfahrung bleibt es aber dennoch etwas befremdlich.


    Im Großen und Ganzen ist es für mich dennoch so alle 10-15 Jahre mal lesbar :)

  • Mir hat Janes Selbstverständnis über weite Strecken gut gefallen und ihr Bestreben, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden. Mein Lieblingszitat ist "I am no bird, and no net ensnares me. I am a free human being with an independent will [which I now exert to leave you]".


    Für die damalige Zeit schon eine ganz gute Ansage, finde ich.

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    Leonard Cohen





  • Ich will auch auf keinen Fall zu viel kritisieren - wenn ich das Buch bei bisherigen Lesedurchgängen nicht gemocht hätte, wäre ich keinesfalls zum Re-Read bereit gewesen. ;)


    Ich mag Jane als Protagonistin für ihre Geradlinigkeit und ihr Streben nach Unabhängigkeit, beides ist ja durchaus moderner als für ihre Zeit üblich. Auch, dass sie sich eine Beziehung auf Augenhöhe erhofft und nicht bereit ist, sich "ins gemachte Nest" zu setzen, und dafür ihre Ideale zu opfern, macht sie zu einer modernen Heldin.

    Probleme habe ich mit den religiösen Bezügen, die zeittypisch durchaus passen, sich für mich als heutige LeserIn aber einfach aufgesetzt und über ihre eigentliche Bedeutung hinaus überhöht anfühlen. In diesen Kontext könnte man durchaus auch die übernatürlichen Erlebnisse einordnen.


    Ich finde den Vergleich mit Jane Austen schwierig. Auf den ersten Blick hatte ich für mich selbst klar, dass ich Jane Austens Werke lieber mag, weil sie gesellschaftskritischer sind. Aber stimmt das eigentlich? Natürlich spricht sie Probleme dezidierter an, aber ihre Protagonistinnen bleiben letztendlich auch immer Teil der Gesellschaft, und die wirtschaftlichen Probleme werden dann doch durch Heirat bewältigt. Da ist Jane Eyre eigentlich konsequenter in ihrem Streben, sich auf eigene Füße zu stellen. Trotzdem stört mich bei ihr, dass sie, die die Armut ja unmittelbarer erlebt als Austens Heldinnen, einen Aufstieg innerhalb der Gesellschaft anstrebt und sie nicht wirklich kritisiert. Aber auch das ist letztlich wahrscheinlich eine sehr moderne Sichtweise, die den ZeitgenossInnen der Autorinnen ziemlich fremd gewesen wäre.

  • Mir geht es eher umgekehrt. Ich mag zwar auch Jane Austens Bücher (manche mehr, manche weniger), aber Jane Eyre hat einen besonderen Platz in meinem Leserinnenherz erobert, weil sie über das übliche Korsett von Heirat und Familie hinausdenkt und sich, für jene Zeit wirklich fortschrittlich, zuallererst als eigenständigen Menschen betrachtet.


    Den Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg kann ich ihr nicht verdenken (gerade nach ihrem eher schwierigen Start ins Leben), zumal es ihr dabei keinesfalls ums Prestige geht. Ein bisschen Sicherheit, auch finanziell, Zuwendung, einen Ort, wo sie hingehört und nicht bloß geduldet ist - das sind ja alles Dinge, die guttun und das Leben leichter machen.


    Die religiöse Komponente wirkt aus heutiger Sicht natürlich etwas "drüber", aber da darf man wohl einfach nicht vergessen, wie präsent und allbestimmend der Glaube und die Religion damals noch waren. Das hatte ja sogar vor 50-60 Jahren noch einen komplett anderen Stellenwert als heute.

    If you don't become the ocean, you'll be seasick every day.

    Leonard Cohen





  • Wie oben schon geschrieben, die industrielle Revolution beschleunigt die soziologische Entwicklung enorm. In 50 Jahren ist viel passiert.

    Dasselbe gilt ja auch für unsere Zeit. Vor 50 Jahren waren wir noch analog, heute sind wir großteils digitalisiert.